Premiere der MSC Seaside: Kreuzfahrt, quo vadis?
Die Kreuzfahrt-Branche ergeht sich seit vielen Jahren in Superlativen. Doch auch sie muss sich immer wieder neu erfinden.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheMehr Meter. Mehr Meter in der Länge, mehr in der Breite. Mehr Kabinen, mehr Passagiere. Mehr Schiffe auf den Weltmeeren. Mehr von allem. Nun auch vom Meer. Das ist das Versprechen, dass die private Reederei MSC Cruises den Gästen ihres neuen Flaggschiffs, MSC Seaside, gibt. Es ist das erste von sechs neuen Schiffen, die MSC bis 2020 aufs Wasser schicken will. Und es zeigt die Richtung, in die die Reise gehen soll.
Nur wenige Tage, nachdem die Seaside von der Werft Fincantieri unweit von Triest der Reederei übergeben wurde, beherrscht sie festgezurrt am Pier das Stadtbild – es ist in Wassernähe schlicht das höchst und massivste Haus – und hat auf den ersten Blick überall Balkone. 1315 Kabinen von 2066 haben einen. Platz ist kostbar auf einem Schiff, dessen Bau 800 Millionen Euro gekostet hat.
Ihn für Freiflächen auch in günstigen Kabinenkategorien und Terrassen vor den Restaurants zu nutzen, ist ungewöhnlich in einer mit spitzem Stift rechnenden Branche. Doch das Gefühl, dem Wasser nahe zu sein, ist der entscheidende Punkt der Seaside im Werben um die Passagiere.
Die MSC Seaside wirkt im Hafen von Triest mit ihrer Länge von 323 Metern wie ein kompletter neuer Wohnblock.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheVon Deck 13 des 72 Meter hohen Schiffs wirkt die Meeresoberfläche weit entfernt.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheZwei Bowlingbahnen gehören zu den zahlreichen Freizeitangeboten an Bord.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche19 Bars stehen den Gästen zur Verfügung - die in Genf ansässige Reederei lässt in unpassenden Tassen Cappuccino servieren, der einer Bar in der Heimatstadt der Werft, dem italienischen Triest, keine Schande machen würde.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheKreuzfahrt - das klingt noch immer für viele Menschen nach exklusivem Luxus. Da darf eine Champagnerbar nicht fehlen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheFür bis zu 5119 Gäste - und natürlich das Personal - wird an Bord täglich gekocht. Das Restaurant Seashore umfasst allein 1670 Quadratmeter. Die Desserts sollen dennoch auch hohen Ansprüchen genügen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheDie MSC Seaside wäre mit ihren verwundenen Fluren weitläufig genug, dass man sich ein Fahrrad wünscht. Die E-Bikes stehen allerdings als Leihfahrräder für Landausflüge zur Verfügung.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheDas Selbstbedienungs-Restaurant "Marketplace" mit mehr als 2000 Quadratmetern Fläche bietet das, wonach vielen Reisenden am meisten der Sinn steht. In den oberen Decks wird mit Steak- und Sushi-Bar (gegen Aufpreis) aber auch mehr geboten als Burger, Fritten und Pizza.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheDie Flure sind Bordeaux-Rot gehalten. Sie führen zu den 2066 Kabinen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheElektronische Armbänder mit Verbindung zu einer eigenen App sollen die Orientierung im Schiff erleichtern - statt einer Decknummer können Gäste sich aber auch die Namen merken.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheMensch (rechts), Auto (links), Schiff (im Hintergrund) - die Größenverhältnisse lassen die gigantischen Ausmaße der MSC Seaside ahnen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheDas Heck der MSC Seaside soll an die Architektur von Miami Beach erinnern. Im Vordergrund: Die maltesische Flagge, unter der das Schiff fährt.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheDie Gäste des sogenannten Yacht Clubs haben einen eigenen Bereich, der ihnen exklusiv zur Verfügung steht, dazu zählt diese Terrasse oben auf dem Schiff.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheWäre die MSC Seaside ein Gebäude - es wäre das höchste in Triests Innenstadt.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheSchaumwein aus dem Weingut von Brad Pitt gehören zur Ausstattung der Restaurants.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheIn der Bar des Yacht Clubs werden die Cocktails fachkundig zubereitet.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheWer auf hoher See auf viel Platz in der Kabine spekuliert, muss sich umorientieren. Effizienz bei maximaler Heimeligkeit ist das Konzept einer Doppelkabine mit Balkon.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheWer an Bord der MSC Seaside etwas Ruhe sucht, wählt eine Anwendung im Spa oder zieht sich auf seinen Balkon zurück.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheShoppen gehört zu den wichtigen Themen an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Auf der MSC Seaside gehören dazu auch Gemälde.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheWo bin ich? Diese Frage stellt sich dem Passagier rasch. Infotafeln sollen bei der Orientierung helfen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheMöglichst viele Terrassen für Frühstück, Mittagessen und Abendessen zu schaffen war der Fokus bei der Planung des Schiffes.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheRechts im Bild kaum zu erkennen: Die MSC Seaside im Hafen von Triest. In der Mitte des Bildes ihr Zwillingsgeschwister in der Werft von Triest. Die MSC Seaview soll Mitte 2018 fertig werden.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheBlick auf einen der Whirlpools im Freien. Die MSC Seaside wird in der Karibik kreuzen. Dort ist das Wetter passend für zahlreiche Sonnenbäder.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheRaucher dürfen auch an Bord. Und dort sogar rauchen. Aber nur an dieser Stelle.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheEine der Rutschen ragt über den Bordrand hinaus. Eine durchsichtige Passage soll den Nervenkitzel erhöhen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheEines der Restaurants, das Seashore, ist für Gäste, die ihr Dinner gerne serviert bekommen. Trotz mehr als 1600 Quadratmetern herrscht eine quirlige Atmosphäre.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWochePassagiere, die nach der Buchung noch Geld übrig haben, können es im Casino einsetzen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheIm Vordergrund ein umweltfreundlicher Bus der Verkehrsbetriebe in Triest. Die MSC Seaside im Hintergrund setzt zwar auf moderne Abgasreinigung - Kritiker der Belastung der Umwelt durch die Kreuzfahrt wird das nicht zum Schweigen bringen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheRichtig gesehen: Schnee. Der Eisraum im Spa ist zum Runterkühlen gedacht.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheIm Spa an Bord werden zahlreiche Anwendungen geboten. Allen gemein: Aufwändige Handtucharrangements auf den Liegen.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWocheGäste des "Yacht Club" haben exklusiven Zugang zum Restaurant und der Lounge hoch oben auf dem Schiff.
Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche
Auch wenn es auf dem Kreuzfahrtmarkt derzeit nur ein mehr an Mehr zu geben scheint. Expansionspläne wie die von MSC im Umfang von rund 10 Milliarden Euro sind keine Seltenheit. Die Pläne der großen Kreuzfahrtkonzerne sehen aus wie der überfüllte Wunschzettel eines Kleinkinds. Im März 2015 bestellte die in Panama versteuernde Carnival Corporation neun Kreuzfahrtschiffe, die zwischen 2019 und 2022 bei den Werften Fincantieri, Meyer Turku und der Meyer Werft gebaut werden sollen.
Der Kritik zahlreicher Umweltaktivisten und Problemen in den Häfen zum Trotz setzen die Wettbewerber von Aida über Costa bis TUI auf immer größere Kapazitäten. Das neue Flaggschiff MSC Seaside bildet den Auftakt zu einer Verdreifachung der Passagier-Kapazitäten. Kabinenplatz für rund fünf Millionen Passagiere soll bis 2026 geschaffen werden, kurz vor der Vorstellung der Seaside in Triest gab die Reederei einen weiteren Auftrag für ein großes Schiff bekannt.
Von "rasantem Wachstum" spricht der deutsche Vertriebsleiter vor den anwesenden Reisebüro-Mitarbeitern und -inhabern. "Denn ohne Sie geht das nicht", sagt er gut gelaunt in der sogenannten "Haven Lounge", durch die auch schon mal ein Hauch von Schwimmbadduft ziehen kann, während der Gast am Cocktailtisch einen vorbildlich zubereiteten Cappuccino trinkt.
Die Reederei versucht den Spagat zwischen einem Angebot für den breiten Geschmack mit Burgern, Pommes und Pizza im Selbstbedienungsrestaurant auf der einen, aber auch Sushi unter der Lizenz eines amerikanischen Starkochs und vor allem dem "Yacht Club" auf der anderen Seite. Dahinter verbirgt sich ein im oberen, vorderen Teil des Schiffs abgegrenzter Bereich, der nur den Passagieren zugänglich ist, die einen Aufpreis zahlen für mehr Service, mehr Platz, 24-Stunden-Concierge-Service, 1600 Quadratmeter Sonnendeck – und eben auf Wunsch Abstand zum gewöhnlichen Passagier, der die Woche in der Innenkabine ab knapp 500 Euro pro Person von Miami aus bucht.
Die „Harmony of the Seas“ beim Verlassen des Werfthafens im französischen St. Nazaire. Begleitet von zahlreichen Schaulustigen an Land und auf Schiffen nahm der 362 Meter lange und 72 Meter hohe Gigant am Sonntag Fahrt auf in Richtung Southampton in Großbritannien.
Foto: dpaVon Großbritannien aus (hier in Southampton) brach das rund 1,15 Milliarden Euro teure Schiff nach Barcelona auf. Von dort aus ging es am Donnerstag nun zur ersten Kreuzfahrt Richtung Mittelmeer.
Foto: APLaut Reederei ist Platz für knapp 5500 Passagiere. Während die Innenkabinen des Schiffes mit virtuellen Balkonen auskommen müssen, verfügen die luxuriösen Suiten über einen Zugang zu einem gesonderten Sonnendeck.
Foto: APDie „Harmony of the Seas“ wird mit einer schwimmenden Stadt verglichen: Sie wartet mit 20 Speisesälen, 23 Swimmingpools und einem Park auf, in dem es mehr als 10.000 Pflanzen und 50 Bäume zu bewundern gibt.
Foto: REUTERSEin Blick in den Bauch des gigantischen Schiffes.
Foto: REUTERSSich an Bord zu langweilen wird schwierig. Für Unterhaltung sorgen unter anderem ein Casino...
Foto: REUTERS...ein Theatersaal...
Foto: REUTERS...und nicht nur für die kleinen Gäste auch mehrere Wasserrutschen.
Foto: dpaAm Heck sind die Rutschen über mehrere Stockwerke des riesigen Schiffes installiert.
Foto: REUTERSGerutscht wird durch das weit geöffnete Maul eines Tiefsee-Anglerfischs.
Foto: REUTERSUm den Dampfer zu betreiben, ist jede Menge Personal nötig: Auf den 16 Decks der "Harmony of the Seas" arbeiten rund 2100 Besatzungsmitglieder.
Foto: dpaDie Werft STX France baute die Anfang 2013 in Auftrag gegebene Kreuzfahrtschiff in gut zweieinhalb Jahren.
Foto: dpaGebaut wurde das 120.000 Tonnen schwere Kreuzfahrtschiff für die US-Reederei Royal Carribean Cruises.
Foto: AP
Zum Zugang des dezent untergebrachten Areals mit mehr als 70 Kabinen werden sich nur die wenigsten der maximal 5119 Gäste verirren. Wohl aber mit Pech auf ihrem eigenen Flur, der so weitläufig ist und teils mit Abzweigungen in Sackgassen hinein führt, dass sich der Passagier einen Roller wünschen mag. Oder gleich ein E-Bike, wie sie in der Leihstation für Landausflüge zu bekommen sind.
In einigen Jahren sollen diese sogar an ein exklusiv von MSC Cruises gepachtetes Inselchen in der Nähe des Hafens von Miami gehen. Dort will die Linie den Gästen den gleichen Service an Land wie an Bord bieten – und vermutlich auch dem Gedränge aus dem Wege gehen, dass in einigen Jahren an den beliebten Kreuzfahrtstationen noch stärker wird, wenn der Markt für Kreuzfahrten so mitwächst, wie es sich Investoren oder die Eigner von MSC wünschen.
Stationen wie Nassau oder Cozumel stehen auf dem Routenplan der MSC Seaside, die im Innern wie eine kleine blinkende und lärmende Stadt oder von außen wie ein massiver Wohnblock wirkt, der in den Häfen schlagartig hochgezogen wurde. Sieben Tage auf dem Schiff ist die Regel. Da sind natürlich auch Tage ohne Landgang dabei – doch sie sollen auf der MSC Seaside wie ein Tag im Freizeitbad wirken.
Auf Deck 20 führen zwei Rutschen rechts und links über die Bordkante, mit einer 105 Meter langen Seilrutsche können die abenteuerlich veranlagten Gäste mehr oder weniger über das halbe Schiff schweben. Für die Gesetzteren gibt es ein Spielcasino, Bowlingbahn, Boutiquen, Juwelier und natürlich ein eigenes Theater mit 934 Sitzplätzen, in dem Tänzer und Sänger als eine von sieben Shows eine knappe Vergnügungs-Halbe-Stunde bieten – mit Gassenhauern der Musicalwelt.
Langeweile sollen die Gäste schon fast bewusst anstreben müssen. Leicht macht es ihnen die MSC Seaside nicht. Von den glitzernd funkelnden Treppen im Atrium über die sechs Pools, das voll ausgestatte Fitnessstudio bis zu den Catwalks mit Glasböden, die den Puls nach oben treiben können.
Familien werden mit Kabinen speziell für ihre Bedürfnisse gelockt, ebenso mit Babysitting und Kids Club. Sechs Bereiche für Kinder sind untergebracht – die Kunden von morgen sollen stets gute Erinnerungen an die Urlaube haben.
Überfluss an allem, das ist das Konzept, das einen Schritt auf Tritt verfolgt in den öffentlichen Bereichen, die dem Passagier zu Beginn so verwirren, dass er vergessen kann, wo hinten und wo vorne ist. Und nicht immer ist gerade ein Fenster in der Nähe, aus dem man herausschauen könnte, um festzustellen, in welche Richtung das Schiff gerade sanft durch die See gleitet. Das ihm mitteilen könnte, wo er eigentlich ist: Auf dem Meer.