Die Letzten ihrer Art: Münchens letzte Glasmaler
Einige Zehntausend Euro dürften hier wohl auf dem Tisch des Ateliers verstreut liegen – in Form dünner Goldblättchen. Manche rechteckig, andere rund oder als Dreieck geformt. Die zwei bis fünf Zentimeter großen, gelb schimmernden Schnipsel werden bald zur Bleiverglasung in der wiederaufgebauten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße gehören.
Ein paar Meter weiter liegt ein Rundbogenfenster der Münchner Frauenkirche. Die Gläser sind verblichen, zerkratzt oder zerbrochen. Um sie zu restaurieren, müssen sie aus ihrem Rahmen genommen werden. Jeder Riss wird geklebt, Fehlstellen werden ergänzt, die Gläser vorsichtig gereinigt, natürlich alles von Hand.
Glasmalermeisterin Raphaela Knein Foto: PR
Zukic, Grafikdesignerin und Journalistin, leitet seit 2015 mit Glasmalermeisterin Raphaela Knein die Gustav van Treeck Werkstätten. Die Glasmanufaktur wurde 1887 vom gleichnamigen Maler gegründet und befindet sich seitdem in einem Hinterhof mitten in der Münchner Maxvorstadt. Die Familie van Treeck hält weiterhin Anteile an der Firma, neben den beiden Geschäftsführerinnen.
Schon im Eingang riecht es nach altem Holz, Farbe und Lösungsmitteln. Im rund zehn Meter hohen Atelier entstehen aufwendig bemalte Bleiglasfenster, farbgewaltige Mosaike und Glasskulpturen. Alles wie vor 100 Jahren, alles Unikate. Ein wunderbarer, verträumter und scheinbar aus der Zeit gefallener Ort.
Kunst für Jedermann?
„Neben uns gibt es in Deutschland nur noch wenige historische Glasmalereiwerkstätten“, erzählt Zukic, „im Designbereich sind wir allerdings die Einzigen.“ Ihre zweite Mission: Die Werkstatt soll sich neben der Restauration auch als künstlerisches Atelier für modernes Design und Innenarchitektur für Unternehmen und Privatleute etablieren.
2015 startete Zukic eine neue Produktlinie für hochwertige Gebrauchsobjekte – Tische, Leuchten, Glasfliesen –, gestaltet von internationalen Designern wie Sebastian Herkner, Elisa Strozyk oder Christian Haas.
Die Preise spiegeln den handwerklichen Aufwand wider: Die Obstschale Wild Bowl aus farbigen, miteinander verschmolzenen Glasresten kostet 435 Euro, der Beistelltisch Pastille mit seinen farbigen Glasscheiben, entworfen von Deutschlands einflussreichstem Möbeldesigner Sebastian Herkner, kostet bis zu 2915 Euro.
Seit 2023 produziert man großformatige Architekturglas-Elemente für Raumteiler, Schiebetüren und Fensterfronten. Die ersten Projekte mit Hotels und Architekturbüros laufen bereits, sagt Zukic. Im 2024 wiedereröffneten Hotel Königshof am Münchner Stachus hängen ihre Spiegel über den Betten. In Berlin, Köln und München zieren Van-Treeck-Mosaike Denkmäler und U-Bahnhöfe.
Trotzdem gestaltet die Firma nach wie vor Kirchenfenster, weltweit – von Los Angeles bis nach Qingdao in China. Die Referenzliste ist ein „Who’s who“ der Kirchenkunst. Dazu zählen die weltberühmten Richter-Fenster der Abteikirche Tholey im Saarland – drei davon stammen von Gerhard Richter, 31 von der afghanischen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi.
„An Aufträgen mangelt es nicht, eher an Fachkräften“, sagt Zukic. 15 feste Mitarbeiter arbeiten im Atelier, unterstützt von freien Mitarbeitern für Großprojekte. Eine einzige Auszubildende lernt gerade die Kunst der Glasmalerei. Der Beruf sei einfach zu unbekannt, so die Chefin: „Wir würden gern mehr ausbilden und brauchen dringend erfahrene Handwerker.“ Interessierten sei eine Führung durchs Atelier empfohlen: „Dem Spiel des Lichts mit farbigem Glas kann niemand widerstehen“, sagt Zukic: Für diesen Zauber hat sie sogar ihre Journalistenlaufbahn beendet.
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