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Vierbeinige Kollegen Warum Firmen immer öfter Hunde im Büro erlauben

Wann darf der Hund mit ins Büro? Quelle: imago images

Der Trend geht zum Bürohund: Unternehmen gewähren ihren Mitarbeitern vermehrt, ihren Vierbeiner mit zur Arbeit zu bringen. Wie wirkt sich das aufs Arbeitsumfeld aus?

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Der Arbeitstag hat kaum begonnen, da liegt Lili schon gähnend im Konferenzraum. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die 14 Jahre alte Chihuahua-Hündin im Büro wohlfühlt. Besitzer Thomas Nohl krault ihr den Kopf. Er arbeitet als Softwareentwickler bei Sumcumo, das sich auf Digitallösungen für Versicherungen und Lotterien spezialisiert hat – und Hunde am Arbeitsplatz ausdrücklich willkommen heißt.

Allein die Vorstellung hätte bei Bernd Stromberg Schnappatmung ausgelöst. „Ein Hund!? Im Büro!?“, empörte sich die garstige TV-Kultfigur mal in der gleichnamigen Fernsehserie, als ein Mitarbeiter seinen Vierbeiner mit zur Arbeit brachte. Was in der Welt des fiktiven Versicherungsangestellten den Abgesang strammer Tüchtigkeit bedeutet, ist in der modernen Arbeitswelt mehr und mehr akzeptiert. Unternehmen erlauben ihren Mitarbeitern zunehmend, ihren vierbeinigen Liebling mit ins Büro zu nehmen. In der Zentrale des Internetkonzerns Amazon in Seattle zum Beispiel machen sich rund 6000 Hunde unter den Tischen breit.

Und dafür gibt es gute Gründe, findet auch Julia Lees, Mitglied der Geschäftsleitung von Sumcumo. Ein Hund strahle Entspannung aus, bringe die Mitarbeiter zum Lachen, lockere die Atmosphäre auf. Dass sie die Vierbeiner im Unternehmen als Kollegen bezeichnen, hat seinen Grund: „Bei uns haben die Hunde Aufgaben“, erzählt Lees. Lili, die Chihuahua-Hündin, sorgt für Entspannung. Ihre zwei tierischen Kollegen hingegen sind etwas temperamentvoller, spielen auch gerne mal mit den Mitarbeitern. Drei Hunde sind täglich oder zumindest regelmäßig in dem Düsseldorfer Büro – bei 15 Mitarbeitern.

Hunde im Büro wirkten sich positiv auf die Gesundheit der Mitarbeiter aus, sagt Markus Beyer, Hundetrainer und ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesverbands Bürohund. Tatsächlich regt es den Ausstoß des Hormons Oxytocin an, wenn Menschen einem Hund in die Augen schauen oder ihn streicheln. Eine biochemische Reaktion setzt sich in Gang, die das Gefühl von Vertrauen und Zugehörigkeit vermittelt, eine beruhigende Wirkung entfacht – und Stress abbaut. Das merkt auch Beyer, wenn ihn sein Golden Retriever Nando begleitet.

Beyer verweist auf den Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK aus dem vergangenen Jahr: Demnach gingen psychische Erkrankungen zwar etwas zurück, sie sind aber noch immer auf dem dritten Platz der häufigsten Krankheiten. Zwar könne selbst der kuschligste Hund Mitarbeiter, die sich überfordert fühlen, nicht vorm Burnout bewahren. Einen kleinen Beitrag leisten, um den Stresslevel der Mitarbeiter zu senken – das können die Tiere nach Beyers Ansicht allemal.

Allerdings nur, wenn für alle klare Regeln gelten, wie er betont. Das Zauberwort heiße Kommunikation. Alle Mitarbeiter – ob mit oder ohne Hund – müssen darüber aufgeklärt werden, wie man miteinander umgeht. Beyer empfiehlt, dazu einen Rahmenvertrag aufzusetzen – so wie bei Sumcumo. Das Unternehmen hat zehn Gebote für Hunde und ihre Halter formuliert. Zum Beispiel müssen die Hunde stets angeleint sein, gefüttert werden dürfen sie nur außerhalb der Räumlichkeiten. Es gilt: Hundelose Angestellte müssen so arbeiten können, dass sie sich nicht gestört fühlen. Denn Lees weiß auch: „Das Thema birgt Konfliktpotenzial.“

Unter den rund 150 Mitarbeitern in dem gesamten Unternehmen gibt es auch einige, die Angst vor Hunden oder eine Hundehaarallergie haben. Bei Sumcumo ist klar: Das muss in der Planung berücksichtigt werden. Durch einen eigenen Chat-Channel, dem alle Hundebesitzer und Interessenten beigetreten sind, können etwaige Absprachen um geplante Anwesenheiten und Meetings stattfinden. In kleineren Teams ist dies leichter möglich als in Großraumbüros. Hier können schneller Spannungen entstehen – vor allem, wenn der Hund zu stürmisch ist oder im Stundentakt lautstark bellt. Hier muss der Chef die unterschiedlichen Interessen abwägen.

Einen Anspruch darauf, den Hund mit ins Büro zu bringen, gibt es nicht. Untersagt der Arbeitgeber die Tiere am Arbeitsplatz – ob aus Rücksicht vor Menschen mit Angst, Allergien oder einfach, weil Hunde seiner Auffassung nach nichts am Arbeitsplatz zu suchen haben –, so müssen Angestellte dies akzeptieren.

Die drei tierischen Mitarbeiter prägen jedenfalls das Bild von Sumcumo als Arbeitgeber positiv: Beim Bewertungsportal Kununu ist es als eines der hundefreundlichsten Unternehmen Deutschlands aufgeführt. Seine Freundin, so erzählt Thomas Nohl, Besitzer von Hündin Lili, schließt auf der Jobsuche kategorisch Unternehmen aus, die keine Hunde im Büro erlauben. Und sie ist damit offenbar keine Ausnahme mehr auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Fachkräfte rar werden – und deshalb von Unternehmen umgarnt werden wie selten zuvor. Purina, eine Tochtergesellschaft von Nestlé, die Tiernahrung herstellt, hat 2017 in einer Umfrage herausgefunden, dass 70 Prozent der Hundehalter den Büroalltag mit ihrem Haustier verbringen wollen. Fünf Jahre zuvor waren es nur 29 Prozent.

Beyer bemerkt bei seiner Vereinsarbeit bereits, dass mehr und mehr Unternehmen auf den Hund kommen. Baten vor sechs Jahren, als die Interessengruppe ihre Arbeit aufnahm, eher noch Hundehalter um Tipps, wie sie den Chef überzeugen können, den Hund mit ins Büro zu bringen, so wenden sich heute vor allem Unternehmen an Beyer und sein Team. Vielleicht gehört neben flachen Hierarchien auch der Hund bald zur New-Work-Welt.

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