BörsenWoche 529: Editorial: Das wird teuer
Wir schreiben das Jahr 1985. In Südafrika herrscht Apartheid, in der DDR und Sowjetunion blüht der Kommunismus. Der höchste Wolkenkratzer der Welt steht in Chicago. Mit seinen 442 Metern soll der Sears Tower daran erinnern, dass Kaufhäusern wie der Kette Sears die Zukunft gehört. IBM und General Electric zählen zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.
Sie wissen bereits, worauf ich hinaus will: In 40 Jahren kann viel passieren. Sears, IBM und General Electric sind nur noch Schatten ihrer damaligen Selbst. Apartheid, DDR und Sowjetunion sind Geschichte. Wie die Welt wohl 2065 aussieht?
Zumindest ein Termin steht bereits: In 40 Jahren werden Anleihen des Technologiekonzerns Oracle fällig. Oracles Geschäft boomt, weil seine Clouddienste für die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) gefragt sind. Aber der Ausbau von Rechenzentren ist teuer. Oracle nahm deshalb Ende September 18 Milliarden Dollar Fremdkapital durch die Ausgabe von Anleihen auf.
Anleger gehen allerdings ein hohes Risiko ein, wenn sie darauf setzen, dass Oracle in 40 Jahren noch zahlungsfähig ist. Der Konzern wies im letzten Jahresabschluss 81 Milliarden Dollar Nettoschulden aus. Vorbei sind die Zeiten, in denen Oracle viel Geld in die Kasse bekam. Früher blieben dem Konzern gut zwölf Milliarden Dollar pro Jahr an freiem Cashflow. In diesem und im nächsten Geschäftsjahr sollen nun laut Analysten jeweils zehn Milliarden Dollar abfließen.
Doch selbst diese Summen wirken schnell wie Taschengeld. Denn Oracle hat zusammen mit dem ChatGPT-Entwickler OpenAI und der japanischen Beteiligungsgesellschaft Softbank das riesige KI-Projekt Stargate ins Leben gerufen – und das wird teuer. Über Stargate sollen 500 Milliarden Dollar in die Entwicklung von KI fließen.
Andere Techunternehmen rüsten ebenfalls auf. Der Facebook-Konzern Meta will Hunderte Milliarden für KI-Rechenzentren ausgeben. Was früher schlanke Geschäftsmodelle waren, wirkt mit den Milliardeninvestitionen langsam aufgeblasen. Der Softwarekonzern Microsoft wird im laufenden Geschäftsjahr wohl 89 Milliarden Dollar für Investitionen (vor allem im KI-Bereich) in die Hand nehmen – elfmal so viel wie vor zehn Jahren. Gut ein Viertel des Umsatzes geht dafür drauf. Früher war es ein Zehntel (siehe Grafik).
Trotzdem sind die Ausgaben nicht zwangsläufig übertrieben hoch. Denn das Potenzial von KI ist riesig. Und die Techgiganten sind reich: Alphabet, Apple, Microsoft und Nvidia machen jeweils gut 100 Milliarden Dollar Gewinn pro Jahr. Amazon und Meta könnten in ein paar Jahren folgen. Das erklärt, warum problemlos Hunderte Milliarden in die Entwicklung von KI gesteckt werden können.
Beunruhigender als die bloßen Summen sind die fehlenden Geschäftsmodelle. Wohlgemerkt: Weder Alphabet noch Meta verdienen direkt Geld mit Suchmaschine oder Social Media. Stattdessen schalten sie lukrative Werbung. Amazon ist im Kern ein Einzelhändler – ein Geschäft älter als die Bibel. Wie viel Kunden in Zukunft für KI zu zahlen bereit sein werden, ist noch völlig offen. Es werden sicherlich ein paar Kassenschlager entstehen – aber die sind vielleicht noch nicht einmal gegründet.
Dieser Beitrag entstammt dem wöchentlichen Anlage-Newsletter BörsenWoche. Jetzt abonnieren.