Werner Knallhart: Im ÖBB-Nachtzug nach Wien: Ist das noch menschenrechtskonform?

Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen einer Telefonzelle einst und einem 3er-Schlafwagenabteil der ÖBB heute? Antwort: An einer Telefonzelle hat damals keiner die Tür aufgerissen und gesagt: „Die Fahrkarten bitte!“
Ach, im Zug war alles so demütigend. Kurz vor Ostern hatte ich in einem Anfall von Bahnnostalgie zwei Freunde kurzerhand zu einer Nachtzugfahrt nach Wien eingeladen. Das Ganze war kein Schnäppchen, gut 1100 Euro hin und zurück. Aber meine Güte, ich hatte ja auch das Abteil mit eigenem Klo und heißer Dusche angeklickt. Man macht so etwas ja nicht alle Tage.
Als der Zug am frühen Abend im Tiefgeschoss des Berliner Hauptbahnhofs angerattert kam, schwante mir schon beim Blick auf die Wagen, die ich in diesem Stil in meiner Erinnerung zuletzt 1993 auf InterRail betreten hatte: Aus goldenen Bechern werden wir nicht trinken. Es stellte sich später heraus: Wir würden an diesem Tag aus gar keinen Bechern mehr trinken.
Bevor wir unser uns zugeteiltes Abteil zu dritt betreten konnten, mussten wir uns absprechen: Wer geht als erstes rein und verstaut den großen Koffer so, dass noch Platz für Person 2 und 3 entstünde? Gabriel sagte: „Weg!“ und quetschte sich und den Koffer in die Ecke hinter dem Rund der Badezimmerwand. Dort befand sich ein kleiner Notklappsitz, der Koffer diente ihm nun hochkant immerhin als Rückenlehne.
Der zweite, der kleinere, Koffer musste nun unter der Decke auf Höhe des dritten Etagenbettes verstaut werden. Das war schon heruntergeklappt. Das mittlere noch nicht, das untere diente umgebaut als Sitzgelegenheit für Person 2 und 3. Und offensichtlich so manchem als weich gepolsterte Trittstufe zum Verstauen des Gepäcks ganz oben.
Der Zug fuhr pünktlich los. Er gehörte ja zur ÖBB.
Chris öffnete die Tür zur Nasszelle und hätte um ein Haar meine Hand zwischen Türblatt und Tischplatte eingeklemmt, denn zwischen die beiden ging beim Aufschwenken kein Haar. Da hatten Ingenieure vor langer Zeit Feinschliff walten lassen. Was waren die deutschen Designer des alten Wohnwagens meiner Eltern in den Achtzigern doch für platzverschwenderische Versager gewesen. Dort gingen noch Türen auf, ohne dass man Hände wegziehen musste.
„Ach, der Duschkopf ist auch der Wasserhahn?“
„Ja, nu, wenn es Raum spart.“
Chris öffnete das Ventil. Wasser spritzte ihm vom seitlich undichten Duschkopf entgegen. Ich dachte an die 1100 Euro und sagte: „Es tut mir alles so leid.“
„Ach“, sagte Gabriel, „ist doch witzig“.
Er saß ja auch in seiner trockenen, wenn auch zugigen Nische. Aber ja, so musste man es betrachten, um nicht zu verzweifeln: als teuren Witz.
Die Abteiltür wurde aufgerissen und der Schaffner reichte uns drei Piccolöchen Söhnlein-Sekt – ohne Gläser. Aber immerhin aufs Haus. Eine alkoholfreie Alternative zu erfragen, kam nicht in Betracht. Der Mann war schon weg.
Dann kreuzten wir unsere drei Frühstückskarten an. Sechs Elemente pro Person waren inklusive. Ich wählte Tee, Apfelsaft, Joghurt, „Gebäck“, Käse, Marmelade. Ich hatte vergessen, dass ich im Urlaub morgens um 5 Uhr 30 für gewöhnlich nicht zu frühstücken pflege.
Später sammelte der Schaffner die Fahrkarten und die Frühstücksbestellungen ein und machte sich ans Bettenbauen. Im wahrsten Sinne. Dafür musste unsere Tischplatte herausgetragen und im Gang irgendwie provisorisch unter einem Fenster hinter einem Handlauf verklemmt werden. Dann stellte sich heraus: Am Sicherheitsnetz des mittleren und oberen Bettes, das im Falle einer Notbremsung oder eines wilden Albtraumes die Schlafenden an Brust und Hüfte vom Herabstürzten aus geschätzt anderthalb respektive zweieinhalb Metern abhalten sollte, fehlten sämtliche Schnallen. Da hatte sich jemand der Fahrgäste einen Scherz erlaubt. Und die ÖBB hatte für uns alles so belassen. Für 1100 Euro.
„Ja“, maulte der Schaffner schuldbewusst, „das kommt leider immer mal wieder vor. Das ärgert mich auch.“
Das klang nach keiner Lösung. Am Ende hatte der leidgeprüfte Mann die Gurte mit irgendwelchen Doppelknoten zu einem wilden Geflecht verzurrt, von dem wir zwar hofften, es würde im Notfall seinen Dienst tun und uns einigermaßen Schutz vor Unfallverletzungen bieten, das aber doch so hilflos hingemurkst aussah, als würde man nach einem Hurrikan vom einstigen Zuhause retten, was noch zu retten ist. Das war er: Der NightJet der ÖBB von Berlin nach Wien.
Ich dachte an meine Nachtzugfahrt aus dem Süden Thailands nach Bangkok vor 15 Jahren. Damals hatten wir die Schlitze der Klimaanlage mit dickem, schwarzem Klebeband verschlossen, weil uns so schrecklich kalt war. Das sah ordentlicher aus. Und wir fühlten uns damals sicherer. Und wir hatten mehr Platz!
Jetzt erinnerte ich mich zudem an den Duschkopf und sagte: „Gibt es kein intaktes Abteil?“
Der Zugbegleiter sagte: „Nicht in meinem Wagen. Ich mache mich nebenan beim Kollegen schlau und melde mich.“
Wir haben ihn an diesem Abend nie wieder gesehen.
Da nun die Betten gemacht waren und wir einander nun nicht mehr gegenüber saßen, sondern mangels anderer Sitzgelegenheiten mit eingezogenen Köpfen übereinander auf den Laken kauerten, entschlossen wir uns, uns schlafen zu legen. Um 22 Uhr noch was.
Und zwar: Das erste Mal seit Jahren ohne Zähneputzen. Tja, denn alles andere war trotz eigenem Badezimmer sinnlos. Bis wir in der unfassbaren Enge unsere drei Zahnbürsten aus dem eingequetschten Gepäck oben, unten, hinten, innen heraus operiert gehabt hätten, wäre wohl schon das Frühstück serviert worden. Und der Duschkopf war ja eh kaputt.
Das Frühstück kam in der Früh pünktlich. Die Getränke sogar in Mehrwegbechern mit Gummideckeln. Becher! Der Schaffner konnte mit meinem Lob dazu nichts anfangen. Vorher waren wir noch schnell aus den Federn geworfen worden. Die Betten mussten ja umgeklappt werden. Aus Gabriels Bett ganz oben ertönten dumpf schlaftrunkene Flüche.
Die Becher waren das Beste am Frühstück.
Das erkannten wir erst auf der Rückfahrt von Wien nach Berlin zwei Tage später. Dort gab es nur noch dünnwandige Einwegbecher. Immerhin für jeden von uns einen. Ich sag’s nur. Denn es gab dieses Mal nur ein Duschtuch für drei Leute. Aber zum Duschen war es eh zu eng. Die Angst, das ausströmende Duschwasser würde in wenigen Sekunden die Atemluft aus der Nasszelle verdrängen und uns nass und nackt ersticken lassen, war zu groß.
Zähne geputzt haben wir uns vor Berlin aber dann doch. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass man uns am Bahnsteig schon am Atem als ÖBB-Nachtzug-Opfer erkennt.
Denn ich bin und bleibe Bahnfan. Ich gebe nicht auf. Ab Hamburg fahren modernere ÖBB-Wagen. Mit. Mehr. Platz. Man hat also verstanden da unten in Österreich. Irgendwann, irgendwann starten die neuen Züge ja vielleicht auch mal ab Berlin. Dass die Deutsche Bahn den Eisenbahnerehrgeiz aufbringt, sich mal selber einen genialen Nachtzug auszudenken, der es mit den ÖBB-Schlafbatterien aufnimmt, davon wage ich nicht mehr zu träumen.
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