High-Tech-Region Taubertal: Weltmarktführer in der Pampa
Platz für Mensch und Maschinen: Grünsfelds Bürgermeister Joachim Markert.
Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWocheDas Navi macht einen Bogen um das Taubertal. Auf dem Weg nach Bad Mergentheim lässt es auf der A 3, aus Richtung Frankfurt kommend, die Ausfahrt liegen und empfiehlt den Umweg über die A 81. Der ist schneller.
Effizient die Ziele erreichen – das Navi passt in diese Region, den Main-Tauber-Kreis. Als „lieblich“ bezeichnet das Marketing des Kreises das Taubertal. Das ist es auch mit seinen sanften Hügeln rechts und links der beschaulich mäandernden Tauber, aber es ist vor allem erfolgreich. Außer im Wettstreit um die Talente. Da unterliegt es München oder Hamburg, ja, auch der Region um Stuttgart.
Die Einladung des Main-Tauber-Kreises lockt mit der Aussicht, einige der mehr als 20 Weltmarktführer zwischen Wertheim und Rothenburg ob der Tauber zu besuchen. Und ein wenig von der Kulturlandschaft zu genießen samt Schwarzriesling und Kurgarten. Sie liest sich wie eine Offerte, gleich für immer zu bleiben. „Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen“, heißt es. Und weiter: „Optimale Bedingungen, um Arbeit und Familie in Einklang zu bringen: Attraktive Jobs und eine idyllische Wohngegend.“
Platz 25: Hugo Boss (Metzingen)
Baden-Württemberg kleidet die Wirtschaftswelt ein: Zunächst kümmerte sich der Metzinger Modekonzern Hugo Boss mit seiner Berufsbekleidung um die Arbeiter, nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte er mit Herren-Anzügen für den richtigen Look in den Chefetagen. Erst ab Ende der 1990er Jahre führte Boss auch Damenmode ein und hat sich mit Linien wie Boss Orange und Boss Green vom Business- auch auf den Freizeit- und Sportbereich ausgedehnt. Damit erwirtschaftete „Boss“ Claus-Dietrich Lahrs (Foto) vergangenes Jahr 2,3 Milliarden Euro. Im heimischen Metzingen und rund um die Welt beschäftigt Hugo Boss 11.900 Mitarbeiter.
Foto: dpaPlatz 24: M+W Group (Stuttgart)
Ursprünglich Meissner + Wurst, heute nur noch M+W: Mit dem Bau von Fabriken für Halbleitertechnik, Flachbildschirme oder Fotovoltaikanlagen machte das Unternehmen aus Stuttgart vergangenes Jahr einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. 7.700 Mitarbeiter erwirtschafteten diesen Betrag.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 23: SEW-Eurodrive (Bruchsal)
Seit 1931 stellt SEW Eurodrive im badischen Bruchsal Getriebe und Motoren her. Antriebsautomatisierung ist die Spezialität der 15.000 Mitarbeiter, dabei sind die ehemaligen Süddeutschen Elektromotoren-Werke weltweit führend. Vergangenes Jahr setzte das Unternehmen 2,5 Milliarden Euro um.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 22: Dürr (Bietigheim-Bissingen)
Bekommen Autos ihren Lack, dann kommen meist die Großserienlackierereien der Dürr AG zum Einsatz. Damit verbuchte das Unternehmen aus Bietigheim-Bissingen vergangenes Jahr rund 2,6 Milliarden Euro. Diesen Betrag will Dürr bis Ende dieses Jahres steigern. Die Auftragsbücher seien so gut gefüllt, dass die Stellen der 7.700 Mitarbeiter bis weit ins Jahr 2014 hinein gesichert seien. Rund die Hälfte seiner Aufträge sammelt Dürr in den aufstrebenden Schwellenländern ein. Während andere Unternehmen in Brasilien mit dem flauen Investitionsklima zu kämpfen haben, berichten die Schwaben dagegen über eine starke Marktentwicklung in dem südamerikanischen Land.
Foto: dpaPlatz 21: Mann + Hummel (Ludwigsburg)
Der Umsatz ist zwar genau so groß, wie beim weiter hinten platzierten Anlagenbauer Dürr, dafür beschäftigt das Ludwigsburger Unternehmen Mann + Hummel jedoch deutlich mehr Mitarbeiter: 14.400 Beschäftigte stellen unter anderem Flüssigkeits- und Luftfiltersysteme, Ansaugsysteme und Innenraumfilter her. Bei solchen Geräten, die Wasserfiltrationsanlage auf dem Foto, ist Mann + Hummel Weltmarktführer.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 20: Stihl (Waiblingen)
Bei den Stihl-Timbersports-Weltmeisterschaften in Stuttgart zeigen nicht nur die Teilnehmer ihr Können, sondern auch die Motorsägen des Waiblinger Unternehmens Stihl. Während die Wettkämpfer zuletzt im Oktober wieder Gas gaben, legte der Weltmarktführer bei Motorsägen im Geschäft dieses Jahr eine schwache Leistung hin. Durch den langen Winter auf der Nordhalbkugel haben sich die Menschen dieses Jahr erst später an die Gartenarbeit gemacht, wodurch auch das Frühjahrsgeschäft später gestartet ist. Hinzu kamen die Sparanstrengungen im Euroraum, die öffentliche Ausgaben und privaten Konsum bremsten. Daher erwartet Stihl nur ein geringes Wachstum der 2,8 Milliarden Euro, die 2012 durch 12.300 Mitarbeiter erwirtschaftet wurden.
Foto: dpaPlatz 19: Eberspächer (Esslingen)
Ein schwächeres Wachstum in Asien und die Schuldenkrise in Europa sorgen dafür, dass die Autohersteller ihre Modelle nur mühsam loswerden. Das schlechtere Autogeschäft trifft auch Automobilzulieferer wie Eberspächer. Der Weltmarktführer in Abgastechnik und Standheizungen aus Esslingen konnte seinen Umsatz vergangenes Jahr zwar auf 2,8 Milliarden Euro steigern, der Gewinn ging jedoch auf 71,5 Millionen Euro zurück. Das Unternehmen reagiert und will 300 Arbeitsplätze im Saarländer Werk in Neunkirchen abbauen. Insgesamt waren 2012 rund 7.700 Menschen im Unternehmen beschäftigt.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 18: Wieland-Werke (Ulm)
Mit Kupfer schwangen sich die Ulmer Wieland-Werke zum Weltmarktführer hinauf. Ihre Halbfabrikate aus Kupfer und Kupferlegierungen, sowie ihre hochbelastbaren Buchsen für Verbrennungsmotoren sind weltweit gefragt. Die 6.400 Mitarbeiter erwirtschafteten vergangenes Jahr 2,9 Milliarden Euro.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 17: Getrag (Untergruppenbach)
Bei Doppelkupplungs- und konventionellen Getrieben ist das Untergruppenbacher Unternehmen Getrag weltweit führend. Die 12.800 Mitarbeiter der ursprünglichen „Getriebe- und Zahnradfabrik Hermann Hagenmeyer AG“ trugen vergangenes Jahr drei Milliarden Euro an Umsatz zusammen. Wachstumsmöglichkeiten sieht der Hersteller vor allem im Automatikbereich. Da in Nordamerika und Japan automatische Getriebe seit langem etabliert sind und auch die Chinesen mehr automatische Getriebe nachfragen, geht das Unternehmen davon aus, dass auch Europa demnächst bei der Nachfrage nachziehen wird.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 16: Tognum (Friedrichshafen)
Wenn es um Motoren und Antriebsgetriebe für Geräte und Maschinen abseits der Straße geht, dann ist das Friedrichshafener Unternehmen Tognum international die Nummer eins. Die 10.500 Mitarbeiter sorgten 2012 für 3,1 Milliarden Euro Umsatz. Tognum geht davon aus, dieses Niveau auch dieses Jahr halten zu können.
Foto: dpaPlatz 15: Behr (Stuttgart)
Der Stuttgarter Spezialist für Autoklimaanlagen und Motorkühlung Behr beschäftigte vergangenes Jahr 17.300 Mitarbeiter und erzielte 3,6 Milliarden Euro. Seit Mai 2013 gehört das Unternehmen zum ebenfalls in Stuttgart sitzenden Automobilzulieferer Mahle. Übernahmepläne gab es bereits seit 2010, doch die Verhandlungen stockten, als die EU wegen Verdacht auf Preisabsprachen gegen Behr ermittelt hatte.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 14: ZF Lenksysteme (Schwäbisch Gmünd)
Mit seiner Lenkungstechnik steuerte ZF Lenksysteme in Richtung Weltmarktführerschaft. Das Gemeinschaftsunternehmen von Bosch und ZF Friedrichshafen aus Schwäbisch Gmünd beschäftigt 12.700 Mitarbeiter, die vier Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 13: Carl Zeiss (Oberkochen)
Die Ursprünge des Optikkonzerns Carl Zeiss liegen zwar in Jena, die Konzernzentrale liegt jedoch im schwäbischen Oberkochen. Die US-Truppen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig das sächsische Jena besetzt hatten, zwangen bei ihrem Abzug nach Baden-Württemberg zahlreiche Spezialisten sowie die Geschäftsführung mitzukommen. Dort blieben sie und führten das Traditionsgeschäft weiter. Auch heute sind Carl-Zeiss-Produkte noch weltweit gefragt und geachtet: Mit seinen Objektiven, Beleuchtungssystemen und Brillengläsern erwirtschafteten die 24.300 Mitarbeiter vergangenes Jahr 4,2 Milliarden Euro.
Foto: dpaPlatz 12: Voith (Heidenheim)
Während die Pendler früher in der Bahn mit Büchern oder Zeitungen saßen, haben sie heutzutage stattdessen immer öfter einen Tablet-PC in der Hand. Die Digitalisierung lässt den Papierverbrauch schrumpfen, was dem Heidenheimer Unternehmen Voith zu schaffen macht. Außer in Wasserkraftanlagen, ist Voith auch Weltmarktführer in Papiermaschinen. Vergangenes Jahr erzielte das Unternehmen mit seinen 42.300 Mitarbeitern rund 5,7 Milliarden Euro. Von denen sollen in der Papiersparte bis September 2014 rund 560 entlassen werden. Der Papiermarkt in China wachse zwar, aber das reiche nicht aus, um die Einbußen in Europa auszugleichen.
Foto: dpaPlatz 11: Mahle (Stuttgart)
Überdimensionierte Motorkolben stehen vor der Stuttgarter Konzernzentrale des Automobilzulieferers Mahle. Bei Kolbensystemen, Zylinderkomponenten, Ventiltrieb-, Luft-, und Flüssigkeitsmanagementsystemen ist das Unternehmen weltweit führend. 2012 beschäftigte es 48.000 Mitarbeiter und verbuchte einen Umsatz von 6,2 Milliarden Euro. In der ersten Jahreshälfte 2013 fiel der Umsatz jedoch niedriger aus als im Vorjahreszeitraum. Dies liege vor allem daran, dass die Regierungen in den Absatzmärkten Japan und Brasilien ihre Währungen abwertetet haben. In der zweiten Jahreshälfte will Mahle aufholen und mit dem Umsatz auf dem Vorjahresniveau liegen.
Foto: dpaPlatz 10: Freudenberg (Weinheim)
Ob Auto- Maschinenbau-, Telekommunikations- oder Textilindustrie: Die Weinheimer Freudenberg-Gruppe ist in zahlreichen Branchen aktiv. Weltweit führend ist sie in Dichtungs- und Schwingungstechnik. Ihre 37.500 Mitarbeiter fuhren vergangenes Jahr 6,3 Milliarden Euro ein. Dieses Jahr will das Unternehmen weiter wachsen und setzt dabei vor allem auf das Geschäft in Asien und den USA. Außerdem kauft Freudenberg in den Wachstumsmärkten kräftig hinzu und hat dabei die Bereiche Chemische Oberflächenbehandlung, Medizintechnik, Öl und Gas, Industriefilter und Schwingungstechnik im Blick. Insgesamt hat der Konzern für 2013 rund 300 Millionen Euro an Investitionen geplant, davon 30 Prozent in Deutschland.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 9: Südzucker (Mannheim /Ochsenfurt)
Ein Mitarbeiter läuft auf dem Werksgelände von Südzucker im unterfränkischen Ochsenfurt an einem Berg von Zuckerrüben vorbei. Er ist einer von 17.900 Menschen, die Europas größter Zuckerkonzern vergangenes Jahr beschäftigt hat. Der Umsatz betrug 7,9 Milliarden Euro und soll dieses Jahr immerhin leicht wachsen. In der ersten Jahreshälfte ging der Erlös jedoch zurück, auch der Gewinn brach ein. Schuld seien Exportrückgänge bei Zucker, hohe Rübenpreise bei gleichzeitig niedrigen Zuckerpreisen und die Kosten der Übernahme des britischen Biosprit-Herstellers Ensus.
Foto: dpaPlatz 8: Liebherr (Biberach)
In einigen deutschen Haushalten stehen Kühlschränke von Liebherr, ganz groß ist das Biberacher Unternehmen aber bei den ganz großen Maschinen: Bei All-Terrain-Kränen, Hafenkränen, Mobil- und Raupenkränen ist Liebherr Weltmarktführer. 9,1 Milliarden Euro setzte das Unternehmen vergangenes Jahr damit um und beschäftigte 37.800 Mitarbeiter.
Foto: dpaPlatz 7: Adolf Würth (Künzelsau)
Das Künzelsauer Unternehmen Adolf Würth handelt mit Montage- und Befestigungsmaterial, wie etwa Schrauben. Nachdem der Umsatz 2012 auf 10 Milliarden Euro anstieg, gibt sich der Großhändler nun trotz schwierigem Marktumfeld optimistisch. Denn in einzelnen Branchen wie bei den Baumaschinen-Herstellern und in der Elektronik-Branche gehe es wieder aufwärts. In der Autobranche sei die Lage hingegen weiterhin schwierig.
Foto: dapdPlatz 6: Porsche (Stuttgart)
Den größten Erfolg feiert Sportwagenhersteller Porsche derzeit in den USA und baut kräftig aus: Allein im Leipziger Macan-Werk hat das Stuttgarter Unternehmen rund 700 neue Stellen geschaffen. Vergangenes Jahr erwirtschafteten 17.500 Mitarbeiter rund 13,9 Milliarden Euro, dieses Jahr soll der Umsatz weiter steigen. Allerdings stagnierte der Gewinn im ersten Halbjahr aufgrund der getätigten Investitionen.
Foto: dpaPlatz 5: HeidelbergCement (Heidelberg)
Bei Baustoffen – vor allem Zement und Beton – ist HeidelbergCement führend. 16,2 Milliarden Euro flossen vergangenes Jahr in die Kassen des 52.000 Mitarbeiter starken Unternehmens. Dieses Jahr sollen Umsatz und Gewinn dank Preiserhöhungen und Sparprogrammen steigen.
Foto: dpaPlatz 4: SAP (Walldorf)
Bürosoftware von SAP gehört zum Standard in vielen westlichen Unternehmen – das soll sich auch in China durchsetzen. Das Walldorfer Unternehmen investiert bis 2015 rund zwei Milliarden Euro im Reich der Mitte, die Belegschaft hat es dort bereits auf 4.200 Mitarbeiter verdoppelt. Insgesamt arbeiten 64.400 Menschen für den Software-Riesen, die 16,2 Milliarden Euro an Umsatz einfuhren.
Foto: dpaPlatz 3: ZF Friedrichshafen (Friedrichshafen)
Die einstige Zahnradfabrik Friedrichshafen – heute ZF Friedrichshafen – ist heute Weltmarktführer in zahlreichen Bereichen der Antriebs- und Fahrwerktechnik. 2012 konnten die 74.800 Mitarbeiter den Umsatz auf 17,4 Milliarden Euro steigern – der operative Gewinn ging jedoch zurück. Das liege nicht nur an den schwächelnden Automärkten in Europa und in Schwellenländern, sondern auch an Problemen im neuen Geschäftsfeld Windenergie, mit denen Chef Stefan Sommer (Foto) zu kämpfen hat.
Foto: dpaPlatz 2: Robert Bosch (Gerlingen)
Das Fotovoltaikgeschäft war ein Fehlgriff für Bosch, die Produktion am Solarstandort Arnstadt wird zum Jahresende eingestellt. In den anderen Sparten ist der Weltmarktführer für Elektrowerkzeuge und mikromechanischen Sensoren fürs Auto derweil auf Wachstumskurs. 52,5 Milliarden setzte das Unternehmen vergangenes Jahr um und beschäftigte 305.900 Mitarbeiter.
Foto: dpaPlatz 1: Daimler (Stuttgart)
Der Mercedes-Stern leuchtet mit einem Umsatz von 114,3 Milliarden Euro an der Spitze der Liste aller Weltmarktführer in Baden-Württemberg. Der Stuttgarter Autobauer Daimler gehört zwar zu den weltweit führenden Premiumherstellern in der Automobilbranche – liegt allerdings hinter der Konkurrenz von BMW und Audi in Bayern. Die Wachstumsstrategie 2020 soll das ändern und das 275.100 Mitarbeiter starke Unternehmen wieder zur Nummer eins im Premiumsegment machen. Dazu führt der Konzern unter anderem eine Reihe neuer Mercedes-Modelle ein, die den Absatz ankurbeln sollen.
Foto: REUTERS
Das hat sich nur noch nicht ausreichend herumgesprochen. Findet Jochen Müssig, Dezernent für Kreisentwicklung und Bildung, Wirtschaft, Tourismus und Kultur des Kreises. Die erste Pressereise soll das ändern, wenngleich die Resonanz der Medien auf Anhieb noch nicht so groß ist, wie erhofft. „Aber wir können ja nicht sagen, wir führen es nicht durch“, raunt Rico Neubert, Leiter des Amtes für Strukturentwicklung, Wirtschaftsförderung und Tourismus, einer Journalistin aus der Region vor der offiziellen Begrüßung zu. Gewiss, es kommen Menschen, aber es dürfen mehr sein. Zur Pressereise wie zum Leben und Arbeiten.
Hilfe, wir suchen!
Die Arbeitslosigkeit liegt im Main-Tauber-Kreis bei 3,4 Prozent. „Hilfe, wir suchen...“, beginnt das Stellenangebot einer Metzgerei auf einer großen Tafel an der B 290. Die ist zwischen Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim breit genug, damit Lkws überholt werden können, und Teil der Romantischen Straße. Die Zahl der Bewohner sank in den vergangenen zehn Jahren von 138.000 um 8.000. Geht es so weiter, rechnet Müssig für das Jahr 2030 mit nur noch 123.000. Der Trend soll sich ändern: „Unser Problem heißt Demografie. Kaufmännisch betrachtet, sind junge Leute ein rares Gut.“ Nicht nur, dass Ortschaften wie Assamstadt oder Boxberg-Windischbuch mit München oder Stuttgart beim Werben um Mitarbeiter aus dem In- und Ausland im Wettbewerb stehen – nein, selbst die lokale Jugend ist oft ahnungslos ob der Vorzüge der Region. „Ein Bad Mergentheimer Schüler weiß wenig darüber, was in Wertheim geboten wird“, sagt Müssig.
Raum für Ruhe: Historisches Fachwerk trifft auf nüchterne Nachkriegsarchitektur.
Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Oder in Igersheim. Zum Beispiel Arbeitsplätze in Büros und Produktion, die direkt einem Prospekt für die Zukunft der Arbeit entnommen sein könnten. Das Unternehmen Wittenstein ist ein klassischer Mittelständler, hervorgegangen aus einer Nähmaschinenfabrik von 1949. Heute produziert es mit 1.800 Beschäftigten weltweit elektromechanische Antriebe und Getriebe, die unter anderem im Airbus A380 mitfliegen. Stephan Bug, Leiter Fertigung Elektronik am Standort Harthausen, sechs Kilometer von Igersheim entfernt, verkauft große Ziele mit der Sachlichkeit des Ingenieurs: Umsatzverdoppelung in fünf Jahren, 15 Prozent Wachstum jährlich. Dazu braucht es Mitarbeiter, die in der neu eröffneten Innovationsfabrik Bauteile entwickeln, konstruieren und zusammenbauen. Flexibilität ist hier Programm: Schreibtische wie Werkbänke lassen sich auf Rollen zu neuen Einheiten verschieben, je nachdem, was ein neues Projekt benötigt.
Ein kurzer Weg ist es hinauf zur Innovationsfabrik von dem älteren Bürotrakt, in dessen Entree Pop-Art von James Rizzi hängt. Im Hof bietet ein botanischer Garten mit Pflanzen aus allen Ländern, in denen Wittenstein vertreten ist, Entspannung. Mehrmals die Woche wird er von einem Gärtner gepflegt – eine Idylle, die die Mitarbeiter genießen können, während sie sich über ihre Laptops beugen. Geworben werden sie mit einem blauen Sofa auf Jobmessen. „Pioniere zu uns“ steht da drauf. Bug ist sich sicher, dass das Unternehmen viel zu bieten hat: „Hier bekommen sie einen Überblick über das ganze Produkt nicht nur einen Teil.“
High Tech auf der grünen Wiese: Die Innovationsfabrik von Wittenstein.
Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWocheDer Bürgermeister von Igersheim, Frank Menikheim, begleitet den Rundgang. Er ist stolz auf eine Gemeinde, der es gelungen ist, sämtlichen Abgängern der Hauptschule einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu vermitteln. Probleme, wie sie Menschen aus den Ballungszentrum kennen, tauchen in Igersheim nicht auf. Ob denn bei so viel benötigten Arbeitskräften auch die Versorgung mit Kindergartenplätzen bis in den Abend gewährleistet sei? „Dafür gibt es hier keinen Bedarf“, sagt Menikheim.
Wer an einem Mittwoch gegen 16 Uhr zur Außenstelle Bad Mergentheim des Schraubenimperiums Würth fährt, ahnt, warum: Die Mitarbeiter verlassen in großer Zahl das Gelände in Richtung Heimat, vorbei an den großen Transparenten, die an der Zufahrtsstraße um Mitarbeiter werben. Das tut auch auf seine Weise das 45 Meter messende Hochregallager mit automatischer Bedienung. Es ragt über die Baumwipfel und ist schon von Weitem von der B 290 zu sehen. Lieblich ist allerdings anders. 1999 wurde auf dem Kasernengelände mit gut 70 Mitarbeitern gestartet. Heute arbeiten etwa 1250 Mitarbeiter auf dem 122 Hektar großen Areal, und noch ist Platz für Wachstum.
Die Region litt wie viele andere ländliche Gebiete, als die Bundeswehr zahlreiche Standorte schloss. Sichere Arbeitsplätze gingen verloren, solide, aber wenig reizvolle Bauten sind die Hinterlassenschaften, mit denen die Bürgermeister umgehen müssen. Während Bad Mergentheim mit Würth ein großes Unternehmen gewinnen konnte, werden im i_PARK in Lauda-Königshofen kleinere Brötchen gebacken. Z
immer 07.047 belegt Armin Kordmann, Geschäftsführer der Gesellschaft i_PARK Tauberfranken, die den alten Wohntrakten neues Leben eingehaucht hat: „Das ist noch die Nummerierung von der Bundeswehr, wir haben sie anfangs einfach belassen, später habe ich sie verinnerlicht.“ Die Bäume vor den Fenstern, die die Bundeswehr als Tarnung schätzte, ließ Kordmann abholzen, Baderäume wurden herausgerissen und kleine Gemeinschaftsküchen eingebaut.
Keine sechs Euro kostet hier ein Quadratmeter Bürofläche. Ideal für Neugründungen. Ist ein Trakt mit Mietern belegt, wird der nächste angegangen – zu Beginn hat Kordmann noch selber den Rasen gemäht und Wände in Wischtechnik aufgehübscht; im ehemaligen Offizierskasino werden heute Hochzeiten gefeiert, der Klassenzimmer-Atmosphäre zum Trotz.
Die Versuche, mit Annoncen in Branchenblättern Mieter zu gewinnen, schlugen fehl. Heute läuft alles über Mundpropaganda, und was zählt, ist der Preis: „Da kommt keiner aus Stuttgart und sagt: Herrliche Büros!“ Ein Restaurant ist in eines der Gebäude eingezogen, mit guter Küche, aber schlechtem Handyempfang. „Die Bundeswehr hat immer solide gebaut“, sagt die Kellnerin.
Schnell da, schnell weg
Freie Grundstücke hingegen verspricht der Industriepark ob der Tauber der Gemeinden Grünsfeld und Lauda-Königshofen. Der Schweizer Kaffeemaschinenhersteller Franke hat hier seinen Deutschlandsitz. Er liegt ideal, in der Mitte Europas und nahe der A 81. Man ist schnell da. Und schnell weg. Die Mitarbeiterinnen aus dem Marketing wohnen lieber in Würzburg.
Grünsfelds Bürgermeister Joachim Markert erzählt, wie die hiesige, traditionelle Gastronomie langsam ausstirbt, weil zu viele Betriebe keinen Nachfolger finden und weil es hier genug Arbeit gibt, die nicht in den Abend und übers Wochenende geht. Markert schaut über einen Acker, im Hintergrund locken die grünen Hügel des Umlands. 500 weitere Arbeitsplätze hätten hier entstehen sollen, doch die Zusage eines Logistikunternehmens wurde kurzfristig zurückgezogen. Welches es war, möchte Markert nicht verraten, noch ist die Hoffnung nicht verloren, dass zu den 30 bebauten Grundstücken ein großes dazukommt – für ein internationales Unternehmen mit Strahlkraft.
Der Bürgermeister Markert hätte auch Platz für mehr Eigenheimbebauung, daran soll es nicht scheitern. Unternehmen und Mitarbeiter sind hier sehr willkommen. Es muss sich halt nur noch rumsprechen.