Frust im Job: Stressabbau mal anders: Was bringt der Besuch im Rage Room?
Ein tiefer Atemzug. Ein Schlag. Es klirrt. Scherben liegen verstreut. Ich stehe in einem fensterlosen Raum und bin von zerbrochenem Geschirr umgeben. Ich schlage mit einem Vorschlaghammer auf einen Backofen. Ein befremdliches Gefühl. Normalerweise ist es nicht meine Art, einfach mal etwas mutwillig zu zerstören.
Und nun stehe ich in einem alten Bunker mitten im Ruhrgebiet und versuche, einen Backofen zu zertrümmern. Ich hole nochmal weit mit dem Vorschlaghammer aus. Weiter als zuvor. Und bei diesem Schlag klirrt es. „Endlich“, denke ich. Dass eine Glasscheibe so widerspenstig sein könnte, hätte ich nicht gedacht.
Mit der Scheibe zerbricht auch mein anfängliches Unbehagen. Ich fühle mich befreiter. Es fühlt sich auch nicht mehr so seltsam an, auf Gegenstände einzuschlagen. Nach und nach werden die Schläge fester. Die zweite Scheibe zerbricht deutlich schneller. Die dritte zerspringt bereits nach wenigen Schlägen.
Den Backofen zertrümmere ich nicht ohne Grund. Mein Ziel ist es, Stress abzubauen. Ich bin in einem Rage Room. Das sind Räume, in denen Menschen ihren Frust und ihre Wut abladen können.
Frauen als Zielgruppe
Ich gehöre offenbar zu der Kernzielgruppe. Rund 70 Prozent der Kundschaft seien weiblich, erzählt mir Dirk Jaresch, Betreiber der „Randalezentrale“ in Hattingen. „Viele Menschen aus sozialen Berufen kommen zu uns, zum Beispiel Krankenschwestern, Erzieherinnen, Lehrer oder Ärzte. Aber auch Selbstständige wollen hier mal Dampf ablassen“, berichtet er.
Ausgestattet mit Helm, Handschuhen und einem Malerkittel darf ich in dem Raum alles zerstören, was sich darin befindet. Um mich herum stehen Autoteile, Reifen, Geschirr und allerlei anderer Kram. Viele kommen her, um ihren Frust über Kollegen oder Führungskräfte abzuladen. Bei mir ist es der Stress durch Donald Trumps Handelspolitik und die daraus resultierenden Folgen.
Nachdem alle drei Scheiben des Backofens in Scherben vor mir liegen, packt mich die Lust. Von meiner anfänglichen Skepsis ist nichts mehr übrig. Ich schmeiße Keramik an die Wand. Haue mit einem Baseballschläger Glasbausteine kaputt. Lache und freue mich über die Geräusche von zerbrochenem Glas.
Tastatur – widerstandsfähiger als gedacht
Dann kommt die Tastatur. Ein Kinderspiel. Eigentlich. Doch die ersten Schläge bleiben erfolglos. Nicht einmal eine Taste springt heraus. Egal, ob ich es mit dem Baseballschläger, der Eisenstange oder der Brechstange probiere. Sie geht nicht kaputt. Der Frust wird nicht weniger, er wächst.
Aber ich gebe nicht auf. Irgendwann fliegen die einzelnen Buchstaben durch den fensterlosen Raum. „Geschafft“, denke ich mir und mache weiter.
Da ich schon dabei bin, Bürogegenstände zu zerstören, suche ich mir als nächstes Ziel den Drucker aus. Er ist kleiner als die typischen Bürogeräte – eher ein typischer Homeoffice-Drucker. Ich schlage einmal zu. Nichts passiert. Ein zweites Mal und wieder passiert nichts.
Einige Schläge später springt er dann doch auf. Doch weder ein angenehmer Sound, wie das Klirren des Geschirrs, ertönt, noch gibt es mir ein gutes Gefühl. Eher war es eine kleine Enttäuschung. Fast schon langweilig.
Später erzählt mir Rage-Room-Betreiber Jaresch, dass Drucker besonders beliebt bei den Besuchern sind. „Menschen haben eine Beziehung zu den Geräten – sie bereiten besonders viel Frust. Papierstau und leere Patronen sorgen im Büro oft für Stress“, erklärt er. Ich bin dann wohl eine Ausnahme und mag es lieber, wenn die Gegenstände ordentlich klirren und zerspringen, wenn sie kaputtgehen.
Es fliegen weitere Gläser und Teller gegen die Wand. Mit dem Baseballschläger zerkleinere ich außerdem einen Beistelltisch. Auch die anderen Werkzeuge teste ich weiter aus.
Mentale und körperliche Erschöpfung
Rund 45 Minuten, nachdem ich den Raum betreten habe, verlasse ich ihn wieder. Ich bin immer noch mit einem Malerkittel bekleidet, trage einen Helm auf dem Kopf und habe Handschuhe an. Doch statt des anfänglichen befremdlichen Gefühls und einer gewissen Nervosität gehe ich nun befreiter und entspannter hinaus.
Von dem Stress, den mir die Börsen, Trumps Zollpolitik und die Bundestagswahl zugefügt haben, merke ich jetzt gar nichts mehr. Stattdessen bin ich völlig fertig – mental und körperlich.
Ich streife den Maleranzug ab und lege den Helm sowie die Handschuhe zurück in ein Regal. Und verlasse den alten Bunker. Ich fühle mich leichter. Es hat Spaß gemacht, den Stress auf unkonventionelle Weise abzubauen. Es tat wirklich gut. Doch zurück im Alltagstrott ist die Erholung schnell wieder verflogen.
Als ich mit Serena Livia Backschat, Psychologin und Mental-Coach, über meine Erfahrung spreche, erklärt sie mir: „Kurzfristig kann so ein Wutraum helfen – vor allem, wenn akuter, kurzfristiger Stress oder starke Anspannung erlebt wird. Bewegung ist grundsätzlich ein guter Ausgleich bei Stress.“
Auch wenn es mir kurzfristig guttat, rät mir Backschat, die auch Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist, von regelmäßigen Besuchen im Rage Room ab. Auf Dauer helfe nur, den Auslöser des Stresses zu finden und ihn zu verändern. „Es geht nicht darum, Stress grundsätzlich zu vermeiden. Es gibt auch positiven Stress, der hilft, Herausforderungen zu bewältigen.“
Ob ich nochmal hingehen werde, weiß ich nicht. Sicher ist aber: Ich habe etwas über mich gelernt und konnte einmal aus mir herausgehen, was ich normalerweise nicht tun würde. In Zukunft werde ich wahrscheinlich trotzdem eher beim Sport als Stresslöser bleiben.