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Glasmalerei an den Richter-Fenstern der Abtei Tholey im Saarland Foto: Gustav Treeck GmbH München/Gerhard Richter 2020

Die Letzten ihrer ArtMünchens letzte Glasmaler

Altes Handwerk, neues Publikum: Wie Glasmalerei wieder modern werden kann – Besuch im Atelier van Treeck, das dabei ist, sich neu zu erfinden.Felix Petruschke 05.07.2025 - 15:53 Uhr

Einige Zehntausend Euro dürften hier wohl auf dem Tisch des Ateliers verstreut liegen – in Form dünner Goldblättchen. Manche rechteckig, andere rund oder als Dreieck geformt. Die zwei bis fünf Zentimeter großen, gelb schimmernden Schnipsel werden bald zur Bleiverglasung in der wiederaufgebauten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße gehören.

Ein paar Meter weiter liegt ein Rundbogenfenster der Münchner Frauenkirche. Die Gläser sind verblichen, zerkratzt oder zerbrochen. Um sie zu restaurieren, müssen sie aus ihrem Rahmen genommen werden. Jeder Riss wird geklebt, Fehlstellen werden ergänzt, die Gläser vorsichtig gereinigt, natürlich alles von Hand.

„Ein großer Auftrag für uns“, sagt 
Katja Zukic – leider aber keine Goldgrube. Wegen des hohen Zeitaufwands seien ­Restaurierungen für Kirchen oder die ­öffentliche Hand oft kaum profitabel. ­Zukic spricht schnell, enthusiastisch, springt durch die Räume. Man merkt sofort: Diese Frau hat eine Mission – und zwar eine doppelte. Sie will bewahren und verwandeln.

Katja Zukic (l.) leitet die Gustav van Treeck ­Werkstätten seit 2015 ­gemeinsam mit
Glas­malermeisterin ­Raphaela Knein Foto: PR

Zukic, Grafikdesignerin und Journalistin, leitet seit 2015 mit Glasmalermeisterin Raphaela Knein die Gustav van Treeck Werkstätten. Die Glasmanufaktur wurde 1887 vom gleichnamigen Maler gegründet und befindet sich seitdem in einem Hinterhof mitten in der Münchner Maxvorstadt. Die Familie van Treeck hält weiterhin Anteile an der Firma, neben den beiden Geschäftsführerinnen.

Schon im Eingang riecht es nach altem Holz, Farbe und Lösungsmitteln. Im rund zehn Meter hohen Atelier entstehen aufwendig bemalte Bleiglasfenster, farbgewaltige Mosaike und Glasskulpturen. Alles wie vor 100 Jahren, alles Unikate. Ein wunderbarer, verträumter und scheinbar aus der Zeit gefallener Ort.

Das Atelier: Schon auf der Treppe riecht es nach Holz, Lösungs­mitteln und Farbe Foto: Gustav Treeck GmbH München/Gerhard Kellermann

Kunst für Jedermann?

„Neben uns gibt es in Deutschland nur noch wenige historische Glasmalereiwerkstätten“, erzählt Zukic, „im Design­bereich sind wir allerdings die Einzigen.“ Ihre zweite Mission: Die Werkstatt soll sich neben der Restauration auch als künstlerisches Atelier für modernes ­Design und Innenarchitektur für Unternehmen und Privatleute etablieren.

2015 startete Zukic eine neue Produktlinie für hochwertige Gebrauchsobjekte – Tische, Leuchten, Glasfliesen –, gestaltet von internationalen Designern wie Sebastian Herkner, Elisa Strozyk oder Christian Haas.

Beistelltisch ­Pastille, entworfen von Sebastian Herkner. Preis: 1562 Euro Foto: PR

Die Preise spiegeln den handwerklichen Aufwand wider: Die Obstschale Wild Bowl aus farbigen, miteinander verschmolzenen Glasresten kostet 435 Euro, der Beistelltisch Pastille mit seinen farbigen Glasscheiben, entworfen von Deutschlands einflussreichstem Möbeldesigner Sebastian Herkner, kostet bis zu 2915 Euro.

Seit 2023 produziert man großformatige Architekturglas-Elemente für Raumteiler, Schiebetüren und Fensterfronten. Die ersten Projekte mit Hotels und Architekturbüros laufen bereits, sagt Zukic. Im 2024 wiedereröffneten Hotel Königshof am Münchner Stachus hängen ihre Spiegel über den Betten. In Berlin, Köln und München zieren Van-Treeck-Mosaike Denkmäler und U-Bahnhöfe.

Kunst am Bau: Wandverglasungen im U-Bahnhof Dülferstraße in München Foto: Gustav Treeck GmbH München/Fabian Frinzel

Trotzdem gestaltet die Firma nach wie vor Kirchenfenster, weltweit – von Los Angeles bis nach Qingdao in China. Die Referenzliste ist ein „Who’s who“ der Kirchenkunst. Dazu zählen die weltberühmten Richter-Fenster der Abteikirche Tholey im Saarland – drei davon stammen von Gerhard Richter, 31 von der afghanischen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi.

„An Aufträgen mangelt es nicht, eher an Fachkräften“, sagt Zukic. 15 feste Mitarbeiter arbeiten im Atelier, unterstützt von freien Mitarbeitern für Großprojekte. Eine einzige Auszubildende lernt gerade die Kunst der Glasmalerei. Der Beruf sei einfach zu unbekannt, so die Chefin: „Wir würden gern mehr ausbilden und brauchen dringend erfahrene Handwerker.“ Interessierten sei eine Führung durchs Atelier empfohlen: „Dem Spiel des Lichts mit farbigem Glas kann niemand widerstehen“, sagt Zukic: Für diesen Zauber hat sie sogar ihre Journalistenlaufbahn be­endet.

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