Börsenwoche 422: Editorial: Das Goldlöckchen-Szenario ist schwierig zu erreichen

Die Erwartungshaltung an der Börse ist derzeit das größte Risiko für die Kurse.
Foto: ImagoDrei Bären führen ein beschauliches Leben in einer Hütte im Wald. Eines Tages kommt eine Vagabundin vorbei, bedient sich an ihren Vorräten und schläft in einem der Betten. Als die Bären sie entdecken, eskaliert die Situation und die Waldbewohner versuchen auf verschiedenste Weise die Frau zu töten – was schließlich gelingt. Das englische Märchen wurde später überarbeitet, die Vagabundin zu „Goldlöckchen“, einem kleinen Mädchen, das wegläuft, als es die Bären sieht. Der Plot bleibt der selbe: Die Situation wird endgültig entschärft und die Bären haben ihre Ruhe.
In der Wirtschaftstheorie beschreibt das Goldlöckchen-Szenario den perfekten Markt: stabiles Wachstum, moderate Inflation, niedrige Zinsen. Ich persönlich finde die blutrünstige Variante der Geschichte passender – die Inflation verschwindet schließlich nicht von selbst. Die starke Entwicklung an den Aktienmärkten wird aber von einer Goldlöckchen-Hoffnung getragen. Anleger spekulieren darauf, dass die Rezession mild ausfällt und dass die Zinspolitik bald wieder lockerer wird, dank fallender Inflation.
Für beide Annahmen gibt es gute Gründe. Ein gleichzeitiges Eintreten ist aber unwahrscheinlich. Die zeitverzögerte Wirkung der Geldpolitik auf die Realwirtschaft ist nicht zu unterschätzen. Wird der Zins jedoch zu früh gesenkt, droht die Inflation erneut auszubrechen – worauf wieder mit Zinserhöhungen reagiert werden müsste. Nach den neuen US-Inflationsdaten hält die Mehrheit der Investoren einen weiteren Zinsschritt im laufenden Jahr in den USA für unwahrscheinlich, abzulesen an den Fed Funds Futures. Die erste Zinssenkung wird aktuell für den März erwartet. Sicher sind solche Prognosen aber nicht.
Das Umfeld für die Geldanlage bleibt also herausfordernd. Auf den aktuellen Niveaus sind bei Enttäuschungen Rücksetzer der großen Aktienindizes zu erwarten, etwa wenn die zinsbedingte Rezession die großen westlichen Volkswirtschaften doch stärker erfassen sollte, als bisher prognostiziert. Ein Indiz dafür ist die inverse Struktur der Zinskurve (siehe BöWo 418). In der Berichtssaison ist von Rezession derweil wenig zu sehen: Die Quartalsergebnisse sind zwar durchwachsen, aber unter dem Strich solide.
In unserem konservativen Musterdepot sehen wir uns für beide Szenarien gut aufgestellt. Viele Werte sind wenig konjunkturanfällig und dürften auch in einem schwächeren Gesamtmarkt Stärke zeigen. Wir bewahren deshalb eine ruhige Hand und können Schwächephasen gelassen entgegensehen. Im spekulativen Musterdepot würde ein Kursrutsch jedoch direkter einschlagen. Einige Aktien sind anfällig für technische Korrekturen – etwa die des Brokers XP Inc. nach 120 Prozent Kursgewinn in vier Monaten. Da wir von unseren Depotwerten überzeugt sind, haben wir uns vergangene Woche (BöWo 421) gegen kurzfristige Kursrücksetzer mit Put-Optionen auf den Nasdaq 100 abgesichert. Hinzu kommt diese Woche eine Wette auf Gold (siehe Depotticker).
Alles andere als stabil hielt sich zuletzt unser spekulativer Depotwert Ariston. Die Aktie der Italiener sind nach der größten Übernahme der Firmengeschichte eine Wette auf den deutschen Wärmepumpenmarkt. Doch die Nachfrage nach der Heizungsalternative ist hierzulande im ersten Halbjahr um die Hälfte eingebrochen, meldet das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa). Warum wir für Ariston trotzdem optimistisch bleiben und wie die Aktie im Vergleich zur Konkurrenz abschneidet, lesen Sie in unserer dieswöchigen Analyse.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse.
Ihr Lukas Schmitt