Börsenwoche 475: Editorial: KI-Aktien sind nicht teuer – und trotzdem riskant
Der einfachste Vergleich muss auch am öftesten herhalten. So kommt es, dass der aktuelle Börsenhype um künstliche Intelligenz (KI) wieder und wieder mit der Internetblase verglichen wird. Anfang des Jahrtausends hat die Euphorie um das damals recht neue Internet für ein reichlich verrücktes Börsenumfeld gesorgt. Jedes Unternehmen, das sich mit einem internetbasierten Geschäftsmodell schmücken konnte, wurde hochgejubelt. Die Bewertungen lösten sich oft von der Realität. Internetaktien waren damals viel zu teuer.
Das Technologieunternehmen Cisco – während der Internetblase eines der wertvollsten Unternehmen der Welt – konnte sein Allzeithoch nie wieder erreichen. Hierzulande war damals die Aktie der Deutschen Telekom der Anlegerliebling. Auch das war zu hoch gegriffen. Obwohl die Deutsche Telekom an der Börse aktuell so teuer ist wie lange nicht mehr, ist es nur ein Bruchteil des damaligen Werts.
Die Parallelen sind leicht gezogen. Es gibt eine neue Technologie und manche Aktien schießen durch die Decke. Das auf KI-Anwendungen spezialisierte Chipunternehmen Nvidia ist in den vergangenen fünf Jahren 24 Mal wertvoller geworden. Es war dieses Jahr kurzzeitig das wertvollste Unternehmen der Welt. Aktuell steht es mit fast drei Billionen Dollar Börsenwert hinter Apple und Microsoft.
Trotzdem hinkt der Vergleich mit der Internetblase, denn es gibt einen großen Unterschied. Die KI-Aktien sind nicht sonderlich teuer. Hinter dem Hype stecken gigantische Gewinne. Für das laufende Geschäftsjahr wird Nvidia aktuell mit dem 39-Fachen der Gewinnschätzung bewertet. Zum Vergleich: Beim KI-Nachzügler Apple liegt dieser Wert bei 33 (siehe Grafik).
Dabei stagniert der Umsatz des iPhone-Herstellers gerade. Nvidias ist im letzten Quartal um 122 Prozent gestiegen. Deshalb sind die Aktien von Apple und Nvidia gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für das kommende Jahr aktuell sogar fast gleich teuer.
Trotzdem bringen KI-Aktien einiges an Risiken. Das liegt nicht an den Bewertungen, sondern an der Technologie selbst. Aktuell laufen die Geschäfte, aber noch ist völlig unklar, was die nächsten Jahre bringen. Vielleicht wird das Potenzial gerade überschätzt. Oder neue KI-Modelle werden einfacher und benötigen weniger Rechenleistung.
Kurzum: Wie viele Chips in fünf Jahren bei Nvidia bestellt werden, ist ein Ratespiel. Die aktuelle Bewertung lässt die Zukunft offen. Sie ist niedrig genug, um bei guten Geschäften hübsche Renditen zu ermöglichen. Aber sie ist auch so hoch, dass ohne weiteres Wachstum die Aktie nachgeben wird. An der Börse ist die Stimmung gedämpft. Nvidias Aktie hat zuletzt deutlich nachgegeben, der Börsenwert verlor an einem Tag so viel wie keine US-Firma zuvor.
Der KI-Hype hat sich schon wieder abgekühlt, und die Bewertungen sind ziemlich vernünftig. Gute Gründe, sich die ewigen Vergleiche mit der Internetblase zu sparen.
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