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Top-Standort in Europa Brexit treibt Investoren nach Deutschland

Jedes siebte in Großbritannien aktive Unternehmen plant Standortverlagerungen in andere Länder. Die beliebteste Alternative: Deutschland. Die meisten internationalen Unternehmen leiden zudem schon heute unter dem Brexit.

Der Brexit treibt Investoren ins Ausland. Für 40 Prozent von ihnen ist Deutschland erste Wahl. Quelle: dpa

Wenn Unternehmen Investitionen im europäischen Ausland erwägen, ist für 40 Prozent von ihnen Deutschland erste Wahl. Das Brexit-Votum und die in der Folge befürchteten Auswirkungen auf den Freihandel erhöhen die Attraktivität Deutschlands - allein gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozentpunkte, wie aus einer Untersuchung der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) hervorgeht.

Für mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Firmen, die bislang in Großbritannien aktiv sind, wäre Deutschland demnach das bevorzugte Ziel außerhalb des Vereinigten Königreichs. Dahinter folgen die Niederlande mit 33 Prozent und Frankreich, Italien und Spanien mit rund acht Prozent der Nennungen.

Die Studienautoren rechnen daher damit, dass zunehmend Unternehmen und Unternehmensteile von Großbritannien nach Deutschland verlagert werden. Bereits jedes siebte Unternehmen, das in Großbritannien aktiv ist, plant einen Standortwechsel. Außerhalb Großbritanniens hat das gerade einmal jedes fünfzigste Unternehmen vor. Noch nie seit Beginn der jährlichen Unternehmerbefragung im Jahr 2004 wurde die Entwicklung der Standortattraktivität von Großbritannien so schlecht bewertet wie in diesem Jahr. Mehr als ein Drittel der 254 befragten Unternehmen erwartet eine Verschlechterung in den kommenden drei Jahren.

Diese Städte wollen das nächste London sein
Die irische Hauptstadt lockt vor allem mit niedrigen Steuersätzen für Unternehmen. Damit hat Irland bereits große US-Konzerne überzeugt – und zugleich Kritik auf sich gezogen. Der IT-Riese Google zum Beispiel muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er deutschen Fiskus austrickst. Quelle: imago
Um sich dem Zugriff des Staates zu entziehen, verschieben einige Unternehmen über ihre Niederlassungen in Irland Gewinne in andere Steueroasen. Punkten kann Dublin natürlich auch damit, dass Englisch gesprochen wird. Gegen den Standort spricht aber, dass er nicht gerade zentral in der EU liegt und auch nicht gerade viele Banker unbedingt dort hinziehen werden. Quelle: imago
Der französische Staatschef François Hollande hat gleich Paris als Alternative zu London ins Spiel gebracht – und Banken Hoffnungen auf Steuererleichterungen gemacht . Die Regierung müsse daher „unsere Regeln, darunter die fiskalischen, anpassen, um den Finanzplatz Paris attraktiver zu machen“, sagte Holland. Paris hat als Bankenstadt bereits eine Bedeutung – allein schon, weil die großen französischen Banken dort ihren Hauptsitz haben. Quelle: REUTERS
Und wenn es um Kultur, Lifestyle und Nachtleben geht, hängt Paris sowieso alle anderen Städte ab. Die Attraktivität Paris‘ ist zugleich ein Manko. Die Stadt ist extrem teuer, die Wege sind weit.   Quelle: imago
Dass Luxemburg ein wichtiger Finanzplatz in der EU ist, ist unbestritten. Viele Banken, Fondsgesellschaften und Dienstleister haben dort große Büros. Der Großteil der Fonds, die in Deutschland verkauft werden, wurde nach den Luxemburger Regeln gestartet. Quelle: dpa
Und ähnlich wie Dublin hat auch das Großherzogtum Unternehmen mit geringen Steuersätzen angelockt. Diese Praxis ist aber mehr denn je hochumstritten. Zudem ist die Stadt mit rund 110.000 Einwohnern alles andere als groß. Fraglich wäre, ob dort einfach tausende weiterer Banker hinziehen könnten. Quelle: imago
New York ist das globale Finanzzentrum. Entsprechen viele Banken aus aller Welt haben ohnehin einen großen Standort dort. Deshalb dürfte in einigen Fällen – wenn es nicht um Europageschäft geht – naheliegend sein, Jobs von London nach New York zu verlagern. In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group nannten Topbanker von sich aus New York  als beste Alternative zu London. Quelle: AP

Als europäischer Top-Standort für ausländische Direktinvestitionen baut Deutschland seinen Vorsprung vor Großbritannien damit weiter aus. Während sich Deutschland als erste Wahl der befragten Unternehmen von 38 auf 40 Prozent verbessern konnte, fiel Großbritannien von 27 auf 22 Prozent gegenüber dem Frühjahr 2016 zurück. Dahinter folgen Frankreich (acht Prozent), Irland (vier Prozent) und die Niederlande (zwei Prozent). Bernhard Lorentz, EY-Partner und Leiter des Bereichs Government & Public Sector für Deutschland, Schweiz und Österreich, sieht darin eine wichtige Entwicklung.

„Wer Zugang zum europäischen Binnenmarkt suchte, hat bisher häufig von Großbritannien aus operiert. Künftig könnten andere europäische Länder das Rennen machen, allen voran Deutschland“, so Lorentz. Zu den Vorteilen des Standort Deutschland zählen ihm zufolge rechtliche, politische und soziale Sicherheit sowie gute Infrastruktur, Fachkräfte und ein im internationalen Vergleich attraktiver Immobilienmarkt.

Allerdings warnt EY-Deutschlandchef Hubert Barth: „So erfreulich die steigende Attraktivität des Investitionsstandortes Deutschland ist - dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU viele deutsche Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen wird.“ Für die Automobilindustrie beispielsweise stehe viel auf dem Spiel. Neue Handelshemmnisse über Zölle oder Vorschriften seien für viele Unternehmen eine Belastung.

Die Auswirkungen des Brexit-Votums spüren knapp drei Viertel (71 Prozent) der Unternehmen schon jetzt, obwohl Großbritannien frühestens in zwei Jahren aus der Europäischen Union austreten wird. Bei etwa 28 Prozent sind die Gewinnmargen, also das was vom Umsatz übrig bleibt, geschrumpft, weil Importe wegen des niedrigen Pfunds-Kurses teuer geworden sind. 29 Prozent klagen über höhere Einkaufspreise vor Ort. Und trotz der schon jetzt spürbar negativen Effekte des Brexit können erst vier Prozent der Unternehmen eine Strategie vorweisen, wie sie mit den sich verändernden Bedingungen umgehen wollen.

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