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Rezession und Instabilität So steht der Pegel der Corona-Angst

Während die Börsen während des Coronavirus auf Talfahrt gehen, geht es nicht jedem Unternehmen schlecht. Das zeigt der CoRisk-Index von Forschern aus Berlin und Oxford.  Quelle: dpa

Das Coronavirus verunsichert die gesamte Wirtschaft, vom Konsument bis zum Konzern. Forscher zeichnen die Sorgen nun anhand von Internetdaten annähernd in Echtzeit nach.

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Eine der wenigen nützlichen Folgen der Coronapandemie ist die Tatsache, dass sie Wissenschaftler dazu bringt, im Rekordtempo zu arbeiten. Normalerweise brauchen sie Wochen oder Monate um ein Forschungsprojekt abzuschließen. Nun geht plötzlich alles ganz schnell, so auch bei Fabian Stephany, Fabian Braesemann und vier ihrer Kollegen von Universitäten in Oxford und Berlin, die ihr jüngstes Vorhaben in nur wenigen Tagen umsetzen konnten. Die Eile hat sich gelohnt. Denn die sechs Forscher können nun erstmals ein Maß präsentieren, dass anzeigt, wie groß die Sorgen der Wirtschaft in der Krise sind. Genauer gesagt haben die Forscher die Angst der Unternehmen vor dem Coronavirus vermessen und sie in eine Zahl gegossen, den sie CoRisk-Index nennen

Um diesen zu berechnen, untersuchen sie Risikoberichte, die US-Firmen an die amerikanische Börsenaufsicht SEC liefern. Diese Dokumente seien besonders zuverlässig, weil Unternehmen darin weder einen Anreiz hätten, Risiko aufzubauschen, noch bestimmte Gefahren ganz zu verschweigen. „Das macht es für die Forschung interessant, weil Unternehmen darin nichts beschönigen können“, sagt Fabian Stephany, der am Oxford Internet Institute und am Berliner Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft forscht. 

Zum ersten Mal kam das Virus am 30. Januar in einem dieser Berichte vor. Seitdem haben die Forscher 1733 von ihnen gesammelt. Mithilfe eines Algorithmus, der aus natürlicher Sprache Stimmungen filtert, konnten sie beobachten, wie das Virus die Wirtschaft seit Januar nach und nach erreicht hat. 

Nicht jede Branche ist gleich betroffen

Der Index könnte hilfreich sein, um abzuschätzen, wie stark eine bestimmte Branche fürchtet, unter den Folgen des Virus zu leiden. Aktienmärkte, so Stephany, seien dafür momentan nämlich kein allzu hilfreiches Signal, weil die meisten Kurse gleichermaßen abstürzten. Die Stimmung in Bezug auf COVID-19 aber entwickle sich unterschiedlich. „Es haben nicht alle gleich viel Angst“, sagt der Ökonom. Im Maschinenbausektor und im Handel warnten Unternehmen in ihren Berichten vor schwerwiegenden Folgen für die gesamte Wertschöpfung. In der Finanzwirtschaft und bei Telekommunikationsunternehmen spüre man dagegen noch weniger Sorgen und warte eher ab. 

Fabian Stephany und seine Kollegen sehen daher auch die Politik als Adressaten für den Index, den sie auch als eine Art Fieberkurve der Angst im Netz zugänglich machen. „Momentan schreien alle hier, wenn es um Staatshilfen geht“, sagt Stephany, „Aber der Staat braucht Metriken, um zu wissen, wie stark eine Industrie wirklich besorgt ist.“ Die Sorgen könnten ein Frühindikator sein für Umsätze und Arbeitsplätze in Gefahr und so helfen, die Gelder an die richtigen Adressaten zu vergeben.

Doch auch für Unternehmen könnte der Index interessant sein. Wenn ein einzelnes Unternehmen A heute noch vergleichsweise sorglos sei, aber der Index anzeigt, dass viele Zulieferer bereits in Panik verfallen, dann könne sich A morgen schon auf Probleme einstellen.

Auch Konsumenten sind besorgt

Soweit die Angst der Firmen. Doch eine Volkswirtschaft besteht nicht nur aus Produzenten, sondern auch aus Konsumenten. Und auch an denen geht die Sorge um das Virus nicht spurlos vorbei. Ökonomische Instabilität bedeutet für den einzelnen Menschen eine größere Gefahr, seine Arbeit und damit sein Einkommen zu verlieren. Diese Unsicherheit wiederum dämpft die Nachfrage. Auch hier haben sich Ökonomen deshalb an die Vermessung der Angst gemacht. 

Eine Gruppe um Thiemo Fetzer von der Universität Warwick hat dazu unter anderem Daten von Google-Suchen aus 190 Ländern seit dem Jahr 2004 untersucht. Darin sehen die Forscher, dass die Suchintensität für Schlagworte wie Rezession, Börsencrash, Überlebenskampf und Verschwörungstheorien deutlich anstieg, sobald der erste Coronafall in einem Land gemeldet wurde. Momentan sei das Interesse an solchen Themen um 20 Prozent stärker ausgeprägt als im Oktober 2008 in Folge des Zusammenbruchs der Bank Lehman Brothers. „Das suggeriert, dass ein nie zuvor dagewesener ökonomischer Schock auf uns zurollt“, sagt Thiemo Fetzer.

Gerade in Deutschland scheint die ökonomische Sorge besonders plötzlich aufzutauchen. „Die boomende Wirtschaft der vergangenen Jahre hat wohl auch dazu geführt, dass wirtschaftliche Ängste kaum ein Thema in Deutschland waren“, so Fetzer. Selbst zu den Hochzeiten der Eurokrise seien die Suchanfragen zu den von den Forschern definierten Themen, die auf eine Rezession hindeuten, hierzulande um fast 80 Prozent geringer gewesen als im März 2020. 

Welche Folgen diese wachsende Angst hat, darüber sind sich die Ökonomen auch aufgrund der begrenzten Datenlage noch nicht im Klaren. Allerdings sieht Thiemo Fetzer jetzt schon einen Unterschied zur Finanzkrise: „Anders als 2008 wirkt die aktuelle Krise viel breiter, da es mehr oder minder alle Wirtschaftsbereiche direkt oder indirekt betrifft." Deshalb müsse die Politik auch jetzt schon die langfristigen Risiken betrachten.

Und vor allem: Klar kommunizieren und Ängste nehmen. Denn eine weitere Erkenntnis, die Fetzer und seine Kollegen aus einer Umfrage gewinnen konnten ist diese: Viele Menschen wüssten zu wenig darüber, wie gefährlich das Virus wirklich ist und überschätzten die Sterblichkeitsrate. Gerade diese Personengruppe sei  besonders verunsichert, wenn es um ihre ökonomische Zukunft gehe, sagt Fetzer. Im Umkehrschluss heißt das: „Wenn man die Leute richtig informiert, kann man ihnen auch diese Ängste nehmen.“

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