Geldanlage Global: Das Verbraucherverhalten entscheidet, ob die Konjunktur einbricht
Es war von vorherein klar, dass sich die Wirtschaft im Verlauf des vergangenen Jahres verlangsamen würde. Der Anstieg der Konsumausgaben in den Industrienationen nach der Pandemie konnte nicht in diesem Ausmaß weitergehen und tat es nicht. Es stellt sich jedoch vor allem die Frage, ob sich diese wirtschaftliche Verlangsamung zu einem Einbruch entwickelt – einer Periode mit deutlich unter dem Trend liegendem Wachstum
Diese Frage zu beantworten, ist derzeit schwierig, denn die Wirtschaft befindet sich in einer seltsamen Situation. Einige normale wirtschaftliche Zusammenhänge scheinen momentan nicht zu gelten. Am Beispiel der US-Wirtschaft lässt sich diese seltsame Situation gut aufzeigen. Die Arbeitslosenquote liegt nur 0,2 Prozent über dem Tiefstand der letzten 50 Jahre und die Zahl der offenen Stellen ist mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt vor der Pandemie. Dies signalisiert einen sehr starken Arbeitsmarkt. Und doch fallen der reale durchschnittliche Wochenverdienst und der Reallohnanteil des Beschäftigungskostenindex so schnell wie noch nie.
Der Arbeitsmarkt mag stark sein, aber das führt auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nicht zu Löhnen, die schneller steigen als die Inflation. Sinkende reale Einkommen bedeuten weniger Kaufkraft für Arbeitnehmende. Trotz der negativen Entwicklung der Realeinkommen ist das reale Konsumausgabenwachstum weiterhin positiv. Weniger Kaufkraft geht einher mit mehr Ausgaben. Dasselbe gilt für den Euroraum. Die Arbeitslosigkeit liegt auf dem niedrigsten Stand der Geschichte der Währungsunion. Die Zahl der offenen Stellen erreichte zuletzt ein Rekordniveau.
Die Realeinkommen sinken, aber die realen Konsumausgaben steigen weiter. Dieser seltsame wirtschaftliche Mix ist wichtig, weil er den kritischen Faktor hervorhebt, der eine Verlangsamung von einem Einbruch trennt. Dass negatives Realeinkommenswachstum und positives Realausgabenwachstum zeitgleich existieren, wird durch reduzierte Ersparnisse ermöglicht. Die US-Sparquote liegt deutlich unter den Niveaus vor der Pandemie. Haushalte in der Eurozone sparen etwas mehr als vor der Pandemie, aber die Sparquote ist von einem Höchststand von 24,9 Prozent auf leicht über 13 Prozent gesunken. Die Kürzung der Ersparnisse pro Monat ermöglicht eine Erhöhung des Konsums.
Verlangsamung versus Einbruch
Es ist das Spar- (und Kredit-)Verhalten der Verbraucher, das wahrscheinlich den Unterschied zwischen einer Verlangsamung und einem Einbruch der Wirtschaft ausmachen wird. In einem Verlangsamungsszenario wird das inflationsbereinigte Lohnwachstum wieder bei oder über null stehen, bevor die Ersparnisse aufgebraucht worden sind. In diesem Szenario werden geringere Ersparnisse (oder erhöhte Kreditaufnahme, die man auch als negative Sparquote erachten kann) den Konsum stützen, bis das reale Einkommenswachstum sich wieder in positives Territorium zurückbewegt.
In dem Szenario eines wirtschaftlichen Einbruchs wird etwas die Konsumenten dazu bewegen, ihre Sparquote wieder zu erhöhen, bevor sich die Realeinkommen stabilisiert haben. In dieser Situation werden sich die Konsumenten der Realität von seit einiger Zeit anhaltenden negativen Realeinkommenswachstums bewusst und Ausgaben werden gekürzt.
Auslöser für Verlangsamung und Einbruch
Das Verlangsamungsszenario ist am wahrscheinlichsten, wenn sich die Inflationsraten verlangsamen. Verlangsamte Inflationsraten erfordern eine Verlangsamung (aber keinen Einbruch) in der Nachfrage. Normalerweise wird die Inflation in den Industrienationen zu rund 60 bis 70 Prozent von den Arbeitskosten getrieben. Ungewöhnlicherweise ist die Inflation seit der Pandemie nicht mehr durch die Arbeitskosten getrieben worden (weshalb die Lohnquote, also das Verhältnis von Arbeitnehmerentgelt zu Volkseinkommen, stagniert oder sinkt). Es sind vor allem höhere Unternehmensgewinne, getrieben durch höhere Gewinnmargen, getrieben durch Preismacht, ermöglicht durch höhere Nachfrage, die die Inflation antreiben. Also muss die Nachfrage wenigstens in manchen Bereichen sinken, um die Inflation zu verlangsamen.
Wo sich die Nachfrage verlangsamt hat, hat sich auch die Inflation verlangsamt – dies sieht man beispielsweise bei der Preisentwicklung für langlebige Konsumgüter. Mit der Normalisierung der Nachfrage für Fernseher, Waschmaschinen und dergleichen nach der Pandemie ging, zumindest in den USA, in diesem Bereich die rasanteste Verlangsamung der Teuerung seit über 70 Jahren einher (von fast 19 Prozent im Jahresvergleich auf weniger als 5 Prozent im Jahresvergleich in weniger als acht Monaten).
Die Schwierigkeit für politische Entscheidungsträger besteht darin, die Nachfrage zu drücken, ohne einen Wirtschaftseinbruch auszulösen. Das Einbruchszenario könnte auf zwei Arten ausgelöst werden
Ein plötzlicher Anstieg der Angst um Arbeitsplatzsicherheit könnte Verbraucher dazu bewegen, ihre Sparquoten zu erhöhen und Ausgaben zu kürzen. Hier kommt die unvorhersehbare Rolle der sozialen Medien ins Spiel. Es ist absolut möglich, dass sich die Wirtschaft selbst in eine Rezession twittert. Wenn soziale Medien verstärkt über erhöhte Rezessionsrisiken berichten und daher Unsicherheit um den Arbeitsplatz schüren und Konsumenten dieses Narrativ bei ihrem Konsum beziehungsweise Sparverhalten beeinträchtigt, könnte dies die Rezessionsrisiken erhöhen.
Der alternative Weg zu einem Einbruch ist eine Variation der Nachfragezerstörung. Eines der wichtigsten unwesentlichen Dinge, für die Verbraucher Geld ausgeben, sind Ferien. Im Jahr 2019 gaben US- Haushalte umgerechnet 5,1 Prozent des BIP für Ferien aus. In Europa beliefen sich die gesamten Tourismusausgaben der Bürger im Jahr 2019 auf 3,4 Prozent. des BIP.
Die Kosten für den Urlaub sind 2022 deutlich gestiegen. Verbraucher sind nach der Pandemie jedoch noch nicht bereit, auf diese erhöhten Kosten mit niedrigerer Nachfrage zu reagieren. Sie allozieren daher einen größeren Teil ihres Budgets für Reisen. Konsumausgaben könnten rascher sinken, sobald Verbraucher ihre Ersparnisse erhöhen, um für die Reiseaktivität der vergangenen Monate zu bezahlen.
Schnelle Reaktionen
Sowohl in Bezug auf Arbeitsplatzunsicherheit als auch mit Nachfragezerstörung ist ein Kernrisiko in der Welt nach der Pandemie, dass die Verbraucher ihr Verhalten schneller ändern, als es in der Vergangenheit üblich gewesen wäre. Soziale Medien haben die Verbreitung von Unsicherheit und Angst beschleunigt – weit über das hinaus, was in der Vor-Twitter-Welt vorstellbar war.
Die signifikante Veränderung des Ausgabeverhaltens der Verbraucher für Urlaub bedeutet, dass vergangene Konsummuster bei der Vorhersage der Zukunft wenig hilfreich sind.
Jene Zentralbanken, die die Geschwindigkeit der Veränderung unterschätzen, riskieren die Geldpolitik zu stark zu straffen. Dies ist meiner Meinung nach eines der größten Risiken für die Märkte im kommenden Jahr.
Lesen Sie auch: Statt auf die Abkehr von der Zinswende zu hoffen, sollten Anleger ihr Portfolio auf alle Eventualitäten vorbereiten – und die Kursstürze des Katastrophenjahres 2022 nutzen.
Verlangsamung oder Einbruch?
Der Grat zwischen einer Konjunkturabschwächung und einem gesamtwirtschaftlichen Einbruch ist schmal. Typische wirtschaftliche Zusammenhänge halten teilweise nicht mehr, was für politische Entscheidungsträger die Auswirkungen ihres Handelns auf die Wirtschaft weniger vorhersehbar macht. Der Unterschied zwischen einer Verlangsamung und einem Einbruch beruht auf dem Verbraucherverhalten.
Wir werden bald im neuen Jahr erkennen, ob die auch durch soziale Medien geschürten Ängste sich in erhöhte Jobunsicherheit ummünzen wird und ob das Verlangen nach Reisen um jeden Preis in 2022 in diesem Jahr Kosten nach sich zieht. Das Risiko einer zu starken Straffung der Zentralbanken bleibt erhöht.
Vorerst bleibe ich bei meiner Präferenz für hochwertige Anleihen und Qualitäts- und Substanztitel im Aktienbereich.
Lesen Sie auch: Welche Dax-Titel jetzt kaufenswert sind