BörsenWoche 514: Editorial: Verschnaufpause bei Rüstungsaktien – endlich!
Am 24. Februar 2022 marschierte Russland in die Ukraine ein. Die Welt reagierte mit Schock, die Börse hingegen pragmatisch. Eine Aktie des Panzerbauers Rheinmetall kostete am Morgen des 24. Februars 98 Euro. Mitte der darauffolgenden Woche war ein Anteil bereits 163 Euro wert. Ein großer Sprung für einen deutschen Industriewert, aber gerade einmal der Anfang. Heute notiert die Aktie von Rheinmetall bei 1748 Euro.
Rheinmetalls Börsenwert ist auf 80 Milliarden Euro angewachsen. Damit gehören die Düsseldorfer zu den wertvollsten Rüstungskonzernen weltweit und haben amerikanische Branchengrößen wie General Dynamics und Northrop Grumman überholt. Die erste Nachfragewelle kam für Rüstungsaktien mit dem Ukrainekrieg. Für deutsche Wertpapiere kam die zweite Welle mit den üppigen Plänen für Rüstungsausgaben des neuen Bundeskanzlers Friedrich Merz. Deswegen stehen auch die Aktien anderer Rüstungskonzerne, etwa Hensoldt oder Renk, viel höher als vor einem Jahr.
Aber seit Ende Mai zeigen sich erste Risse in der Rally – und das ist auch gut so. Die Rheinmetall-Aktie hatte Freitagmorgen von ihrem kürzlichen Rekordhoch zehn Prozent an Wert verloren. Ähnlich verhielt es sich bei Hensoldt (Minus 15 Prozent) und Renk (Minus 17 Prozent). Einen konkreten Grund für den Rückgang gibt es nicht. Der Dax blieb im gleichen Zeitraum stabil.
Der Kaufrausch hat sich wohl einfach erschöpft. Der Mai war noch einmal ein starker Monat. So kostete etwa eine Hensoldt-Aktie zu Monatsbeginn 69 Euro. Anfang Juni waren es dann bis zu 109 Euro. Es war eine Übertreibung, die Rüstungsaktien zu teuer machte. Weshalb die aktuelle Korrektur gesund ist.
Noch vor ein paar Wochen konnten sich Anleger ausmalen, wie die Rüstungskonzerne in ihre Bewertungen hineinwachsen würden. Immerhin erwarten Analysten, dass Rheinmetalls Gewinn 2026 sechsmal höher ausfallen wird als 2021. Und auch in den Jahren danach dürften die Rüstungsausgaben weiter steigen.
Die kürzlich erreichten Rekordkurse waren jedoch zu üppig. Eine Aktie von Rheinmetall kostete in der Spitze 1944 Euro, obwohl der Konzern vergangenes Jahr gerade einmal 15,96 Euro Gewinn je Aktie machte. Ohne sich auf Prognosen zu verlassen, kam also ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 122 heraus. Ähnlich verhält es sich mit Hensoldt, das zum Rekordaktienkurs bei einem KGV von 117 landete, sowie bei Renk, dessen Wert auf 161 kletterte.
Etablierte Industriekonzerne kommen oft mit einem Zehntel dieser Bewertung aus. Die Verteidigungsausgaben in Europa sollen steigen, aber sie werden sich nicht verzehnfachen. Außerdem handelt es sich bei Rheinmetall, Hensoldt oder Renk nicht um junge Softwarefirmen, die ohne großen Aufwand ihren Absatz um das Vielfache steigern können. Im fertigenden Gewerbe braucht es jede Menge Personal, Platz und Rohstoffe, um die steigende Nachfrage auch bedienen zu können.
Bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, können Nachrichten die Kurse aber immer wieder treiben. So wie Ende vergangener Woche: Israel griff da strategische Ziele im Iran an. Der Dax fiel, aber die Aktien von Rheinmetall und Co. legten erneut zu.
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