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Pandemie der finanziellen Angst Bei der Spanischen Grippe brach die Börse nicht zusammen – daraus können wir lernen

Die New York Stock Exchange in den 1910er-Jahren. Quelle: imago images

Die Pandemie der finanziellen Angst hat ein Eigenleben, schreibt Nobelpreisträger Robert J. Shiller: Eine negative Blase an der Börse entsteht, wenn die Menschen fallende Kurse beobachten und mit der Verbreitung von Geschichten beginnen, die diesen Rückgang erklären. Dann fallen die Kurse in den darauffolgenden Tagen weiter und immer weiter.

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Wir spüren derzeit die Auswirkungen der Angst vor zwei Pandemien, nicht nur vor einer. Zunächst haben wir es mit der COVID-19-Pandemie zu tun, die uns Angst macht, weil wir oder uns nahestehende Menschen auf der ganzen Welt bald schwer erkranken oder gar sterben könnten. Und zweitens grassiert eine Pandemie der Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der virusbedingten Pandemie.

Diese beiden Pandemien hängen zwar zusammen, sind aber unterschiedliche Phänomene. Im Falle der zweiten Pandemie sind Geschichten der Angst in einem Ausmaß viral gegangen, dass wir oft an nichts anderes denken. Der Aktienmarkt ist abgestürzt wie seit langem nicht. Dies offenbar als Reaktion auf Geschichten, wonach wir wegen COVID-19 womöglich unsere Lebensersparnisse verlieren, wenn wir nichts unternehmen. Aber im Gegensatz zur Furcht vor COVID-19 an sich, speist sich die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen aus unserer Unsicherheit, was wir tun sollen.

Es ist keine gute Nachricht, wenn zwei Pandemien gleichzeitig im Gange sind. Eine kann die andere befeuern. Unternehmensschließungen, steigende Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste führen zu finanziellen Ängsten, die wiederum verzweifelt nach Arbeit suchende Menschen möglicherweise davon abhalten, angemessene Vorkehrungen gegen die Ausbreitung der Krankheit zu treffen.

Außerdem ist es auch keine gute Nachricht, wenn sich weltweit zwei ansteckende Entwicklungen in Form einer Pandemie ausbreiten. Wenn ein Rückgang der Nachfrage auf ein Land beschränkt ist, breitet sich der Verlust teilweise auf andere Länder aus, während die Nachfrage nach den Exporten des betreffenden Landes nicht wesentlich abnimmt. Diesmal allerdings funktioniert dieses natürliche Sicherheitsventil nicht, weil die Rezession beinahe alle Länder bedroht.

Viele Menschen scheinen anzunehmen, dass die finanzielle Angst nichts anderes als eine direkte Begleiterscheinung der COVID-19-Krise ist - eine vollkommen logische Reaktion auf die Krankheitspandemie. Angst ist jedoch nicht vollkommen logisch. Die Pandemie der finanziellen Angst, die sich durch Panikreaktionen auf Kursverfall und wechselnde Narrative ausbreitet, hat auch ein Eigenleben.

Die Auswirkungen finanzieller Ängste auf den Aktienmarkt könnten durch ein Phänomen vermittelt werden, das der Psychologe Paul Slovic von der University of Oregon und seine Kollegen als „Affektheuristik“ bezeichnen. Wenn Menschen aufgrund eines tragischen Ereignisses emotional mitgenommen sind, reagieren sie mit Angst, selbst wenn es aufgrund der Sachlage keinen Grund zur Angst gibt.

In einer gemeinsam mit William Goetzmann and Dasol Kim verfassten wissenschaftlichen Arbeit stellten wir fest, dass Erdbeben in geographischer Nähe das Urteil über die Wahrscheinlichkeit eines Börsencrashs im Ausmaß der Jahre 1929 oder 1987 beeinflussen. Hatte sich in den 30 Tagen zuvor im Umkreis von etwa 48 Kilometern ein schweres Erdbeben ereignet, war die Einschätzung der Befragten zur Wahrscheinlichkeit eines Absturzes der Börsen signifikant höher. So funktioniert Affektheuristik.

Es ergibt wohl mehr Sinn, sich aufgrund einer Krankheitsepidemie einen Börsensturz zu erwarten als wegen eines kürzlichen Erdbebens, aber man rechnet nicht mit einem Crash in dem Ausmaß, wie wir ihn vor kurzem erlebten. Würde man allgemein annehmen, dass eine Behandlungsmöglichkeit die Intensität der COVID-19-Pandemie auf wenige Monate beschränken könnte oder dass die Pandemie ein oder zwei Jahre andauert, wäre das ein Anhaltspunkt dafür, dass das Aktienrisiko für langfristige Anleger nicht so groß ist. Man könnte kaufen, halten und die Sache aussitzen.

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