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Britisches Pfund Ein Banker im Auge des Brexit-Sturms

Das Chaos um den EU-Austritt schüttelt das britische Pfund durch, in den Handelsräumen der Banken wird die Gefechtsbeleuchtung eingeschaltet. Wir haben dem Devisenhändler Russell LaScala über die Schulter geschaut.

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Brexit: Russel LaScala in London Quelle: Chris Gloag für WirtschaftsWoche

Russell LaScala hat interessante Augen, das eine blau, das andere grünbraun, ganz so wie die Augen der Poplegende David Bowie – und sie blitzen auf, wenn er sich an die Nacht des EU-Referendums vor einem Jahr erinnert. Das Pfund legte damals in wenigen Stunden eine Achterbahnfahrt hin, erst getragen von der Erwartung auf einen Verbleib der Briten in der EU; doch am Ende sackte die britische Währung auf ein 30-Jahres-Tief, weil die Insel überraschend für den Austritt aus der EU gestimmt hatte. Der 51-jährige New Yorker mit den kantigen Zügen ist Co-Chef des weltweiten Devisenhandels bei der Deutschen Bank und arbeitet in der Regel hier in der Londoner Great Winchester Street.

LaScala sitzt in einem Konferenzraum im achten Stock, er trägt die Uniform der Banker, ein hellblaues Hemd und eine rot-weiß gemusterte Krawatte, er isst ein Sandwich, während er sich erinnert und dabei sparsam gestikuliert.

Es sind keine schlechten Zeiten für Devisenhändler. Nichts fürchten sie mehr als ruhige Märkte, in denen es kaum etwas zu verdienen gibt. Zwar handelt die Deutsche Bank nicht auf eigene Rechnung, doch sie verdient mit, wenn ihre Kunden rege kaufen und verkaufen. Hauptsache, es bewegt sich was, rauf oder runter, darauf kommt es an: dass sich was tut am Markt, dass man auf irgendwas wetten kann, dass es nicht ganz so schlimm kommt wie gedacht oder vielleicht noch viel schlimmer! Unruhige Zeiten, Ungewissheit – für Devisenhändler sind unklare Lagen das, was für Unternehmer stabile Verhältnisse sind: Traumbedingungen für Investitionen.

Der Brexit-Fahrplan

Seit dem Brexit-Votum schwankte die britische Währung ungewohnt heftig: 12 Prozent Verlust gegenüber dem Euro, fast 20 Prozent gegenüber dem Dollar! Und auch seither immer wieder diese Ausschläge, je nachdem, ob die Politik das eine oder andere entscheidet. So war das Pfund im Oktober 2016 nur noch 1,20 Dollar wert, als Premierministerin Theresa May während des Parteitags der Tories einen „harten Brexit“ ankündigte, also den konsequenten Austritt Großbritanniens aus EU-Binnenmarkt und -Zollunion – weil sie sich zu einer strikt regulierten Einwanderungspolitik verpflichtet fühlte.

Und beim mysteriösen Flash Crash am 7. Oktober brach das Pfund zu Beginn des asiatischen Handels sogar um 6,1 Prozent ein, fiel in nur zwei Minuten auf 1,18 Dollar.

Auch die zwischenzeitliche Wende sorgte bei den Devisenhändlern für Auftrieb: Die Annahme, dass May und ihre Partei bei den Wahlen am 8. Juni eine große Mehrheit erzielen werden, stützte die britische Währung in den vergangenen Wochen. Einige spekulierten darauf, dass May künftig weniger Rücksicht auf die Euro-Skeptiker in ihrer Partei nehmen müsse und bei den Austrittsverhandlungen auf einen konzilianteren Kurs einschwenken würde. Wer indes nicht damit rechnete, konnte hernach gute Gewinne einstreichen: May büßte ihre Mehrheit überraschend ein. Die Verunsicherung lastete auf dem Pfund und drehte einmal mehr den Trend.

Und nun? Auf welche Prognosen sollen sich mutige Anleger heute stützen? Von welchen Politkapriolen können sie in den nächsten Wochen und Monaten profitieren? Zwei Jahre, mindestens, wird sich der Austrittsprozess hinziehen. Wie wird die Schlussabrechnung aussehen? Marginalisiert sich die wirtschaftliche Bedeutung des Vereinigten Königreichs ohne die Mitgliedschaft in der EU? Oder eröffnen sich Großbritannien sogar neue Chancen? Was wäre eine Stärkung der Achse London–Washington wert: mit Donald Trump und über ihn hinaus? Nun – den größten Erfolg für mutige Anleger verspricht derzeit wohl die Spekulation auf einen weiteren Abwärtstrend.

Am Freitag, dem 23. Juni, jährt sich das historische Brexit-Referendum zum ersten Mal. Jetzt wird abgearbeitet. Das erste Scheidungsgespräch zwischen London und Brüssel ging am Montag über die Bühne, leidlich harmonisch, feierlich ernst, wie es heißt: Man muss halt miteinander auskommen und beteuert, wie sehr man an einem freundschaftlichen Verhältnis nach der Trennung interessiert ist. Und aus Sicht der Briten läuft es bisher gar nicht so schlecht. Bis zum endgültigen Austritt Ende März 2019 hat das Königreich weiter ungehindert Zugang zum EU-Binnenmarkt. Hinzu kommt, dass das schwache Pfund den britischen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft; ihre Waren sind im Ausland billiger. Die Börse jubelt darüber.

Zwar gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftsdynamik abschwächt. Doch die Rezession, vor der Volkswirte im Vorfeld des Referendums gewarnt hatten, ist zunächst einmal ausgeblieben. Mit ihrem schwachen Pfund müssen die Briten für ausländische Waren allerdings mehr zahlen. Die Inflationsrate sprang im Mai auf knapp drei Prozent, der Konsum beginnt bereits zu schwächeln – und wird zur Konjunkturbremse.

Vom Ergebnis der Volksabstimmung überrascht

Devisenhändler LaScala wurde, wie so viele, vom Ergebnis der Volksabstimmung im Juni 2016 überrascht: „Ich hatte einen starken Sieg für Remain erwartet“, sagt er, „keinesfalls mit einer Mehrheit für den Brexit gerechnet.“ Die Brexit-Nacht wird ihm daher immer im Gedächtnis bleiben: „Dramatisch“ sei es gewesen, erzählt er, obwohl einer wie er starke Nerven hat. In seinen 28 Jahren als Devisenhändler, unter anderem bei Chase Manhattan und der CitiBank, hat er den Schwarzen Mittwoch miterlebt, als George Soros 1992 seine Milliardenwette gegen das Pfund gewann und die britische Währung den Europäischen Wechselkurs-Mechanismus verlassen musste, die Terrorattacken am 11. September 2001 in New York.

Und natürlich den Untergang der US-Bank Lehman Brothers im September 2008, aber auch die radikale Entscheidung der Schweizer Nationalbank, den Franken- vom Eurokurs zu lösen, die die Devisenmärkte im Januar 2015 erschütterte. Der „Brexit“ aber sei dennoch etwas Besonderes gewesen: Ein erwartetes Ereignis nahm eine völlig unerwartete Wendung.

Vielleicht sollten alle künftig weniger auf die Demoskopen achten und sich stattdessen genauer bei Buchmachern umhören, um besser gewappnet zu sein? In den meisten Meinungsumfragen wurde ein knapper Sieg der EU-Befürworter prognostiziert. Bei den Buchmachern in den Wettbüros hingegen wurde zwar das meiste Geld auf „Remain“ gesetzt; nach Köpfen jedoch rechnete eine Mehrheit mit „Leave“.

Dass die Volksabstimmung ein Großereignis mit langer Nachtschicht werden würde, wussten alle in der Londoner City; auch die Deutsche Bank, einer der Topakteure im globalen Devisenhandel, bereitete sich vor. Es habe eine Liste mit mehr als 40 Prüfpunkten gegeben, berichtet LaScala. Getestet wurde unter anderem die elektronische Handelsplattform Autobahn. Würde sie in der Lage sein, den erwarteten Ansturm von Käufern und Verkäufern zu bewältigen? Und dann die Einteilung des Personals: „Jeder wollte in dieser Nacht dabei sein.“ In London werden 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels abgewickelt, weit mehr als in New York; das Pfund Sterling ist nach Dollar, Euro und Yen die meistgehandelte Währung der Welt.

LaScala selbst reiste kurz vor dem Referendum nach New York. Als die Wahllokale in London um 22 Uhr schlossen, war es bei ihm erst 17 Uhr; noch ahnte keiner, wie turbulent die Nacht werden würde. Übrig blieb im großen Handelsraum schließlich eine Truppe von Devisenhändlern: Einige trugen Jeans, andere waren im Anzug gekommen, einer hatte Donuts mitgebracht.

Auch in London blieben die Devisenhändler der Deutschen Bank die Nacht über an Bord. Unter ihnen Tom Rees, Analyst, Anfang 20, Berufsanfänger. Rees war um 20 Uhr ins Büro gekommen. Die Stimmung: erwartungsvoll. „Wir hatten uns monatelang auf das Brexit-Votum eingestellt, waren bestens vorbereitet und in höchster Alarmbereitschaft“, sagt Rees. Auf großen Bildschirmen verfolgten Händler und Analysten die Liveberichte von BBC und Bloomberg.

„Als die Wahllokale schlossen, herrschte die nervöse Zuversicht, dass Remain gewinnen würde“, erinnert sich LaScala. Das Pfund notierte zu diesem Zeitpunkt bei rund 1,47 Dollar. Als eine knappe halbe Stunde später eine Wählerbefragung von 5000 Briten eine 52-prozentige Mehrheit für den Verbleib in der EU signalisierte, schnellte die britische Währung bis auf 1,50 Dollar hoch – den höchsten Stand seit Weihnachten 2015.

Sogar Nigel Farage, der Chef der EU-kritischen UKIP, schien zu diesem Zeitpunkt überzeugt: „Sieht so aus, als ob Remain es schafft.“ So zuversichtlich waren LaScala und seine Kollegen, dass sie das Pfund sich in den nächsten 48 Stunden schon auf ein Niveau von 1,55 oder 1,57 Dollar einpendeln sahen. Was für ein Irrtum.

Denn nach Mitternacht wendete sich das Blatt. Am frühen Morgen traf die Nachricht ein, in der nordenglischen Stadt Newcastle hätten mit 50,7 Prozent viel weniger Wähler als erwartet für den EU-Verbleib gestimmt. Die Ergebnisse aus dem benachbarten Sunderland waren ein noch größerer Schock: 61,3 Prozent für den EU-Austritt. „Wir handelten bei etwa 1,50 Dollar, als die Resultate von Newcastle reinkamen. Die britische Währung schwächte sich daraufhin auf 1,49 Dollar ab und dann – binnen etwa 30 Sekunden – sackte sie auf 1,43 Dollar. Das Tempo war irgendwie beängstigend“, sagt LaScala.

Mit dem Pfund ging es abwärts

Es war eine surreale Atmosphäre. Der große Handelsraum an der Wall Street war dunkel, nur die Desks der Devisenhändler waren besetzt. „Plötzlich fingen alle im Raum an zu rufen: ‚Was ist hier los?‘ Kunden riefen an: ‚Was ist passiert?‘“, erinnert sich LaScala. Auch in London wurde es hektisch. Institutionelle Kunden, Unternehmen, Pensionsfonds und Versicherungen wollten sich gegen das fallende Pfund absichern.

Bei 1,43 Dollar verharrte das Pfund etwa 10 bis 15 Minuten. „Wir sagten, wartet doch noch ein bisschen, es wird anders, wenn erst die Ergebnisse von London und anderen Remain-Bezirken reinkommen …“ Stattdessen ging es weiter abwärts mit dem Pfund – und der Brexit verdichtete sich zur Gewissheit: Binnen zweieinhalb Stunden rutschte das Pfund auf 1,32 Dollar – so tief wie seit 31 Jahren nicht mehr.

Einer von LaScalas Kollegen, ein 52-jähriger Brite, vergrub den Kopf in den Händen und stöhnte: „Russ, ich kann gar nicht glauben, was hier passiert!“ Er konnte nicht fassen, dass Großbritannien sich aus der EU verabschieden würde. LaScala war zu beschäftigt, um innezuhalten. Wichtiger war für ihn, dass das Handelssystem Autobahn stabil lief. Mit der Koffein-Brause Red Bull hielten er und die Devisenprofis sich wach.

Gegen 4.35 Uhr Londoner Zeit lagen nach Auszählung von zwei Dritteln der 382 Wahlkreise die EU-Gegner mit 51,3 Prozent vorn. Um 4.40 Uhr schließlich verkündete die BBC den Sieg der Brexit-Befürworter. Damit war es offiziell: Nach mehr als 40 Jahren würde Großbritannien die EU verlassen.

Die Händler lehnten sich erschöpft zurück; einer ging frische Bagels kaufen. In der Morgendämmerung verließ LaScala schließlich das Büro, ging ins Hotel. „Aber ich konnte nicht gut schlafen.“

Schon nach wenigen Stunden kehrte er zurück. Auf den Fernsehschirmen war jetzt der britische Premier David Cameron zu sehen, der den Rücktritt erklärte. Kurz darauf meldete sich Mark Carney zu Wort, Chef der britischen Notenbank, und versuchte, die Märkte zu beruhigen.

Tom Rees und seine Londoner Kollegen, die nun über zwölf Stunden gearbeitet hatten, verdrückten gegen elf Uhr morgens noch eine Runde Pizza. Eigentlich sei der Job als Devisenhändler etwas für junge Männer, sagt LaScala augenzwinkernd. Der Arbeitstag beginne um sieben Uhr morgens und sei voller Stress.

LaScala liebt ihn trotzdem, weil sich immer was tut. Die globalen Devisenmärkte, an denen täglich mehr als fünf Billionen Dollar umgesetzt werden, faszinieren ihn auch nach fast 30 Jahren noch. Als Soros 1992 mit Leerverkäufen in Milliardenhöhe gegen das Pfund wettete, „gab es noch keinen elektronischen Handel, alles lief übers Telefon. Unsere Kunden schrien in den Hörer: ‚Verkaufen, verkaufen, verkaufen. Ich muss Pfund verkaufen!‘ Doch dann stand ein Kollege auf und flüsterte: ‚Es gibt keine Käufer.‘“

Trotz der Versuche der britischen Notenbank, das Pfund durch drastische Zinserhöhungen und Interventionen zu stützen, wertete es an einem Tag um etwa 15 Prozent ab. Soros war eine Milliarde Dollar reicher und galt fortan als der Mann, der die Bank of England in die Knie gezwungen hat.

Nun reiht sich das Brexit-Votum in diese Erinnerungen ein. „Wir haben in jener Nacht vor einem Jahr bei Geschäften, die wir im Auftrag unserer Kunden ausführten, ein Rekordvolumen umgesetzt – drei Mal so viel wie an einem normalen Handelstag und 20 Mal so viel wie sonst in einer normalen Nacht in London.“ Allein im elektronischen Handelssystem seien mehrere zehn Milliarden Euro umgeschlagen worden.

Auf ruhige Zeiten muss LaScala weiter warten. Das stört ihn nicht.

Trotz seines Nachnamens, der an das berühmte Mailänder Opernhaus erinnert, hört LaScala statt Opern lieber krachenden Rock: Metallica und Guns N’ Roses etwa. Musik also, die laut und schnell ist – wie die Finanzmärkte.

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