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Tauchsieder
Das Auktionshaus van Ham in Köln hat sich zum Innovationstreiber der Branche gemausert Quelle: imago images

Kunstmarkt: Geld wie Heu?

111 Millionen Dollar für ein paar Heuhaufen von Monet. Einerseits. Andererseits scheint es bei den mittelständischen deutschen Auktionshäusern nicht mehr ganz so rund zu laufen wie zuletzt. Nur ein Kölner Haus trotzt dem Stagnationstrend.

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Der Kunstmarkt ist mal wieder in Bewegung - aber vielleicht nicht so, wie die mittelständischen Auktionshäuser in Deutschland es sich wünschen. Die Milliardäre und Multimillionäre kaufen Blue Chips der Klassischen Moderne und zeitgenössische Siegerkunst weiter munter bei den beiden großen Kunstkonzernen Sotheby’s und Christie’s ein. Vor drei Wochen hat angeblich SAP-Gründer Hasso Plattner sich nach einem achtminütigen Bieterwettstreit für knapp 111 Millionen Dollar weitere Heuhaufen des französischen Impressionisten Claude Monet zugelegt (vor 33 Jahren waren die „Meules“ noch für 2,53 Millionen Dollar zu haben) - und knapp 19 Millionen Dollar für zwei zusätzliche Leinwände locker gemacht (Monet, Caillebotte). Bei der Abendauktion für zeitgenössische Kunst in New York setzte Sotheby’s mit 63 Losen fast 350 Millionen Dollar um; lediglich sieben Angebote kehrten unverkauft ins Depot zurück. Christie’s verkaufte vergangene Woche in Hongkong Kunstwaren für 327 Millionen Dollar - und setzte dabei vor allem mit Rekorden für jungen Positionen ein Zeichen.

Die Gründe für die anhaltende Hausse? Zunächst einmal: Es gibt offenbar keine politische Krise, die dem Kunstmarkt schaden könnte. Handelskrieg? Brexit? Trump-Populismus? Dem Kapital ist es egal. In den vergangenen zehn Jahren war es das Narrativ von Niedrigzinsen, Anlagenotstand  und erbschaftssteuerfreiem Vermögenstransfer, mit dem man sich die Kunst-Konjunktur erklärte; davor spielte man sich den Evergreen von der Singularität eines Kunstwerks, also vom knappsten aller knappen Güter vor, das nur zwei besitzwillige, wettbewerbsbereite und solvente Nachfrager braucht, um hohe Preise zu erzielen.

Außerdem gibt es noch den Hit der Kunstsoziologen, die den Kunsterwerb der materiell (Erfolg-)Reichen als eine Art Denkmalpflege in eigener Sache, als  Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis ihrer prosaischen Geschäftswelt, als kaufenden Sprechakt  transzendenzverloren-ewigkeitshungriger Manager und Unternehmer deuten. Und schließlich: Seit der Ökonom Thomas Piketty den Nachweis darüber geführt hat, dass Einkommen aus Vermögen höher rentieren als Einkommen aus Arbeit, sind wir Zeuge einer selbstreferenziellen, fast schon alchimistischen Reichtumsvermehrung in der global superrich class: Das Geld der Superreichen heckt Geld für die Superreichen, übrigens zunehmend abseits der (reglementierten) Börsen, in Form von Fonds und Beteiligungen, in Form von Immobilien - und Kunst.

Die mittelständischen Kunstauktionshäuser in Deutschland haben mit dieser Entwicklung nur ganz am Rande zu tun. Die drei größten - Ketterer (München), Lempertz (Köln) und Grisebach (Berlin) - adressieren hauptsächlich mit Kunst aus dem deutschsprachigen Raum hauptsächlich einen nationalen, oft bürgertumssatten Wohlstandsmarkt, setzen mit Losen im Wert von 5000 bis 500.000 Euro (selten mehr), seit vielen Jahren, je nach Einlieferungsglück, stabil schwankende 45 bis 55 Millionen Euro im Jahr um, wobei mal das eine, mal das andere Haus meint, die Nase vorn zu haben - warum auch nicht: Je nachdem, wie man rechnet (mit Aufgeld oder ohne; nur Kunst oder auch Schmuck und Asiatika) dürfen sich alle als Primus (inter pares) fühlen.

Kunst als Erbe

Bei den Frühjahrsauktionen an diesem und am nächsten Wochenende könnte es womöglich nicht ganz so rund laufen wie in den vergangenen Jahren. Bei Grisebach fanden am Donnerstagabend immerhin 20 von 50 „ausgewählten Werken“ keine Abnehmer; darunter auch vier der neun am höchsten taxierten Lose (Jawlensky, Pechstein, Schmidt-Rottluff). Viele Bilder wechselten gerade mal zum Limitpreis (oder knapp darüber) den Besitzer. Einen wirklichen Ausreißer nach oben verzeichnete allein eine späte, nicht einmal typische Leinwand des momentan überpopulären, heißlaufenden Ernst Wilhelm Nay. 

Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren. Vielleicht der Wichtigste: Viele deutsche  Banker, Manager, Unternehmer sammeln seit den Siebziger- und Achtzigerjahren Kunst - Kunst, die in den nächsten Jahren vererbt werden wird. Und Kunst, für die gilt: Das Angebot wird größer als die Nachfrage sein. Es ist zumindest fraglich, ob die Erben der Zweitliga-Kunst aus  Impressionismus und Expressionismus ihr denselben Wert beimessen werden wie die Elterngeneration es tat. Es ist beinahe gewiss, dass die virile Männerkunst von Kiefer, Baselitz, Penck, Lüpertz und Immendorf für ein grünvegan-durchgegendertes 21. Jahrhundert nur noch von peripherem Interesse sein wird.

Und fest steht, dass die schiere Menge der zeitgenössischen Museums-, Messe- und Galeriekunst, dass all’ die teuren Installationen, Skulpturen, Videos und Bilder auf dem Sekundärmarkt auf ein minimales Interesse stoßen werden - ganz einfach, weil es viel zu viel von ihr gibt, weil für den überwiegenden Teil der zeitgenössischen Kunst dasselbe gilt wie für die zeitgenössische Musik (einmal gespielt, nie wieder aufgeführt) - und weil alles Zeitgenössische sich dadurch auszeichnet, dass es heute schon von gestern ist. 

Das Auktionshaus van Ham in Köln antizipiert diese Entwicklung seit einigen Jahren besonders feinfühlig und hat sich zum Innovationstreiber der Branche gemausert. Geschäftsführer Markus Eisenbeis hat kuratierte Online-Auktionen eingeführt, in denen Werke von 200 bis 5000 Euro  versteigert werden, fraglos das beste Angebot dieser Art in Deutschland: Hier wird eine junge Kundschaft an die Marke gebunden. Vor allem aber bietet Eisenbeis über die 2011 gegründete „Van Ham Art Estate“ die Verwaltung und Vermarktung künstlerischer Nachlässe an, um vom wachsenden Erbgeschäft zu profitieren. Solche Nachlässe werden in der Regel von den Familien verwaltet, mitunter in Stiftungen überführt (vorbildlich: Ernst Wilhelm Nay), von Galerien betreut – oder von Eisenbeis. Unter anderem verwahrt van Ham auf 4000 Quadratmetern rund 300 Werke von Karl Fred Dahmen (1917–1981), im Auftrag der beiden Enkel. Aber was heißt verwahren? Es geht darum, „den Künstler als Künstler am Leben zu erhalten“, sagt Eisenbeis. Sein Deal mit den Erben: Erst Erbschaftsteueroptimierung über das Kleinrechnen des Konvolutes (Paketabschlag, Transport-, Vermarktungs- und Versicherungskosten) auf maximal 15 Prozent. Anschließend Wertmaximierung durch kluges Künstlermanagement. Dazu hat Eisenbeis die Werke inventarisiert, begutachtet, bewertet, präsentiert und kontextualisiert, 2017 in Duisburg und Düren zwei Museums-Ausstellungen mit teils unverkäuflichen Premiumwerken initiiert – und er platziert sie, über Jahre hinweg, auf Versteigerungen des Auktionshauses.

Keine schlechte Idee. Zumal sich Eisenbeis damit indirekt auch als eine Art Idealpartner für Sammler ins Spiel bringt - und am wertsteigernden Verkauf ihrer Kollektionen. Am vergangenen Mittwoch versteigerte Van Ham die ersten 150 von mehr als 4000 zeitgenössischen Werken aus der Sammlung SØR Rusche - der Textilhändler hat sich entschlossen, die Sammlung „zu veräußern, um die digitale Transformation des Unternehmens zu finanzieren und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter langfristig zu sichern“, so Geschäftsführer Thomas Rusche - und ganz gleich, ob das stimmt oder nicht: Der von Eisenbeis organisierte Abverkauf gelang glänzend: Van Ham meldete einen „White Glove Sale“ ohne einen einzigen Rückgang, spielte mit Werken von populären, auch von der Erbengeneration geschätzten Gegenwartskünstlern wie Norbert Bisky, Martin Eder, Leiko Ikemura, Neo Rauch, Sven Kroner und Daniel Richter mehr als 2,5 Millionen Euro ein - doppelt so viel wie erwartet.

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