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Intelligent investieren

Der Investor und der „Zeitfaktor“

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Das "Preis-versus-Wert-Prinzip"

Wer auf passives Investieren setzt, der kauft sich einen Aktienmarktindex oder –ETF und setzt keine Zeit ein, um Analysen anzustellen oder „Marktet-Timing“ zu betreiben. Die verfügbare Zeit nutzt er am besten, um anderen Interessen nachzugehen. Denn der konsequente passive Investor muss davon ausgehen, dass eine auch noch so fleißige Analysetätigkeit seine Investitionsrendite nicht verbessern kann: Man schneidet ja ohnehin nur so gut oder so schlecht ab wie der Gesamtmarkt.

Aktive Investoren haben hingegen gute Gründe, ihre Zeit für eine umfangreiche Analyse einzusetzen. Sie setzen ja darauf, dass man Überrenditen erzielen kann, indem man gezielt in herausragende Unternehmen investiert und die schlechten meidet. Dazu muss man eine möglichst genaue Vorstellung gewinnen über den Wert eines Unternehmens. Diese Information braucht man, ohne sie lässt sich keine sinnvolle Investitionsentscheidung treffen; man muss den Wert des Unternehmens hinreichend genau kennen.

Der aktive Investor braucht Zeit aus einem weiteren Grund: Die Preise an der Börse spiegeln in der Regel deren Werte recht genau wieder. Aber hin und wieder gibt es Phasen, in denen die Preise von ihren Werten abweichen. Derjenige, der eine Aktie zu einem Preis kauft, die deutlich unter ihrem Wert liegt, hat besonders gute Chancen, eine hohe Investitionsrendite zu erzielen – vor allem dann, wenn er Zeit hat, wenn er geduldig abwarten kann, bis der Markt dafür sorgt, dass der Preis dem Wert der Aktie zustrebt.

Und wieder hilft ein langer Investitionshorizont

Das aber kann dauern – und zwischenzeitlich den Investor unter gehörigen (Performance-)Druck setzen. Man denke nur einmal an den Fall, in dem man eine Aktie deutlich unter Wert gekauft hat. Die Zeit verrinnt, die Aktie kommt aber nicht vom Fleck, während der Gesamtmarkt zu immer neuen Höhenflügen ansetzt. Man bleibt hinter den Erfolgen der anderen zurück, fühlt sich als Verlierer – und es wachsen innere Zweifel an der Richtigkeit der getroffenen Investitionsentscheidung.

Je kürzer dann der Investitionshorizont ist, desto größer wird auch der Drang sein, die getroffene Investitionsentscheidung rückgängig zu machen, die ursprüngliche Investitionsidee als falsch zu deklarieren. Das führt dann meist dazu, dass unausgegorene Entscheidungen getroffen werden: Es wird die unterbewertete Aktie abgestoßen, und es wird das gekauft, was die vielen anderen auch kaufen, was aber längst zu teuer geworden ist – und das Ende vom Lied ist eine miese Investitionsrendite.

Zurück zu Kant. Nach ihm sind Raum und Zeit „reine Anschauungsformen“: „Alle Erscheinungen überhaupt... sind in der Zeit und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit.“ Wie immer man auch die Zeit (vernunftmäßig) begründen mag, sie hat für uns empirische Gültigkeit. Wir stehen dem Zeitablauf mit seiner Einmaligkeit und Unumkehrbarkeit nicht unbeteiligt gegenüber – und vor allem für den umsichtigen Investor ist es daher lohnend, sorgsam zu reflektieren, wie die Zeit unseren Investitionserfolg beeinflusst.

Nicht zuletzt auch deswegen, weil uns ein objektives Empfinden der Zeitdauer fehlt: Manchmal rast die Zeit dahin, manchmal dehnt sie sich unerträglich. Dadurch kann die Dringlichkeit, sich mit dem Investieren zu beschäftigen, nur allzu leicht „misserfahren“ werden. Wer sich frühzeitig im Leben – für sich oder auch für andere –, mit den Herausforderungen des Investierens und insbesondere der Bedeutung des Zeitfaktors vertraut macht, der hat eine sehr gute Ausgangsposition, sein Kapital zu mehren.

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