Management-Moment der Woche: Denken Sie an das unsichtbare Publikum!
Das ist passiert
Dass die Reform der Sozialsysteme ein Konfliktpunkt zwischen den Regierungsparteien CDU und SPD ist, dürfte kaum überraschen. Mit welchen Worten Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas vor einigen Tagen die Argumente von Bundeskanzler Friedrich Merz zurückwies, ließ die Öffentlichkeit dennoch aufhorchen.
Bei einer Rede vor den NRW-Jusos in Gelsenkirchen sagte die SPD-Politikerin: „Diese Debatte gerade, dass wir uns diese Sozialversicherungssysteme und diesen Sozialstaat finanziell nicht mehr leisten können, ist – und da entschuldige ich mich jetzt schon für den Ausdruck – Bullshit.“ Die Aufmerksamkeit der jungen Genossen war ihr sicher.
Dennoch stellt sich auch für Führungskräfte immer wieder die Frage, wie sehr sie ihre Ausdrucksweise an die Adressaten anpassen sollten. Was bringt einem das? Und wann sollte man es lieber lassen?
Das können Sie daraus lernen
1. Den eigentlichen vom offensichtlichen Adressat unterscheiden
Die Frage, wen die Aussage letztlich erreicht, stellen sich Führungskräfte noch viel zu selten, so die Beobachtung von Rhetorikexpertin Hilge Kohler. „Je höher jemand in der Hierarchie aufsteigt, desto größer wird sein unsichtbares Publikum“, sagt die Trainerin, die seit 20 Jahren auch Führungskräfte coacht. Wenn sich ein Geschäftsführer äußert, erreicht er damit im Zweifel nicht nur die direkt angesprochenen Vertriebler, sondern alle Mitarbeiter oder sogar Kunden. Prägnante Aussagen werden schließlich beim Plausch in der Kaffeeküche oder in sozialen Netzwerken verteilt. Und die Wortwahl, mit der der Chef ein neues Produkt beschreibt, werde von den Verkäufern „auch an die Kunden weitergegeben“, sagt Kohler.
Auch Bärbel Bas dürfte das unsichtbare Publikum genaustens im Blick gehabt haben. „Ich kann mir vorstellen, dass das Erreichen der Jusos nur ein Aspekt war“, vermutet Hilge Kohler. Die Bullshit-Aussage sei „ein verbales Auf-den-Tisch-hauen“ gewesen, um sich Gehör in der breiten Öffentlichkeit zu verschaffen. „Sie hätte ja auch sagen können: ‚Ich halte es für falsch, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können.‘ Aber damit hätte sie viel weniger Aufmerksamkeit für ihre inhaltliche Argumentation geschaffen.“
2. Die Situation ist wichtiger als der Adressat
Auch der heraufziehende Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen könnte eine Rolle bei Bas' drastischer Wortwahl gespielt haben. Wichtiger als der Adressat ist laut Hilge Kohler nämlich oft die Situation, in der die Führungskraft spricht.
Gehe es etwa in einem Managementmeeting um geplante Entlassungen, fallen häufig Wörter wie „strategische Neupositionierung“ oder „Personalanpassungen“. Dieser BWL-Sprech ist in diesem Rahmen durchaus angemessen. Doch vor den Mitarbeitern braucht es dafür eine gänzlich andere Kommunikation. „Hier geht es um Emotionen“, betont Kohler. „Und diese muss eine Führungskraft ausdrücken.“ Auch Chefs und Chefinnen können sagen, wie sehr sie eine Entscheidung schmerzt und dass sie verstehen können, wenn die Beschäftigten nun erstmal enttäuscht und wütend sind. „Leider fehlt dieses Wortrepertoire in den meisten Unternehmen“, sagt Kohler.
3. So präzise wie möglich
Je heterogener die Zuhörerschaft ist, desto komplizierter wird die Ansprache auch in vermeintlich einfachen Situationen. „Dann braucht es auch mal mehr Worte, damit sich alle berücksichtigt fühlen“, sagt Hilge Kohler. Stellt die Geschäftsführung etwa ein neues Gebäude vor, das „mehr Flexibilität im Arbeitsalltag“ schaffen soll, sollte das Management nicht bei dieser oberflächlichen Phrase bleiben. Die Expertin empfiehlt, in der Vorbereitung solche Allgemeinplätze zu identifizieren und zu präzisieren. „Für die Kollegen aus der Forschung ist es vielleicht wichtig, dass Wände verschoben werden können, um größere Flächen zu schaffen“, sagt Kohler. „Sind die aber bei der Präsentation gar nicht anwesend, kann ich diese Erläuterung weglassen.“
4. Die individuelle Note beibehalten
Solche strategischen Überlegungen sollten allerdings nie dazu führen, die „individuelle Note“ aufzugeben. Wer eine Rede zunächst für sich allein probt, und zwar laut, der hilft Passagen herauszufiltern, mit denen er sich unwohl fühlt, die sich nicht nach einem selbst anhören.
Von deftigen Vokabeln, wie der von Bas bemühte Bullshit, rät Rhetoriktrainerin Kohler CEOs und anderen Führungskräften grundsätzlich ab. Denn damit setzt die Führungsriege einen Ton im Unternehmen, bei dem man sich zumindest fragen kann: Wollen wir so miteinander umgehen?