Börsenwoche 482: Editorial: Was wurde aus den Corona-Gewinnern?
Das würde ein Wahlsieg von Harris oder Trump für die Börse bedeuten
Denken Sie noch freiwillig an die Coronapandemie zurück? Ich zumindest versuche, so wenig wie möglich an die ewigen Lockdowns, Abstandspflichten und Horrornachrichten zu denken. Dabei ist es gerade einmal 18 Monate her, dass in meiner Heimatstadt München die Maskenpflicht komplett abgeschafft wurde.
Auch die Börse scheint Corona so schnell wie möglich vergessen zu wollen. Man hört fast nichts mehr von den gefallenen Aktienstars der Pandemie. Dabei sollten Anleger auch aus Phasen unbegründeter Euphorie lernen, damit sie in Zukunft nicht jeden Hype mitmachen.
Ich weiß noch genau, dass ich zu Beginn der Pandemie eine Kolumne zu diesem Thema geschrieben habe. Mein Fazit lautete, dass Anleger die Krise in erster Linie ignorieren sollten. Die Schwankungen am Aktienmarkt waren kaum vorherzusagen. Und aus meiner Sicht würde die Pandemie Geschäftsmodelle langfristig nicht auf den Kopf stellen.
Mit dieser Meinung sah ich zunächst reichlich alt aus. Alle möglichen Firmen, die Verbraucher zuhause beliefern, bespaßen und besporteln konnten, wurden an der Börse gefeiert. Gleiches galt für die Impfstoffhersteller. Bloß stürzten die Aktien wieder ab, sobald sich die Lage normalisierte.
Peloton, einem Hersteller von smarten Heimfahrrädern, wurde eine glänzende Zukunft bescheinigt. Aber wie viele Trainingsräder kann man kaufen? Mit der Hoffnung auf Abo-Erlöse durch Fitnesskurse wurden Anleger bei der Stange gehalten. Kurzzeitig war das Unternehmen an der Börse gut 50 Milliarden Dollar wert. Davon sind heute gerade einmal zwei Milliarden übrig.
Auch die Aktie von Zoom hat seit dem Hoch während der Pandemie fast 90 Prozent an Wert verloren. Zoom ist zwar ein beliebter Anbieter von Videokonferenzsoftware, aber auch dieser Markt hat eben nur einen kurzen Wachstumsschub bekommen.
Die Lehre daraus ist recht simpel: Kein Boom dauert ewig. Rasante Wachstumszahlen dürfen nicht leichtfertig fortgeschrieben werden. Anleger müssen sich stets fragen, was nach dem Nachfrageschub kommt. Wie sehen die Umsätze in zehn Jahren aus, wie profitabel kann das Unternehmen werden?
Die Hersteller der neuartigen mRNA-Impfstoffe Biontech und Moderna sind ebenfalls interessante Beispiele. Ihre Umsätze sind um mehr als 80 Prozent gefallen. Das war eigentlich vorhersehbar, aber Anleger haben sich trotzdem mitreißen lassen. Immerhin nicht ganz grundlos: Der Durchbruch bei der mRNA-Technologie eröffnet beiden Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten. Mit neuen Impfstoffen oder Medikamenten sind irgendwann riesige Umsätze vorstellbar. Das entscheidende Wort ist jedoch „vorstellbar“.
Die Chancen der beiden Aktien sind schwer einzuschätzen. Und bis sie wieder ihre Rekordhochs erreichen, muss sehr viel passieren. Für die nächsten Jahre rechnen Analysten mit hohen Verlusten. „Boom and Bust“ eben.
Anleger könnten versucht sein, Parallelen zum aktuellen Hype um künstliche Intelligenz zu ziehen. Klar, auch in diesem Bereich sind Aktien rasant gestiegen und manche Wertpapiere jetzt sehr teuer. Der Unterschied: Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Lockdowns und Abstandspflichten glücklicherweise nicht.
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