WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gewinnzahlen Wie Anleger Bilanzkniffe entlarven

Seite 3/3

„Privatinvestoren müssen mehr Verantwortung übernehmen“

Was wäre denn sinnvoll gewesen, um den nächsten Fall Wirecard zu verhindern?
Es gibt keine 100-prozentige Garantie, dass es keine Bilanzskandale mehr gibt, egal welche Regelungen getroffen werden. Wenn kriminelle Machenschaften detailliert geplant und Unterlagen im großen Stil gefälscht werden, wird es immer schwierig sein, einen solchen Betrug zeitnah aufzudecken. Auch müssen wir weg vom Generalverdacht: Nicht jedes Unternehmen ist kriminell. Unternehmen, die im großen Stil betrügen, sodass sich wesentliche Auswirkungen auf das Ergebnis, den Aktienkurs et cetera ergeben, sind Einzelfälle.

Ob die Prüfungsqualität wirklich so schlecht ist, wie oft unterstellt wird, müsste bilanzskandalunabhängig erst einmal untersucht werden. Wenn dem so wäre, gehen mir die geplanten Maßnahmen nicht weit genug: Es wäre interessenfrei zu untersuchen, inwieweit ein Joint-Audit, also die gemeinsame Abschlussprüfung durch mehrere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, zur Verbesserung der Prüfungsqualität beitragen kann und wie dies dann ausgestaltet sein müsste. Flankiert von einer strikteren Trennung von Prüfung und Beratung sowie gegebenenfalls einer mehr-, statt wie bisher einjährigen Beauftragung der Abschlussprüfung könnte das eine sinnvolle Maßnahme sein, um die Prüfungsqualität zu verbessern.

Zudem könnte überlegt werden, die Inhalte des Bestätigungsvermerks sowie die des Prüfungsberichtes informativer zu gestalten und letzteren einem größeren Adressatenkreis zugänglich zu machen. Auch die Fragen, wer den Abschlussprüfer auswählen soll, ob man diesen zum Beispiel umlagenbasiert finanzieren sollte und welche Kommunikationspflichten dem Abschlussprüfer einzuräumen sind, müssen unvoreingenommen und möglichst ohne lobbyistische Einflüsse diskutiert werden.

Signalwirkung könnte auch haben, aus einer Pflichtprüfung eine freiwillige Prüfung zu machen. Zudem sind auf der Ebene der staatlichen Aufsicht eine Bündelung der Kräfte sowie weniger fragwürdige personelle Verquickungen notwendig. Wissenschaftliche Untersuchungen, die den vermeintlichen Erfolg des mehrstufigen Enforcement-Verfahrens, also dem Nebeneinander von zum Beispiel der BaFin und der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung, belegen, sind kritisch zu hinterfragen. Zudem hilft auch eine stärkere Übernahme von Verantwortung seitens der Investoren. Sinnvoll wäre auch, wenn sich der Wirtschaftsprüfer wieder auf seine eigentlichen Aufgaben konzentrieren und an seine Verantwortung erinnern würde.

Wie entlarven Sie Bilanzkniffe?
Bilanzkniffe lassen sich mit einem einzelnen Jahresabschluss nicht unbedingt entlarven. Interessant ist vor allem ein Zeit- und ein Branchenvergleich. Wenn sich einzelne Beträge von einem auf das andere Jahr stark ändern oder unbegründet vom allgemeinen Trend abweichen, sollte man dies hinterfragen. Aber beim Vergleich mit anderen Unternehmen der Branche ist auch zu berücksichtigen, dass einem da nur jemand auffällt, der aus der Reihe tanzt. Das wissen die Unternehmen und versuchen, Trends zu antizipieren und diesen zu folgen. Wenn jemand trotzdem „aus dieser Reihe tanzt“, dann kann diese Erkenntnis schon zu spät sein, weil die Entwicklung über Jahre hinweg vom Unternehmen noch legal vertuscht werden konnte.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Denken Sie, dass es genügend Investorinnen und Investoren gibt, die sich so intensiv mit Bilanzen auseinandersetzen, dass die meisten Schönfärbereien und Betrügereien auffallen oder auffliegen?
Für eine detaillierte Bilanzanalyse bedarf es umfangreicher Kenntnisse in verschiedenen Bereichen: im rechtlichen Bereich, Kenntnisse über Kennzahlen, über das Unternehmen und dessen Umfeld et cetera. Darüber hinaus ist sehr viel Zeit notwendig, um sich intensiv mit einem Unternehmen auseinanderzusetzen. Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Investoren diese Zeit hat. Zudem lassen sich natürlich nicht alle Vorgänge aus dem Abschluss ablesen. Wie bereits gesagt, auch Privatinvestoren müssen hier mehr Verantwortung übernehmen – wie viel Zeit investiert man in den Kauf eines Autos und wieviel Zeit in den Kauf von Aktien?

Mehr zum Thema: Hinter guten Unternehmensergebnissen verbergen Firmenlenker oft rote Zahlen und Bilanzrisiken. Anleger, die sie im Blick haben, können sich vor bösen Überraschungen schützen. Zahlenbluff: Schön gerechnet

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%