Börsenwoche 414: Editorial: Anleihen, Aktien, Gold: Was Anleger jetzt wissen müssen

Wenn die Notenbanken tagen, hält die Börse den Atem an. Die US-Zentralbank Fed hob den Leitzins zuletzt erwartungsgemäß nicht weiter an, die EZB machte wie vermutet einen Zinsschritt um einen viertel Prozentpunkt. Nichts neues also von den Währungshütern? Wie so oft kommt es auf Zwischentöne und Prognosen an. Überraschend stellte die Fed zwei Zinserhöhungen bis Jahresende in Aussicht, von Zinssenkungen war keine Rede. Nur wenige Investoren erwarten für 2023 noch eine Rücknahme.
Mit einer Erhöhung im Juli rechnet hingegen jeder Dritte – vor einer Woche war es noch die Hälfte, wie die Fed Funds Futures zeigen. Die EZB überraschte ebenfalls, indem sie ihre Inflationserwartung nach oben korrigierte und weiteren Handlungsbedarf zur Inflationsbekämpfung bekräftigt – zumindest im Juli. Der geldpolitische Kurs im Westen bleibt damit vorerst restriktiv. Ein Kurzüberblick, was Anleger daraus ableiten können.
Die Bondmärkte preisen die hohe Wahrscheinlichkeit zumindest eines weiteren Zinsschritts weiter ein. Mit 4,68 Prozent Rendite notieren US-Bonds mit zweijähriger Laufzeit wieder nahe ihren jüngsten Spitzen, Bundesanleihen derselben Laufzeit liegen am Jahreshoch und rentieren mit 3,18 Prozent pro Jahr so stark wie seit 2008 nicht mehr. Bei einigen Unternehmensanleihen und in Schwellenländern lassen sich schon jetzt reale Renditen nach Inflationsabzug erzielen.
Sollte die Teuerungsrate in den kommenden Jahren wieder in die Nähe des Zielbereichs um zwei Prozent gedrückt werden, könnten auf den Gesamtzeitraum bezogen auch Langläufer reale Gewinne bringen. 10-jährige US-Staatspapiere bringen aktuell immerhin 3,73 Prozent jährlich. Den perfekten Kaufzeitpunkt kennt niemand. Fest steht allerdings: Wer Anleihen kaufen will, sollte damit nicht zu lange warten.
Der US-Aktienmarkt hat die Fed-Entscheidung positiv aufgenommen. Sowohl der breit gefasste S&P500 als auch der zinssensible Nasdaq legten zu. Die häufig monierte Marktbreite, also der Anteil der Aktien, von denen dieser Aufschwung getragen wird, ist zuletzt gestiegen. Richtig ist, dass lange vor allem die Indexschwergewichte für die Kursanstiege verantwortlich waren. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass sie auch für den vorangegangenen Kursrutsch maßgeblich verantwortlich waren.
Charttechnisch ist die Entwicklung aber gerade im Tech-Index nicht mehr gesund. Mit Kursgewinnen von gut 13 Prozent binnen eines Monats und 38 Prozent seit Jahresbeginn ist er zu schnell zu stark gestiegen. Eine Korrektur, also ein Rückgang von mehr als zehn Prozent, wird damit in den nächsten Wochen wahrscheinlicher.
Der Dax kratzt am Freitagmittag an seinem Allzeithoch. Sollte der deutsche Leitindex per Schlusskurs über dem Rekordstand von 16.336 Punkten stehen, sind weitere Kursgewinne wahrscheinlich. 2021 und 2022 scheiterte der Index jedoch an dieser Marke – und bevor der vorangegangene Höchststand überwunden wurde, bereitete der Corona-Crash Anlegern den Weg. Eine Korrektur, bevor neue Rekorde vermeldet werden, ist nicht auszuschließen. Ein erstes Anzeichen dafür wären Kurse unter 16.000 Punkten. Für langfristige orientierte Anleger ist der Bereich um 14.650 Punkte wichtig. Hier geben vergangene Tiefpunkte und die Durchschnittskurse der vergangenen 200 Tage Halt.
Der Goldpreis hat die Notenbanksitzungen gut verkraftet. Steigende Zinsen sind für Gold als nicht zinstragendes Asset Gift. Staatliche Goldkäufe, der schwächelnde Dollar und Rezessionssorgen hingegen sprechen für Investments in das Krisenmetall. Wer seinen Bestand aufstocken will, zahlt aktuell faire Preise.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse.
Ihr Lukas Schmitt