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Saudi-Arabien und Nahost Der größte Börsengang der Welt

Saudi-Arabien schickt Ölförderer Aramco aufs Parkett. Damit das gelingt, muss die Region Reformen angehen. Anleger können auf die Wende setzen.

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Saudi-Arabiens Öl-Gigant Aramco geht an die Börse. Quelle: Getty Images

Zwar dürfen Frauen in Saudi-Arabien immer noch nicht Auto fahren, und erst im Dezember wurde eine junge Frau verhaftet, weil sie ein Foto von sich ohne Kopftuch auf Twitter gepostet hatte. Doch es tut sich etwas im Königreich. Ein Beispiel: Die neue Vorstandschefin von Tadawul, der saudischen Börse in Riad, ist eine Frau. Die 37-Jährige Sarah al-Suhaimi steht für Wandel im Wüstenreich. Die Harvard-Absolventin kommt aus einer Bankiersfamilie und war zuvor bereits fünf Jahre in der Londoner Finanzcity unterwegs. Seit 2014 leitete sie die Investmentabteilung der saudischen National Commercial Bank.

Seitdem die Ölpreise gefallen waren und sich noch längst nicht wieder erholt haben, ist dem Land klar geworden: Mit Petro-Dollar allein ist die Überlebenszeit des Systems endlich. Eine junge Bevölkerung, ein gigantischer Hofstaat und bizarr niedrige Steuern machen dem Haushalt zu schaffen – über 10.000 Prinzen kassieren königliche Apanagen. Veränderung ist das Gebot des Jahrzehnts. Treibende Kraft hinter den Reformen ist Kronprinz Mohammad, eine Art Shootingstar in der Ölmonarchie. Unter den Greisen in Riad gilt der 31-Jährige als junger Wilder. 2015 wurde er jüngster Verteidigungsminister der Welt und zog als Erstes in einen Krieg mit dem Nachbarland Jemen.

Mit seinem Programm Vision 2030 soll aus dem Ölstaat Saudi-Arabien innerhalb der nächsten Dekade eine breiter aufgestellte Volkswirtschaft werden.

Wissenswertes über Saudi-Arabien

Ein Meilenstein ist der größte Börsengang der Welt: 2018 will Saudi-Arabien unter der Ägide von Börsenfrau al-Suhaimi das Staatsunternehmen Aramco aufs Parkett bringen. Der Gigant hat mit rund zehn Millionen Barrel pro Tag einen Marktanteil an der weltweiten Erdölproduktion von zehn Prozent. Allein fünf Prozent der Ölfirma dürften über 100 Milliarden Dollar wert sein – und spielen damit in der Liga der jüngsten IPO-Giganten: Facebook und Alibaba.

Die Erlöse aus dem Börsengang von Aramco sollen in einen nationalen Fonds fließen, der in andere Industrien investiert. Viel weiß man noch nicht über die geplante Riesen-Emission. Und nach wie vor gilt Aramco als ein Ölmonster aus einer anderen Sphäre und einer anderen Zeit. Wie genau das wahrscheinlich wertvollste Unternehmen der Welt funktioniert? Darüber haben bisher nur die Verantwortlichen selbst einen Überblick. Bekannt ist, dass zu dem Ölgiganten auch acht Jets, darunter vier Boeing 737, und eine Kette von Fußballstadien sowie mehrere Krankenhäuser gehören.

Die US-Investmentbanken JP Morgan und Morgan Stanley sollen den Börsengang organisieren. Eine zusätzliche chinesische Bank soll Aktien bei chinesischen Anlegern vertreiben. Als Börsenplätze sind New York, London und Singapur im Gespräch.

Aussichtsreiche Orientfonds

Doch schon jetzt haben Börsengang und der damit verbundene Reformeifer Kursfantasien bei internationalen Anlegern ausgelöst. Denn für das Aktienpaket braucht das Königreich Käufer. Helfen könnte eine Aufnahme in den MSCI Emerging Market Index. Damit aber große Investment- und Pensionsfonds einsteigen, müssen vorher bestimmte Standards gewährleistet werden. „Saudi-Arabien arbeitet hart daran, in diesem Jahr die Kriterien zu erfüllen“, sagt Daniel Salter von Renaissance Capital, einer Investmentbank in London. Dazu zählen unter anderen Marktzugang und Transparenz. „Sollte Saudi-Arabien dieses Jahr in die Kandidatenliste aufgenommen werden, könnte eine Aufnahme in den Index im November 2018 folgen.“

Gut vorbereitet mit gekürzten Staatsausgaben

Das Problem für die Saudis: Der gesamte Nahe Osten ist normalerweise keine Region, die für gute Nachrichten bekannt ist. In Syrien und Jemen tobt ein Bürgerkrieg, in Teilen des Irak herrscht der „Islamische Staat“. Eine hohe Geburtenrate und autoritäre Regierungen erhöhen die Fragilität der Staaten. Trotzdem gibt es positive Nachrichten, die die Region für Anleger interessant machen. Denn so wie Saudi-Arabien stehen viele arabische Länder vor einer Trendwende.

„Aus makroökonomischer Sicht ist die Region momentan sehr interessant“, sagt Bassel Khatoun, Chefstratege für die Region in Dubai, von der Fondsgesellschaft Franklin Templeton. „Die Jahre 2015 und 2016 waren geprägt von einer Konsolidierung: Viele Regierungen haben ihre Staatsausgaben drastisch reduziert und Subventionen gekürzt.“ Das hat in vielen Ländern zu eingeschränktem Wachstum geführt. So hatte Saudi-Arabien zwischen 2014 und 2016 seine Ausgaben um 28 Prozent verringert. Dieses Jahr will Riad erstmals wieder mehr Geld ausgeben.

Gemessen an dem, was aus der Region kommt, sind die Länder des Nahen Ostens auf dem weltweiten Finanzmarkt unterrepräsentiert: Zwar beträgt ihr Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung 2,6 Prozent, aber nur 0,3 Prozent sind in Aktienindizes repräsentiert. Die Aufnahme in den MSCI EM würde das schlagartig ändern – und jede Menge Kapital anziehen. „Internationale Anleger werden dann an Saudi-Arabien kaum mehr vorbeikommen“, sagt Khatoun. „Erfahrungsgemäß löst eine Aufnahme in den Index eine Rally aus.“

Auch im bevölkerungsreichsten arabischen Land ist Bewegung: Ägypten. Noch vor wenigen Monaten stand der Staat kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. In Supermärkten, klagten Expats, gebe es keinen Philadelphia und keine Barilla-Nudeln mehr. Die breite Bevölkerung traf eher, dass gutes Obst, einer der wenigen Exportartikel, nur noch ins Ausland verkauft wurde. Auf den heimischen Märkten landete B-Ware. Entsprechend wuchs der Unmut der einfachen Leute auf den staubigen Straßen Kairos.

Die Märkte für Geduldige
Wo lässt es sich am besten nach Rendite fischen?Zwischen 1900 und Ende 2016 gewannen die Aktienmärkte weltweit im Schnitt 5,1 Prozent pro Jahr, die Inflation herausgerechnet. Zu diesem Ergebnis kommt die Credit Suisse in ihrem „Global Investment Returns Yearbook“ 2017, das im Februar veröffentlicht wurde. Für die Berechnung stützt sich die Schweizer Bank auf die Daten der Professoren Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton von der London Business School. Der Datensatz erfasst die Performance von 70.000 Börsentagen und vergleicht die Aktienmärkte aus 21 Ländern. Wer trotzte den Krisen der vergangenen Jahrzehnte besonders gut? Ein Überblick. Quelle: dpa
Österreich Quelle: Wiener Börse
Italien Quelle: REUTERS
Belgien Quelle: Fotolia
Frankreich Quelle: REUTERS
Deutschland Quelle: dpa
Portugal Quelle: dpa

Devisen fehlten, weil Kairo damit das ägyptische Pfund stützte. Der Tourismus war wegen des Terrorismus – al-Qaida hatte unter anderem ein russisches Flugzeug mit Urlaubern über dem Sinai abgeschossen – eingebrochen. Und die Einnahmen aus einer teuren Erweiterung des Suez-Kanals waren längst nicht so hoch wie angenommen.

Kein halbes Jahr später ist die Lage anders: Der Internationale Währungsfonds hat dem Land 2,75 Milliarden Dollar geliehen – die erste Tranche eines Zwölf-Milliarden-Kredits. Denn Ägypten hat sich an schmerzhafte Reformen gewagt: Den Wechselkurs gab Kairo im November frei. Die ägyptische Währung sank daraufhin rapide. Die Kapitalkontrollen sollen zunächst auf 100.000 Dollar gelockert werden. Für die ägyptischen Bürger sind die Einschnitte zwar schmerzhaft. Auch Subventionen für Benzin hat Kairo gekürzt – der Liter Super kostet jetzt umgerechnet 33 Cent – und zudem eine Mehrwertsteuer eingeführt.

Bald aber dürften die Reformen spürbar etwas bringen und die „ägyptische Wirtschaft ihr Potenzial ausschöpfen“, sagt IWF-Chefin Christine Lagarde. Sie glaubt, dass der Kredit und die damit verbundenen Reformanstrengungen internationale Anleger anziehen werden. Kairo rechnet mit elf Milliarden Dollar über Staatsanleihen und Aktien.

Reformen in Ägypten

Templeton hält das Ägyptische Pfund für unterbewertet, seitdem das Land als Voraussetzung für einen IWF-Kredit seine Währung freigegeben hat. Vor den Unruhen des Arabischen Frühlings 2011 lag das Wachstum bei rund fünf Prozent. Momentan wächst das BIP um drei Prozent. Zur allgemeinen Entspannung trägt vor allem der langsam steigende Ölpreis bei. Seit dem Tiefpunkt von 25 US-Dollar vor zwei Jahren hat er sich mehr als verdoppelt. „Das wirkt sich positiv auf die Wirtschaft der Länder aus“, sagt András Szálkai, Fondsmanager bei Raiffeisen Capital Management. „Die Stimmung unter Investoren hat sich sichtlich geändert, nachdem die Opec-Länder im Dezember vereinbart haben, weniger Öl zu fördern.“

Die Kursraketen seit der Finanzkrise

Ägypten ist zwar kein großer Ölproduzent, profitiert aber dank Pipelines und Suez-Kanal vom Ölgeschäft. Noch stärker am Ölpreis hängt das Königreich Saudi-Arabien.

Es will die Abhängigkeit aber verringern und steht wirtschaftlich besser da als vor drei Jahren: Im Dezember 2015 hat Riad die Benzinpreise um 50 Prozent erhöht, beziehungsweise Subventionen gekürzt. Auch die Gehälter im aufgeblähten Staatsdienst wurden gesenkt. Seit 2014 schrumpften die Staatsausgaben um ein Drittel. 2020 soll der Haushalt ausgeglichen sein.

In den übrigen Golfstaaten ist die Lage ähnlich: Sie sind auf dem Weg, unabhängiger vom Rohstoff Öl zu werden. 2018 soll in den Ländern des sogenannten Golf-Rats, zu dem sich die meisten Staaten der Arabischen Halbinsel zusammengeschlossen haben, eine Mehrwertsteuer eingeführt werden. In Oman und Bahrain kürzten die Regierungen Wasser- und Energiesubventionen und reduzierten die Staatsausgaben. Für einen Wirtschaftsaufschwung dürften auch zwei Großereignisse sorgen: 2020 findet in Dubai die World Expo statt. 2022 ist dann Katar Gastland der Fußballweltmeisterschaft. Beide Märkte gelten als die zugänglichsten und transparentesten der Region.

Die Raiffeisen-Bank hält neben Lebensmittelversorgern Immobilienaktien aus der Region für attraktiv. „Neben den Großereignissen stehen in den Golfstaaten viele Investitionen in die Infrastruktur an, wovon die Baubranche profitiert“, sagt András Szálkai, von Raiffeisen Capital Management.

Templeton setzt vor allem auf Finanz- und Bankaktien. Der Franklin MENA Fund (Mittlerer Osten/Nordafrika) besteht zu mehr als der Hälfte aus Aktien dieser Sektoren. Das hat banale Gründe: Die Börsen in der Golfregion sind noch relativ jung. „Da es zunächst vor allem Banken und Versicherungen sind, die an die Börse gehen, ist dieser Sektor stark repräsentiert“, sagt Fondsstratege Khatoun. Vor allem aber dürfte der Finanzsektor von einem stärkeren Dollar und steigenden Zinsen profitieren. Die meisten Währungen der Arabischen Halbinsel sind an den Dollar gekoppelt und ziehen bei Wertsteigerungen der US-Währung mit.

Die Risiken bleiben hoch: Saudi-Arabien gilt trotz seines Reformprogramms als Pulverfass. Der Wohlstand ist ungleich verteilt, und eine hohe Geburtenrate sorgt für sozialen Sprengstoff. 70 Prozent der Bevölkerung sind heute unter 30. Viele Männer gelten als gering qualifiziert, aber anspruchsvoll und arrogant. 70 Prozent der knapp 30 Millionen Saudis arbeiten für den Staat. Die Wirtschaft wird von rund acht Millionen, meist asiatischen Gastarbeitern am Laufen gehalten.

Eine Frau an der Spitze der Börse ist da bislang nicht viel mehr als ein Feigenblatt.

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