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Quelle: imago images

Enkeltrick 2.0 – Senioren, die in Aktien anlegen, brauchen besonderen Schutz

Das Coronavirus ist der Turbo der Digitalisierung. Auch die Finanzbranche übt sich in Social Distancing beim Umgang mit ihren Kunden. Doch für ältere Menschen wird das zum echten Problem.

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Online-Banking ist für meine Patentante ein Fremdwort. Die alte Dame zählt mit über 75 Jahren und Herzschwäche zur Covid19-Risikogruppe. Aus Angst, sich anzustecken, geht sie nicht mehr zum Supermarkt, aber eben auch nicht mehr zur Bank. Noch hat sie genug Bargeld zu Hause, um den hilfsbereiten Nachbarn Geld für den Wocheneinkauf zu geben. Doch vergangene Woche hat sie Heizöl bestellt, das dann aber bezahlt werden will. Per Überweisung. Und jetzt? Sie gehört zu den Menschen, die stets superpünktlich zahlen. Mahnfristen würde sie niemals ausreizen. Sie hat Glück, dass ihr Sohn jetzt in die Bresche springt. Doch was tut die Nachkriegsgeneration, wenn sie keine Kinder hat, die ihnen Brücken ins digitale Neuland bauen?

Ausgerechnet der Alterskohorte 66+ will die Bundesfinanzaufsicht nun einen roten Teppich ins Online-Trading ausrollen, wie sie jüngst im hauseigenen Magazin verkündete. Schließlich sind mittlerweile 79 Prozent der 60– bis 69-Jährigen und 45 Prozent der ab 70-Jährigen online. So denken die Bankenaufseher bereits intensiv über die Frage nach, wie die Finanzinstitute Senioren „auch in Zeiten galoppierender Digitalisierung einen unverbauten Zugang zu Finanzdienstleistungen“ bieten können, schreibt BaFin-Präsident Felix Hufeld. Und offenbar meint er dabei nicht nur Echtzeitüberweisungen und Vorsichtsmaßnahmen gegen Datendiebstahl beim Online-Shopping mit der Kreditkarte.

In der Broschüre „Geld anlegen im Ruhestand“ geht es  jedenfalls um „höhere regelmäßige Einkünfte oder eine höhere Summe Geld“, die etwa durch die Auflösung einer Renten- oder Lebensversicherung zur Verfügung steht. Auf über 30 Seiten werden dann die Grundregeln verschiedener Anlageoptionen durchgespielt. Manch ein findiger Rentner, der immer schon in Aktien investiert hat, wird vielleicht einwenden, dass es im Alter ohnehin zu spät sei und dass er mit Aktenhandel früher hätte anfangen müssen.

Dass die Silver Surfer tatsächlich versiert genug sind, um in den digitalen Aktienhandel einzusteigen, glaubt offenbar nicht mal die BaFin selbst. Die Informationen, die BaFin-Vertreter im vergangenen Herbst bei einem digitalen Stammtisch von Senioren- und Verbraucherverbänden weitergaben,  gehen jedenfalls kaum über die wichtigsten Grundkenntnisse hinaus: die Vermeidung von Datenspuren im Netz oder das Zwei-Faktor-Verfahren für mehr Sicherheit beim Onlinebanking. Für die Einschätzungen der Risiken von Aktiengeschäften reicht derlei nicht – auch nicht, um in der aktuellen Situation abgestürzter Märkte die vermeintlich günstigen Kurse für Aktien-Schnäppchen beim Rentner-Schlussverkauf zu nutzen.

Insofern braucht es echte Regulierung und nicht bloß simple Verbraucherinformationen. Dass sich „das kleine ABC der Geldanlage in leichter Sprache“ zu einem Bestseller entwickelt hat, „der in allen Altersgruppen und Bildungsstufen verfängt“, also auch bei den über 70-Jährigen, mag für die BaFin Anlass zur Freude sein. Aber noch größer dürfte die Freude bei denen werden, die künftig all die unbedarften digitalen Spätzünder auf roten Teppichen zielgruppengerechter Werbung auf riskante falsche Fährten locken. Zwar warnt die BaFin regelmäßig vor unseriösen Angeboten: „Betrügerischen Handelsplattformen ist das Alter ihrer Opfer ziemlich egal.“ Online-Kriminelle werden sich allerdings nicht scheuen, ihre unseriösen Angebote vor allem auf die Zielgruppe der Silver Surfer zuzuschneiden. 

Es ist löblich sein, dass die BaFin leicht zu nutzende Verfahren für das Beschwerdemanagement eingeführt hat, wenn den Verbrauchern „mögliche Unstimmigkeiten auffallen“. Doch der berüchtigte Enkeltrick funktioniert auch digital – und wenn das Geld erstmal weg ist, ist es weg. Wenn also die BaFin angesichts des Filialsterbens die Alten ins Online-Trading locken will, sollte sie strengere regulatorische Schutzmaßnahmen einführen, damit nicht eines Tages die Kinder und Enkel die Zeche zahlen müssen.

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