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Gutes DesignWie der Stuhl zur Schnittstelle wird

Gutes Design schafft mehr als schöne Oberflächen. Es formt unseren Umgang mit den Dingen, prägt das Image von Marken – und gestaltet über digitale Interfaces die Interaktion mit den Produkten.Dieter Schnaas 04.08.2018 - 08:40 Uhr
Foto: imago images

Design ist keine Kunst. Auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das Kunstauktionshaus Grisebach hat Anfang Juni neben Aquarellen von Emil Nolde und Mischtechniken von Anselm Kiefer auch einen „Schneewittchensarg“ von Hans Gugelot und Dieter Rams verkauft, die legendäre Radio-Phono-Kombination der Firma Braun aus dem Jahr 1956. Bei einer Gianni-Versace-Retrospektive in Berlin setzten die Ausstellungsmacher Kleider und Puppen wie Objekte und Statuen in Szene. Und der Möbelhersteller Vitra in Weil am Rhein auratisiert in seinem Museum Stühle, Leuchten und Bestecke, als seien Gebrauchsgegenstände eigensinnig, wie ein Rembrandt oder Rubens, allen praktischen Zwecken enthoben.

Sind sie natürlich nicht. Anders als Kunstwerke gewinnen Designerzeugnisse ihre Stimmigkeit nicht aus sich selbst heraus. Sie begegnen uns nicht als unlösbares „Rätsel“ (Theodor W. Adorno) und vermögen uns auch nicht mit einem unbegreifbaren Wahrheitsgehalt zu bezwingen. Stattdessen müssen sie (manchmal verbergend) zeigen, dass sie zu etwas da sind. Müssen ihre Relevanz unter Beweis stellen, ihre Funktion. „Denkt man an die Möbel, auf denen wir sitzen, und an die Typografie der Texte, die wir lesen“, schreibt der Philosoph Daniel Martin Feige, so wäre „die Vorstellung seltsam, dass wir die ästhetischen Eigenarten dieser Gegenstände kontemplativ und um ihrer selbst willen wahrnehmen.“

Warum also haben Designer so lange versucht, ihr Gestalten und Entwerfen als Teildisziplin der Kunst zu nobilitieren? Warum fällt es ihnen zuweilen schwer, zu akzeptieren, dass es sich bei Kunst und Design um ganz unterschiedliche Formen des Ästhetischen handelt? Die Kunst ist ein Medium der Selbstverständigung und Neuaushandlung unseres Weltbezugs: In der Betrachtung autonomer Artefakte „gewinnen wir selbst und unsere Welt jeweils eine neue Kontur“, so Fiege. Alles Design hingegen ist an seinen Gebrauch gebunden, ist eine ästhetische Form der praktischen Welterschließung – im Wege einer adaptierenden Umgestaltung dessen, was uns täglich zuhanden ist: ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett.

Design als geformte Funktion? Das klingt zunächst einmal dürr. Aber weil der Gebrauch eines Gegenstandes nicht nur dessen Design bestimmt, sondern das Design des Gegenstandes auch dessen Gebrauch, ist jeder Entwurf eines Stuhles zugleich eine Neuinterpretation des Sitzens. Und das ist noch nicht alles. Denn als Ausdruck dessen, was sein Designer (und sein Käufer) unter Sitzen versteht, erfüllt der Stuhl auch dann seine – ästhetische – Funktion, wenn der Nutzer ihn wegen seiner – praktischen – Funktion gerade nicht in Gebrauch hat. Das heißt: Ein Designstuhl signalisiert jederzeit, was sein Designer (und sein Käufer) unter Sitzen versteht. Er ist nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein Bedeutungsträger: „Kaum eine Form, die nicht neben ihrer Angemessenheit an den Gebrauch auch Symbol wäre.“ (Adorno)

Wenn aber Designphilosoph Thomas Lockwood, Juror des Red Dot Award, davon spricht, dass „Design und Innovation“ heute „Lebensadern“ moderner Unternehmen seien, dann meint er damit nicht nur die Zeichenhaftigkeit einzelner Designgegenstände, sondern den übergeordneten Signalcharakter des Designs schlechthin: Ein skulpturaler Röhrenverstärker demonstriert und symbolisiert technische Perfektion, gewiss, aber er übersetzt auch das Selbstverständnis des High-End-Herstellers in eine ästhetische Formsprache und vermittelt monetarisierbare Emotionen. Sein Designer ist ein Kommunikator, der ein distinktes Stilbewusstsein bewirtschaftet, ein Markenmanager, der es „nicht mit künstlerischen Formen, sondern mit Lebensformen zu tun“ hat, so der Philosoph Norbert Bolz. Ein Badarmaturenhersteller wie Dornbracht verkauft daher keine Brausen mehr, sondern den „Spirit of Water“ und den „Lebensraum Bad“.

Formvollendet
Pur in der Form, edel in der Anmutung: Mit der am Auslauf sanft geschwungenen Wascharmatur der chinesischen Marke Rifeng zieht Eleganz ins Badezimmer ein, samt Wohlgefühl und praktischem Mehrwert: Ein Display auf der Vorderseite des gläsernen Bedienknopfs zeigt, umrahmt von einem zarten Lichtkreis, die aktuelle Wassertemperatur an.

Foto: PR

Kraftstrotzend
720 PS hat der Sportwagen 720S des britischen Herstellers McLaren unter der Haube. Die wollen inszeniert werden, mit aerodynamischer Front, muskulösen Hüften, fließendem Heck und nach oben wie nach vorn sich weit öffnenden Flügeltüren. Das spektakuläre Design verdankt sich einer Konstruktion aus Kohlefaser: Sie ermöglicht eine Rundumsicht von fast 360 Grad.

Foto: PR

Faltbar
Die Marke go!mate liebt es unkompliziert, vor allem unterwegs. So ist die Idee für stæp entstanden, eine Kombination aus Tretroller und Skateboard. Er ist leicht, man kann ihn falten, und es gibt ihn in einer normalen wie elektrifizierten Variante, beide mit hydraulischen Scheibenbremsen.

Foto: PR

Variantenreich
Eine Uhr voller Möglichkeiten: Teile der TAG Heuer Connected Modular 45, wie das Titangehäuse, die Hörner oder die Faltschließe, können ausgewechselt und zu einer neuen Uhr konfiguriert werden. Besonderer Luxus: Das Smartwatchmodul kann gegen ein Automatikwerk eingetauscht werden.

Foto: PR

Streichelweich
Warum müssen wir uns im Bad immer mit harten Materialien umgeben? Mit Fliesen und Keramik? Die Marke Bette zeigt, dass es anders geht, und inszeniert das Bad als Wohnzimmer. Die von Dominik Tesseraux entworfene Linie Lux Oval Couture zeigt Wannen, die mit wasserresistentem Stoff in Weiß, Anthrazit oder Moosgrün ummantelt sind.

Foto: PR

Gutgelaunt
Für den hyperaktiven Büromenschen ist der Hocker uebobo der ideale Untersatz: Seine Ergonomie ermöglicht es, wie auf einem Gymnastikball in Bewegung zu sein. Und seine farbenfrohe Gestaltung sorgt garantiert für gute Laune – im Büro und zu Hause.

Foto: PR

Eigensinnig
Schluss mit Förderbändern und Sortiersystemen! Die Gepäckrobotertruppe Fleet operiert nach dem Prinzip der Selbstorganisation. Jeder Transporter befördert ein Gepäckstück und bestimmt von sich aus die optimale Route durch den Flughafen.

Foto: PR

Hautnah
Für die Freunde des überwachten, optimierbaren Körpers bietet die SmartVest einen neuen, intelligenten Ansatz zur Erhebung von Fitnessdaten. Zwölf eingewebte Elektroden erfassen die bioelektrischen Impulse des Körpers und liefern ein vollständiges „12-Kanal-EKG“. Zudem ist das Sensorhemd robust: Es kann mehr als 100 Mal gewaschen werden.

Foto: PR

Plastikfrei
Mit dem weltweit zunehmenden Kaffeekonsum steigt auch die Menge des zurückbleibenden Kaffeesatzes. Der Designer Julian Lechner hat ihn als Recyclingmaterial für seinen garantiert plastikfreien Kaffeebecher entdeckt. Besondere Eigenschaften: Er ist spülmaschinenbeständig, seine Oberfläche erinnert an Holz und verströmt obendrein einen aromatischen Kaffeegeruch.

Foto: PR

Leichtgewichtig
Mit maximal 295 Kilogramm, je nach Ausstattung, ist der Tragschrauber MTOsport ein Leichtgewicht. Der Carbon-Korpus besticht durch die elegante Linienführung. Weitere Meriten: beheizbare Ledersitze und verstellbare Steuerpedale. Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h.

Foto: PR

Messerscharf
Ein Steakmesser, das mit chirurgischer Präzision schneidet. Kein Wunder, es wird – wie die dazugehörige Gabel – aus Chirurgenstahl geschmiedet. Das Spezialbesteck der Bieler Manufaktur sknife liegt perfekt in der Hand und sieht, nun ja, sehr schnittig aus: Walnussgriff und Klinge fließen förmlich ineinander.

Foto: PR

Innovativ
Mit dem Arona als ersten Kompakt-Crossover der Marke konnte Seat neue Wege gehen. Entscheidend für den Sieg in der Kategorie Produkt Design 2018 waren sowohl das Design des Exterieurs und des Interieurs als auch die hohe Personalisierbarkeit des Arona. Beispiel Innenraum: Die Mittelkonsole ist prominent herausgehoben, was sich auch positiv auf die Sicherheit und Ergonomie des Fahrzeugs auswirkt. Denn alle Elemente sind so angeordnet, dass der Fahrer nur in Ausnahmesituationen den Blick von der Straße nehmen muss.

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Heimelig
Elektronik und Intelligenz stecken mittlerweile in vielen Geräten, die sich auch entsprechend aufführen. Wie Google Home, ein sprachgesteuerter Lautsprecher, der in diesem Jahr die Designauszeichnung „Best of the Best“ der Red-Dot-Jury erhielt. Die Begründung: Das Programm habe keine sichtbaren Knöpfe oder Tasten, sondern lasse sich über einen unauffälligen Touchscreen intuitiv steuern. Die Verwendung von Stoff lasse die Technologie in den Hintergrund rücken.

Foto: PR

Instinktiv
Mit stilistischer Geradlinigkeit und harmonischen Proportionen zieht die Alfa Romeo Giulia die Blicke auf sich. Die muskulöse Linienführung verspricht Emotion und Fahrspaß. Für die Balance aus Tradition, Sportlichkeit und Eleganz wurde sie jetzt mit dem Red Dot Design Award 2018 in der Kategorie Produktdesign ausgezeichnet.

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Modern
Gutes Design ist nie zeitlos, aber langlebig, im besten Falle wächst es einem über lange Jahre ans Herz. Bei dem Aion verbindet Lamy das langlebige und minimalistische Design mit progressiven Details: Eine unkonventionell geformte Feder, die innovative Oberflächenstruktur sowie die nahtlose Fertigungsweise machen diesen Füller zu etwas Besonderem.

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Präzise
Der Dialoggarer von Miele verspricht Sternequalität in der heimischen Küche. Durch intelligente und punktgenaue Energieabgabe können Sie Lebensmittel mit unterschiedlichen Garzeiten gleichzeitig zubereiten. Selbst scheinbar Unmögliches funktioniert, wie das Garen eines Fisches in einem Eisblock, ohne dass dieser dabei schmilzt. Die Technik ähnelt der einer Mikrowelle, der Dialoggarer wirkt aber mit viel geringerer Leistung auf das Gargut, nutzt ein Spektrum an Frequenzen statt nur eine einzige – und er misst permanent, wie viel der ausgesandten Energie das Lebensmittel tatsächlich aufgenommen hat. Den Zubereitungsprozess regelt er dementsprechend nach.

Foto: PR

Entspannend
Das Design der Handbrause Axor Raindance von Hansgrohe folgt mit ihrem abgerundeten, flächigen Kopf und dem kurzen Griff dem Wunsch nach einer großzügigen Kopfbrause mit ruhigem, leisem, weichem Streichelstrahl, der den Körper großflächig benetzt, sodass die Tropfen nach dem Anprall nicht von der Haut wegspritzen, sondern an ihr herabfließen. Der Vorteil: Die Brause verbraucht weniger Wasser, die Strahlarten lassen sich durch eine Drucktaste leicht umstellen, das Design behält bei aller minimalistischen Klarheit eine gewisse Weichheit.

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Einfach
Der Nissan Leaf macht als meistverkauftes Elektroauto der Welt nicht nur bei der Ökobilanz eine gute Figur: Sein neues durchdachtes Design überzeugte die Jury des begehrten Red Dot Design Award, die das Elektroauto in der Kategorie Product Design 2018 zum Sieger kürte.

Foto: PR

Allerdings hat man sich das Verhältnis zwischen Designproduzent und -konsument heute nicht mehr binär und sukzessiv vorzustellen – als Herstellung eines Produktes, das (dann) symbolisch zu gefallen weiß oder nicht. Vor 20 Jahren verkaufte das exklusive Klassik- und Jazz-Label ECM mit seinen CDs noch musikalische Inneneinrichtungen, in denen Käufer es sich intellektuell bequem machten. Heute, nach der digitalen Revolution, gestaltet Design zunehmend Prozesse, Interaktionen, Schnittstellen – es muss Nutzer performativ, als ständig verfügbares Assistenzsystem überzeugen, als Produzent eines dauernd bereichernden Flow-Gefühls. Denn Design als Dienstleistung, das meint Vereinfachung, Schwellensenkung, Zugang – die komplexitätsreduzierende Organisation dessen, was im Namen des Nutzers Wunsch und Welt unmittelbar kurzschließt. Es ist „verschwundenes Design“, praktisch unsichtbar, jederzeit ansprechbar - reine Funktion, der materiellen Welt möglichst enthoben: „Alexa? Was unterscheidet Kunst und Design?“

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