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Motivation und Antrieb „Unternehmer sollten sich ihren Gott gut aussuchen“

Eine Person löst kreativ ein Problem Illustration Quelle: imago

Müssen Unternehmer besessen, kreativ, beides oder keines davon sein? Der Wirtschaftsethiker Nils Ole Oermann über unternehmerische Kreativität, Künstler-Wahnsinn und den unbedingten Willen zum Erfolg.

Herr Professor Oermann, müssen Unternehmer zwingend besessen sein?
Unternehmer müssen jedenfalls eines: kreativ sein. Im Kreativen lebt ihr Gott. Ganz im Sinne Luthers: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott! Mein Rat an die Unternehmer wäre allerdings, sich ihren Gott gut auszusuchen: Dionysos vermittelt steile Höhenflüge, aber meist geht unterwegs der Treibstoff aus. Apollon, der Gott der Klarheit, der mit dem Bogen auch auf große Entfernungen Treffende wie Heilende, scheint da die bessere Wahl. Oder weniger mythologisch: Erwartet wird von einem guten Unternehmer eine klare Geschäftsidee, weitsichtige Planung, brillantes Marketing. Rückschläge werden bandagiert oder vernäht und geschient. Ansonsten gilt: volle Konzentration auf den Geschäftserfolg, bis auch der Rest der Welt begriffen hat, dass er das Angebotene braucht. 

Zu Zeiten von Alfried Krupp oder Robert Bosch dominierten Begriffe wie Fleiß, Selbsterziehung und Maßhalten. Wie erklären Sie sich dieses Umdenken?
Es hat da niemand „umgedacht“. Die Zeiten sind andere, und da sind es die Selbstverständnisse natürlich auch. Krupp und Bosch lebten in einer Zeit der Realien, des Handfesten, des Glaubens daran, dass sich die Menschheit Schritt für Schritt und Kolbenstoß für Kolbenstoß aus den Niederungen hochhebeln würde in ein technisches Paradies. Der Glaube ist mehrfach widerlegt worden, zuerst im Ersten Weltkrieg, und danach noch viel zu oft.

Und heute?
Heute leben wir in einer Zeit der Irrealien, des Virtuellen, der Verflüssigung aller Gewissheiten. Niemand glaubt mehr an die Alles-gut-Lösung. Niemand glaubt mehr, dass er als Unternehmer eine Dynastie von sieben mal sieben Generationen auf den Weg bringt. Und alle wissen, dass Selbstdisziplin hilft, dass aber der Geschäftserfolg nicht nach dem Maß der Selbstdisziplin zugeteilt wird. Also leben erfolgreiche Unternehmer meist die alten Tugenden, aber ohne Heilserwartung. Das kann man als die professionellere Haltung ansehen, aber es hat auch etwas von spiritueller Verarmung, denn die Alten glaubten ja an ihr Ethos.

Zur Person

Hat sich mit der Entwicklung des Kapitalismus auch das Bild des Unternehmers gewandelt, in Richtung eines bis zum Äußersten angespannten und sich verausgabenden Antreibers? Hat sich der Kapitalismus gewandelt?
Nun, italienische Bankiers des 15. Jahrhunderts fänden sich heute vermutlich nach kurzer Eingewöhnungszeit gut zurecht – jedenfalls besser als viele der krisengebeutelten Banker des 21. Jahrhunderts. Aus deutscher Sicht: Ist unser heutiges Bild vom Unternehmer das eines angespannten Antreibers? Eher wird doch der kumpelnde „Meine Mitarbeiter sind mein wichtigstes Kapital“-Therapeut goutiert und plakatiert, auch von Unternehmerseite, auch von denen, die in Wahrheit wirklich nichts als die Peitsche schwingen. Mein Bild des guten Unternehmers: Er hat einen Plan, er will etwas, das ihm gut erscheint, er arbeitet mit Hingabe daran und weiß auch zu schätzen, was andere dazu beitragen. 

Erleben wir in unserer gesamten Kultur eine Neubewertung der Gefühle als Motoren des Fortschritts? Die berühmten „animal spirits“?
Das ist auch nur eine Mode, glaube ich. Und wer mit der Zeit geht, ist schnell Witwer. Der Mensch, der normale jedenfalls (darf man eigentlich noch „normaler Mensch“ sagen?), ist doch zusammengebacken aus beidem, aus Sinn und Sinnlichkeit, aus Vernunft und Gefühl, aus „ratio“ und „emotio“. Immer wenn der einen Sphäre das Übergewicht zugesprochen wird im Handeln und Unternehmen – „homo oeconomicus“ oder „animal spirits“ -, immer dann hält sich die Theorie ein Auge zu und glaubt, nun sähe sie aber viel besser. 

Dass Besessenheit etwas sein könnte, das die Welt besser macht - das konnte sich die Tradition von Augustinus bis Adam Smith nicht vorstellen. Woher kommt die traditionelle Abwehr gegenüber starken Gefühlen und Leidenschaften?
Obsessionen im Sinne der platonischen „mania“, vulgo: „Wahnsinn“ des Künstlers (ich denke dabei immer eher an Kinski), sind wie Drogen anregend, aber eben auch oft zerstörerisch. Da wird dann leicht ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt, und dann bleibt man selber oder bleiben andere auf der Strecke. Aber eine gewisse Besessenheit ist oft nötig, um etwas Großes zu schaffen, das verbindet die Kreativen ­– vom Künstler bis zum Unternehmer. Ich erinnere mich an einen Selbstbericht des Schriftstellers Walter Kempowski über seine Arbeit an dem grandiosen Werk „Echolot“. Er habe so viel gearbeitet und arbeiten wollen, sagte er da, dass er, um Zeit zu sparen, sich während des Toilettengangs die Zähne geputzt habe. Das ist schon milde besessen, aber vielleicht hätte er es ja sonst nicht geschafft.

Man muss sich fokussieren können?
Ja, zwischen Besessenheit und Flow – da gibt es eine „grüne Grenze“. Das macht den meisten Leuten ein wenig Angst. Und zu Augustinus und Adam Smith: Augustinus wusste ja nur zu gut, was Besessenheit ist. Er hat lange nach dem Motto gelebt: Lieber Gott, mach' mich keusch und fromm, aber bitte nicht gleich. Und Adam Smith hat eine Theorie der moralischen Gefühle entwickelt und war ein kühler Spötter, gerade was die Motive von Unternehmern betrifft. Der konnte sich Besessenheit in dem Bereich eigentlich fast nur als kriminelle Energie vorstellen.   

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