Börsenwoche 492: Editorial: Wieso KI auch 2025 die Börse durchwirbeln kann
Mir ist noch etwas schwindelig. 2024 war ein wildes Jahr an der Börse, vor allem, was den Hype um künstliche Intelligenz (KI) betrifft. Der auf KI spezialisierte Halbleiterkonzern Nvidia wurde zeitweise zum wertvollsten Unternehmen der Welt. Aktuell steht er mit einem Börsenwert von 3,4 Billionen Dollar auf Platz zwei – knapp hinter Apple. Der rasante Kursanstieg hatte gute Gründe: Im diesen Januar endenden Geschäftsjahr dürfte Nvidia 16-mal so viel Gewinn einfahren wie zwei Jahre zuvor.
Die Technologieriesen reißen sich um Nvidias Chips, die unverzichtbar für die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle sind. Acht der neun wertvollsten Unternehmen der Welt mischen vorn bei KI mit. Beobachter sind zwar uneins, ob die neue Technologie schon bald wirklich nützlich sein wird.
Aber die großen Techkonzerne handeln nach der Logik des französischen Philosophen Blaise Pascal. Der glaubte an Gott, einfach, um sich abzusichern. Falls Gott existiert, war Pascal so auf der sicheren Seite.
Bloß gibt es KI im Gegensatz zum Glauben nicht kostenlos. Ganz im Gegenteil: Die großen Techkonzerne geben mittlerweile Dutzende Milliarden Dollar aus, um die aufwendigen KI-Modelle zu entwickeln (siehe Grafik). Das führende Start-up OpenAI besticht zwar mit immer neuen Innovationen, muss aber alle paar Monate Milliarden einsammeln, um seine Verluste zu decken. Trotzdem wurde OpenAI im Oktober mit 157 Milliarden Dollar bewertet, ähnlich hoch wie Siemens.
Was bedeutet das für die Börse? Vor allem einiges an Unsicherheit. Nachdem amerikanische Technologieaktien 2024 erneut ein starkes Jahr hatten und nun nahe an Rekordhochs stehen, sind sie teuer geworden.
Das lässt für die Aktienkurse mehr Spielraum nach unten. Anleger könnten dieses Jahr enttäuscht reagieren, wenn die Ausgaben für KI weiter ausufern und auf die Gewinne drücken. Dass KI im Laufe des Jahres bereits profitbringende Geschäftsmodelle hervorbringt, ist eher unwahrscheinlich.
Dafür könnte die Technologie das ein oder andere lukrative Monopol bedrohen. Immer wieder geht die Sorge um, dass Chatbots irgendwann die klassische Google-Suche ersetzen könnten. Dann wäre der wichtigste Gewinnbringer der Google-Mutter Alphabet gefährdet.
Für Nvidia gibt es noch konkretere Gefahren. Sollte die Nachfrage nach seinen Chips zurückgehen, würden die aktuell so schönen Gewinne sofort einbrechen. In der Halbleiterbranche gab es immer wieder harte Zeiten, sobald ein Zyklus endete.
Wie sich KI weiter entwickeln wird, ist zudem schwer vorherzusagen. Zum Jahreswechsel hat das chinesische Start-up Deepseek ein überraschend leistungsfähiges KI-Modell präsentiert. Das Besondere daran ist nicht einmal, dass dies ein junges Unternehmen aus China geschafft hat. Sondern, dass Deepseeks KI-Modell enorm schlank und kostengünstig ist.
Deepseeks Erfolg wirft einige Fragen auf: Können die bisherigen Branchenführer quasi über Nacht eingeholt werden? Braucht KI bald viel weniger Ressourcen und Chips als angenommen? Die Antwort: Die Zeit wird es zeigen, und das Ratespiel in der Zwischenzeit immer wieder die Börse durcheinanderwirbeln.
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