Werner knallhart: Was der Türspalt in öffentlichen Toiletten über die deutsche Innovations-Angst verrät

Wir müssen über ein Tabu reden. Oberste Regel in öffentlichen Toilettenkabinen: Niemals nach oben blicken! Ich erkläre gleich warum.
Zunächst einmal halten wir fest: Der deutsche Kult um den Datenschutz bremst uns aus. Wenn ich sehe, wie Leute im Supermarkt den Betrag von 87 Euro 34 passend bar zahlen wollen und dafür in ihrem armdicken Portemonnaie fingern und kramen und wühlen, während den Kunden in der Schlange dahinter ihr Viennetta-Eis auf dem Fließband durch die Umverpackung suppt, verzweifele ich an meinem Land.
Doch die Befürchtung der Barzahler ist ja: Wer mit Karte zahlt, verrät der Bank, dass er für 87 Euro 34 bei Edeka eingekauft hat. Und am Ende, wer weiß, wer weiß, könnte das ja irgendwie zum Untergang der freien westlichen Welt führen, wenn erstmal – ja was eigentlich?
Die Vorstellung, dass Amazon noch weiß, dass wir im Jahr 2013 mal einen elektrischen Eierkocher von Severin bestellt haben, bringt uns um den Schlaf. Weil das ja womöglich auf US-Servern gespeichert ist. Und das ist ja irgendwie kritisch.
Aus mir völlig unerklärlichen Gründen nehmen wir aber hin, dass wir in der Arztpraxis vor allen anderen Patienten begrüßt werden mit „Hartmut Meier, geboren 13. August 1971, richtig? Stimmt die Adresse Beethovenstraße 14 noch? Gut, heute steht ja Ultraschall an wegen der Nierensteine, näch?“
Gleichzeitig fürchten wir, dass dank der neuen elektronischen Patientenakte unsere Zahnärztin aus Versehen lesen kann, dass wir sechs Wochen zuvor wegen einer Blasenentzündung beim Hausarzt waren.
Und jetzt mal weitergedacht, Freunde! Dass jemand das Handy über die WC-Kabinen-Wand hält und uns beim Austreten filmt, mit allem, was bei diesem Prozess dazugehört (und das ist im Extremfall das Gegenteil von fotogen), diese wirklich real existierende und in Nullkommanix realisierte Gefahr nehmen wir unbeklagt hin. Weil das vor zwanzig Jahren ja auch niemand gemacht hat.
Es kursieren natürlich längst Videos von Menschen, die heimlich beim Verrichten ihrer Notdurft auf dem Bahnhofsklo oder bei McDonald´s oder so per Smartphone abgelichtet wurden. Weil wir die privatesten, diskretesten und pikantesten Augenblicke unseres Alltags neben wildfremden Menschen abhandeln, getrennt allein durch eine fingerdicke Spanplatte. MIT EKLATANTEN LÜCKEN!
Handbreite Spalte unter WC-Türen und Trennwänden, klaffende Leere von einem halben Meter zur Decke, diese Konstruktionen stammen aus Zeiten, in denen praktisch kein Mensch eine Kamera dabei hatte, geschweige denn eine Filmkamera. Und wenn dann doch mal ein Irrer einen Schnappschuss ergattern konnte, so fand dieser ja niemals den Weg in die breite Öffentlichkeit.
Heute ist Ihr unbeholfenes Nesteln am Klopapierspender in angestrengter Hockstellung, dokumentiert von schräg oben oder gar von unten, in wenigen Sekunden einer Milliardenöffentlichkeit zugänglich.
Und es reicht ein Foto oder ein Videodokument von nur ein, zwei Sekunden, ein kurzer Schwenk, jeden von uns für immer damit online identifizierbar zu machen. Künftig dank KI noch besser als heute. Wenn man unsere Namen in der weltweiten Fotosuche eingibt und dann neben LinkedIn-Fotos mit PR-Grinsen und Urlaubsfotos mit Cocktail in der Hand dann eben auch Aufnahmen von uns über einer weißen Keramikschüssel aufploppen. Womöglich für immer.
Wir schreien zurecht auf, wenn mal wieder irgendein gekränkter Ex Nacktfotos seiner ehemaligen Partnerin öffentlich macht. Und nehmen gleichzeitig Kabinen-Spalte hin.
Aber wer ist bitte schön so pervers, so gemein, so niederträchtig, solche WC-Videos anzufertigen? Natürlich fast niemand. Fast! Und wenn es nur einer spontanen Erpressung dient: „100 Euro jetzt und hier. Und ich lösche das Bild.“
Bevor wir allein um unsere sorglose Zukunft bangen wegen Kartenzahlung, Videoüberwachung im Bahnhofsviertel, der Ortungsfunktion in Handy-Apps und personalisierter Zugtickets, sollten wir bitte dringend kollektiv eins fordern: Rundherum verschlossene Klos in Restaurants, Raststätten, Theatern, Kinos, Hotelbars, Schulen, Fitnessstudios, Parks, Einkaufszentren, Flughäfen und Bahnhöfen.
Die Firma Sanifair etwa baut bis heute nagelneue Anlagen mit Lücken und Spalten wie in den 1970ern! Während etwa die Hotelkette Motel One zumindest in den mir bekannten Häusern im öffentlichen Barbereich sympathische, ruhige, verschlossene Kabinen bietet. Mit Belüftung.
Die Spalte nachträglich zu schließen, geht auch ohne Grundsanierung. In Dänemark habe ich jüngst an einer Autobahnraststätte gesehen, wie man billig nachrüsten kann: Mit winzig gelöcherten Blechdächern auf den Kabinen. Frischluft ist gesichert. Ein Herüberlangen mit Cam unmöglich.
Diese Abriegelung hat auch noch einen anderen Vorteil: Man hört die Verdauungsgeräusche der anderen nicht so sehr.
Doch so lange Deutschland aus dösiger Tradition diese unsäglich ekelhafte Indiskretion zigtausendfach bundesweit hinnimmt, gilt die oberste Regel: Blicken Sie nicht nach oben. Erst recht nicht auf Zuruf. Starren Sie nach unten. Denn von unten zu filmen, ist zwar auch möglich, für die Täter aber mit dem höheren Risiko verbunden, vom Abgelichteten erwischt zu werden.
Von oben aber sind ja wohl minutenlange Dokumentationen möglich. Wer dann auf den einen Ruf „Hallo, hier oben“ für eine Sekunde neugierig seinen Kopf hebt, ist identifizierbar. Nicht hochgucken!
Halten Sie diesen Ansatz etwa für paranoid? Naja, dafür zahle ich fast ausschließlich mit Karte. Sogar den Eintritt am Drehkreuz von Sanifair.
Lesen Sie auch: KI im Job: Welche Branche als erste stirbt
