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Aktienmärkte nach dem Kursrutsch Was Experten Börsenanlegern jetzt raten

Die Börsenwoche war turbulent, Aktionäre brauchten gute Nerven. Experten geben Empfehlungen ab – und beziehen sich dabei auch auf Warren Buffett.

DüsseldorfSo starke Kursschwankungen wie zuletzt haben Anleger lange nicht mehr erlebt. In den vergangenen Monaten war es mehr oder weniger störungsfrei aufwärts gegangen. Doch nun ist die Volatilität zurück.

Auslöser der Turbulenzen waren gute US-Arbeitsmarktdaten, die am vorletzten Freitag veröffentlicht wurden. Die Zahlen schürten Zins- und Inflationsbefürchtungen. Wachsende Ängste der Anleger ließen die Notierungen an der Wall Street abstürzen. Die Schockwellen waren rund um den Globus zu spüren. Das Ergebnis: ein Minus von gut zehn Prozent dies- und jenseits des Atlantiks.

Aber haben viele Investoren vielleicht überstürzt und panisch verkauft? Schließlich sagte der legendäre Warren Buffett einst: „Wenn jemand gute Aktien hat, wäre er verrückt, wenn er nur wegen eines Kursrückschlags verkaufen würde.“

Er warnte damit vor emotionalen Anlageentscheidungen. Und solche dürften viele Investoren in den vergangenen Tagen getroffen haben. Experten beobachten das immer wieder: Stürzen die Kurse ab, verlieren immer mehr Anleger die Nerven und steigen ebenfalls aus – die Abwärtsspirale verstärkt sich. Mitunter übertreiben die Märkte dabei. Bei der unweigerlich folgenden Erholung sind vor allem Privatanleger dann nicht dabei.

Kein Wunder, dass Experten der Warnung Buffetts einiges abgewinnen können. „Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um viel falsch zu machen“, sagt Lutz Neumann, Leiter Vermögensverwaltung bei der Sutor Bank. Er vergleicht die aktuelle Situation mit einer Beziehung. „Nur weil Sie sich mal streiten, sollten Sie sich doch nicht gleich trennen.“

Letztendlich komme es aber darauf an, was für ein Beziehungstyp man sei. Wer als Anleger also immer wieder den Reiz des Neuen und des vermeintlich Besseren suche, werde jetzt wieder auf schnelle Gewinne spekulieren. Wer aber von vornherein auf Langfristigkeit aus sei, um beispielsweise für das Alter vorzusorgen, der sollte die Rückschläge einfach aussitzen und nicht die Nerven verlieren. „Zu glauben, man müsse jetzt ausnahmsweise auf Kursverluste reagieren, ist mit Sicherheit falsch“, sagt Neumann. „Panik ist etwas für die Anderen!“

Auch Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, würde dem großen Warren Buffett niemals wiedersprechen, hält eine andere Börsenweisheit aber für noch treffender. „Ich persönlich halte es gern mit Kenneth Galbraith (Anm.: kanadisch-US-amerikanischer Ökonom), den ich in Harvard kennengelernt habe“, sagt Stephan. Galbraith sagte einmal: „Die Börse ist ein Paternoster: Es ist ungefährlich, durch den Keller zu fahren. Man muss nur die Nerven behalten.“

Und das zahlt sich aus. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass die Performance meist an wenigen Tagen gemacht wird. „Da man nicht weiß, welche Tage das sind, sollte man besser investiert bleiben“, rät der Experte der Deutschen Bank. Eine der obersten Regeln der Geldanlage lautet deshalb auch, der gewählten Strategie treu zu bleiben, auch wenn es mal turbulenter zugeht.

Doch das ist für die Anlegerpsyche mit das Schwerste. Gerade an Tagen wie in der vergangenen Woche. „Aber hier ist es umso wichtiger, nicht in Panik zu verfallen“, sagt Lars Reiner, CEO des digitalen Vermögensverwalters Ginmon. „Wenn man sich die Verluste von rund fünf Prozent am Tag des Flashcrashs Anfang Februar ansieht, sollte selbst dem konservativen Anleger bewusst sein, dass es sich hierbei um noch völlig harmlose Kapitalmarktschwankungen handelt.“

Auch die Historie spricht – zumindest für Anleger mit einem längeren Anlagehorizont – dafür, investiert zu bleiben. Denn Aktienmärkte weisen gemessen an historischen Daten keine negative Performance auf, wenn Anleger mindestens 13 Jahre investiert bleiben. „Wir haben das für den Dax und die letzten 30 Jahre berechnet: Die Performance war im Durchschnitt knapp neun Prozent – trotz zum Teil erheblicher Rückschläge“, sagt Stephan.


Es ist wahrscheinlich, dass ein Crash kommt

Es kann also nicht schaden, auf die Warnung Buffetts zu hören und nicht „verrückt“ alle Aktien aus dem Depot zu werfen, nur weil die Kurse fallen. Ivan Mlinaric, Geschäftsführer von Quant Capital gibt allerdings zu bedenken, dass Buffett einen extrem langen Anlagehorizont hat und „tiefe Taschen“. Er kann sich zwischenzeitlich auch starke Verluste leisten.

„Er erfüllt damit die wichtigsten Voraussetzungen, um sich seine tiefen Überzeugungen am Aktienmarkt auch leisten zu können – komme was da wolle“, so Mlinaric. Aber tickt der typische Anleger genauso?

„Unsere Erfahrung besagt eher, dass die typischen Anleger bei der Auswahl und der Bewertung ihrer Anlagen anders als Buffett einer Reihe von Einschränkungen unterliegen.“ Das gelte für Privatanleger wie für institutionelle Anleger. Die wenigsten Anleger würden über die Ressourcen und die Expertise verfügen, die notwendig sind, um Einzeltitel zu analysieren, zu selektieren und zu überwachen.

Ein weiterer Knackpunkt sei die individuelle Verlusttoleranz. „Der Anlagehorizont und die Verlusttoleranz definieren im Kern den Rahmen, innerhalb dessen typische Anleger ihre Anlageentscheidungen treffen müssen“, so der Experte. „Diese Parameter können sehr individuell sein.“ Und vor allem in turbulenten Zeiten sind sie sehr wichtig.

Hat ein Anleger eine ausreichende Verlusttoleranz, um auch in einem Börsencrash investiert zu bleiben? Und hat er einen ausreichend langen Anlagehorizont, um eine Erholung abzuwarten? „So mancher Anleger hat schon die tatsächlichen Verlustrisiken unterschätzt“, so Mlinaric. „Wir wissen nicht, wann genau der nächste Crash kommt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass einer kommen wird.“ Er rät Anlegern, sich abzusichern.

Wer langfristig agiert, den sollte das tägliche Auf und Ab an den Märkten – auch wenn es mitunter recht heftig ist – aber nicht zu sehr umtreiben. „Es ist falsch, im Bullenmarkt risikofreudiger zu werden beziehungsweise im Bärenmarkt alles zu verkaufen“, warnt Stephan. „Die Risikopräferenz - sowohl Risikotoleranz als auch Risikotragfähigkeit - lassen sich nicht auf Grundlage des aktuellen Marktgeschehens definieren, sondern anhand grundlegender strategischer Erwägungen.“

Insofern sollte jeder Investor grundsätzlich entscheiden, welches Risiko er aushalten kann. „Natürlich kann man versuchen, taktische Bewegungen auszunutzen“, so der Experte der Deutschen Bank. „Aber Timing ist sehr schwierig. Zudem sollte man sich gut an den Märkten auskennen. Ich versuche immer herauszufinden, ob sich etwas fundamental geändert hat oder ob die Börse gerade übertreibt.“ Aktuell seien diese Fundamentaldaten noch immer in Ordnung. „Ich gehe davon aus, dass wir eine Korrektur im Bullenmarkt beobachten und keinen Einstieg in einen Bärenmarkt“, ist er überzeugt.

Auch Andreas Telschow glaubt eher an eine Korrektur, auch wenn diese recht heftig daher kommt, als an einen Crash. „Übertreibungen nach oben und unten gehören allerdings immer zum Alltag eines Aktionärs“, sagt der Anlageexperte bei Fidelity International. „Börsenmärkte bewegen sich nicht nur aufgrund von wirtschaftlichen Daten. Zukunftserwartungen und Stimmungen gehören ebenfalls zur Börse.“

Nach langen Aufschwungphasen würden auch Korrekturen zum alltäglichen Geschehen gehören. „Wie lange diese dauern und wie stark sie sein werden, kann man nicht sagen“, ergänzt er. „Wichtig ist, dass die fundamentalen Daten nach wie vor positiv sind.“

Historisch gesehen sind Korrekturen von zehn bis 15 Prozent nichts Ungewöhnliches. Eine durchschnittliche Korrektur dauert rund vier Monate und eine Erholung bis zu vorherigen Kursständen ebenfalls etwa vier Monate. Trotzdem sieht Anlagestratege Stephan die aktuelle Marktbewegung noch nicht als Kaufgelegenheit. „Ich gehe zwar davon aus, dass die wichtigsten Aktienindizes am Jahresende höher stehen werden als heute“, sagt er. „Die Schwankungsbreite dürfte jedoch hoch bleiben. Anleger sollten deshalb über eine Risikoreduktion in ihrem Portfolio nachdenken.“

Insbesondere Bewegungen am Zinsmarkt und Kommunikation sowie Umsetzung der Geldpolitik müssten zudem eng beobachtet werden. Strategisch bleibt der Experte aber optimistisch und hält an den Kurszielen von 3000 Punkten beim S&P 500 und 14.100 beim Dax zum Jahresende fest.

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