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EZB-ZinssenkungDiese Risiken birgt die aktuelle EZB-Entscheidung

Die europäischen Währungshüter haben die Leitzinsen erstmals nach langer Zeit leicht gesenkt. Das ist riskant: Der Kampf gegen steigende Preise ist noch längst nicht gewonnen. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Felix Petruschke 06.06.2024 - 17:53 Uhr

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank

Foto: imago images

Überraschend, spontan, kreativ – das sind Adjektive, die man selten im Zusammenhang mit der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) liest. Viel lieber hören die Währungshüter vermutlich selbst Wörter wie: erwartbar, konstant, nachvollziehbar.

Gemessen an diesen Kriterien ist die aktuelle Entscheidung der EZB am Donnerstag auf den ersten Blick folgerichtig. Knapp zwei Jahre nach Beginn einer Phase historisch schneller Zinserhöhungen gab sie nun bekannt, die geldpolitischen Zügel wieder zu lockern. EZB-Präsidentin Christine Lagarde kündigte an, den Leitzins zu senken. Banken können sich nun für 4,25 Prozent Zinsen Geld von der EZB leihen, das sind 0,25 Prozentpunkte weniger als zuvor.

Doch die EZB-Entscheidung birgt auch Risiken. Zwar ist die Inflationsrate im Euroraum von 10,6 Prozent im Oktober 2022 auf 2,6 Prozent im Mai 2024 zurückgegangen. Sie liegt damit aber immer noch über dem eigentlichen EZB-Ziel von zwei Prozent. Schlimmer noch: Im Mai sind die Preise gegenüber dem April sogar wieder um 0,2 Prozentpunkte gestiegen. Die sogenannte Kernrate der Inflation – ohne die besonders schwankungsanfälligen Bereiche Energie und Nahrungsmittel – ist ebenfalls gestiegen, auf 2,9 Prozent. Kurzum: Die Inflation mag gebändigt sein, aber sie ist noch lange nicht besiegt.

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Das Vertrauen in die EZB erodiert

Treiber der Inflation sind aktuell vor allem Dienstleistungen, die viele Bürger ganz direkt spüren: Ein neuer Haarschnitt, die Semmeln beim Bäcker, das Bier in der Stammkneipe – alles ist zuletzt teurer geworden. Vor allem die Gehaltssteigerungen für Mitarbeiter und die neuen Tarifabschlüsse werden in vielen Branchen auf den Verkaufspreis draufgeschlagen. Auch Rohstoffe wie Kakao und Kaffee haben sich extrem verteuert.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Die sogenannte gefühlte Inflation dürfte für viele Bürger deshalb noch deutlich höher liegen als die offiziellen Zahlen der EZB.

In den nächsten Monaten und Jahren rechnen viele Experten damit, dass sich die Inflation eher bei drei Prozent einpendelt. Und die Zeit der Nullzinsen dürfte auf längere Sicht Geschichte sein. Dafür sorgen ganz unterschiedliche Faktoren, etwa die Kosten für die überfällige grüne Transformation, höhere Preise für CO2 und Emissionszertifikate. Nicht zu vergessen die steigenden Kosten, die durch Umweltkatastrophen verursacht werden, wie das jüngste Hochwasser in Süddeutschland.

Zugegeben, ob die Leitzinsen der EZB nun bei 4,5 oder 4,25 Prozent liegen, mag für die Entwicklung der Preise keine allzu große Rolle spielen. Dennoch: Es wäre ein wichtiges Signal an die Sparer gewesen, die Zinsen so lange entschlossen hochzuhalten, bis die Inflation tatsächlich auf dem angepeilten Niveau liegt. Im schlimmsten Fall ist die EZB in ein paar Monaten gezwungen, die Zinsen wieder zu erhöhen.

Eine Achterbahnfahrt – Zinsen runter, Zinsen wieder hoch – wäre vielen Sparern aber nicht zu vermitteln. Das Vertrauen in die EZB würde weiter erodieren. Und erwartbar, konstant, nachvollziehbar wäre ein solches Hin und Her erst recht nicht.

Lesen Sie auch: Was hinter der Goldrally steckt – und wie es weitergeht

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