Börsenwoche 464: Editorial: IPO-Flaute: Wieso Anlegern in Zukunft die spannendsten Chancen entgehen

Die Börsengiganten von heute waren mal klein. Das Chipunternehmen Nvidia ist heute über drei Billionen Dollar wert. Als es im Januar 1999 an die Börse ging, wurde das Unternehmen nur mit 625 Millionen Dollar bewertet. Das war mitten während der Internetblase und kam sicherlich einigen konservativen Anlegern viel zu üppig vor.
Rückblickend war Nvidia aber absurd günstig. Seit Börsengang konnten Anleger über 300 000 Prozent Rendite einfahren. Wer damals 1000 Euro investierte, hätte heute Nvidia-Aktien im Wert von über drei Millionen Euro. 310 000 Euro Einsatz hätten zur Milliarde gereicht.
Bei Amazon verhält es sich ähnlich. 1997 ging der damalige Onlinebuchhändler an die Börse, mit einer Marktkapitalisierung von 438 Millionen Dollar. Heute ist der Technologieriese fast zwei Billionen Dollar wert. Die Aktie liegt seit Börsengang über 200 000 Prozent im Plus.
Die Börse kennt Erfolge, die fast wie Märchen klingen. Die Wahrheit ist aber: Das sind vergangene Zeiten. Die Kapitalmärkte haben sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Es ist viel einfacher geworden, sich außerhalb der Börse Kapital zu verschaffen. Nicht zuletzt, da der Tech-Boom das Silicon Valley immer reicher gemacht hat und Risikokapital immer salonfähiger wurde.
Findige Unternehmer stecken mittlerweile Milliarden in aussichtsreiche Geschäftsmodelle, auch wenn ein Börsengang noch viele Jahre auf sich warten lässt. Das führt dazu, dass neue Firmen bereits viel größer sind, wenn sie auf das Börsenparkett kommen. Während Nvidia und Amazon je grob eine halbe Milliarde Dollar auf die Börsenwaage brachten, ist heute mehr als das Hundertfache drin.
Die nächste Runde an Unternehmen, die sich aktuell noch in privater Hand befinden, könnten das sogar noch toppen. Der chinesische Technologiekonzern ByteDance, bekannt für seine TikTok-App, wurde zuletzt mit 220 Milliarden Dollar bewertet. Für den Raumfahrtkonzern SpaceX stand zuletzt eine Bewertung von 200 Milliarden Dollar im Raum.
Die hohen Bewertungen machen die Luft nach oben dünner, sobald die Aktien endlich frei handelbar sind. Würde sich der Wert von ByteDance oder SpaceX „nur“ verzehnfachen, würden sie zu den wertvollsten Unternehmen der Welt aufschließen. Renditen wie die von Nvidia oder Amazon sind ausgeschlossen. Um es zu verdeutlichen: Würde sich der Wert von ByteDance so entwickeln wie der von Nvidia, wäre das Unternehmen eine Billiarde wert. Die Billiarde kommt nach der Billion.
Auch hierzulande können Start-ups die Börse lange meiden. Die vielversprechende Neugründung Flix (Flixbus) verhandelt nach Informationen des „Handelsblatts“ aktuell über eine frische Kapitalspritze zu attraktiven Bedingungen und kann damit den geplanten Börsengang auf die lange Bank schieben. Wie man sieht: An der Börse mit kleinen Aktien den Jackpot zu knacken, dürfte in Zukunft viel schwieriger werden.
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