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Rentenfonds Wo toxische Wertpapiere in Fonds schlummern

Viele konservative Anleger verbuchen mit Rentenfonds Verluste. Ihre Fondsmanager haben unter anderem in riskante Hybridanleihen von Banken investiert.

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Fonds sind tickende Zeitbomben Quelle: Martin Haake

Zum Experten für Spezialschrott ist Bundesfinanzminister Peer Steinbrück geworden: Er will den angeschlagenen Banken Millionen von derzeit kaum handelbaren Wertpapieren abnehmen und diese in Bad Banks auslagern. „Giftige Wertpapiere verderben viele Bankbilanzen, und die Giftmüllabfuhr hilft den Banken“, erklärt der SPD-Politiker seine neue Aufgabe als Toxikologe.

Doch längst nicht nur in den Bankbilanzen schlummern toxische Papiere, auch für viele Fonds kauften deren Manager riskante Anleihen ein. Anleger erfuhren häufig erst nach hohen Verlusten, welche Zeitbomben die Fondsmanager dort eingelagert hatten. Die Fondsmanager werden die Papiere nicht los, und manche Anleger können ihre Fonds nicht verkaufen.

Viele dieser Anleihen haben in den vergangenen Monaten bis zu 90 Prozent verloren. Die Verluste treffen nicht nur Fonds, die auf diese Papiere spezialisiert und deren Investoren per Prospekt über die Risiken informiert waren. Verluste brachten die oft kompliziert konstruierten Anleihen auch in Wertsicherungs-, Renten- und Geldmarktfonds, die Fondshäuser regelmäßig als sichere Alternative zu Tagesgeldern angepriesen und in niedrige Risikoklassen einsortiert hatten. Von Anlagen für konservative Sparer kann jedoch keine Rede sein.

So verlor der Geldmarktfonds SEB Money Market in diesem Jahr 30 Prozent seines Wertes, der SEB Geldmarktfonds Euro liegt elf Prozent im Minus. Die Fondsmanager haben ihre Portfolios zu spät von toxischen Papieren befreit. Mit dem Geldmarktfonds für Euro-Unternehmensanleihen der genossenschaftlichen Union Investment, dem UniMoneyMarket Euro Corporates, sind Anleger ebenfalls auf die Nase gefallen. Der Fonds eigne sich zur Anlage liquider Mittel, die mit geringer Verzinsung auf dem Girokonto stehen, und investiere zu 90 Prozent im Bereich „Investment Grade“, also der besten Anleiheklasse, heißt es in der Fondsbeschreibung.

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    Banken haben falsch investiert

    Anleger durften also arglos sein. 2008 verlor der Fonds 33 Prozent an Wert, im laufenden Jahr liegt er 4,7 Prozent im Minus. Grund: Mehr als 70 Prozent des Fonds waren in Anleihen von Banken und „diversifizierten Finanzdienstern“ investiert. Der für „sicherheitsorientierte Anleger“ aufgelegte „dynamische Wertsicherungsfonds“ Cominvest Total Return Bond soff in diesem Jahr um 29 Prozent ab.

    Der WirtschaftsWoche liegen interne Verkaufsunterlagen der Commerzbank vor, die den damals noch unter der Adig-Flagge laufenden Fonds im Sommer 2005 zu den „Fokusprodukten“ zählten. Er sollte in den Depots rentenorientierter Kunden bis zu 60 Prozent der Gesamtanlage ausmachen. Doch von Anfang an investierte die Commerzbank-Tochter vor allem in strukturierte und Unternehmensanleihen. Das rächt sich nun für Anleger bitter. „Wir sehen uns an, welche Tranchen Werterholungspotenzial haben, und verkaufen die Papiere nicht zu Tiefstpreisen. Wenn sich der Markt beruhigt, hat der Fonds Aufholpotenzial“, meint Ulrich Beckmann, Rentenchef bei der Fondsgesellschaft Cominvest.

    Abgestürzt (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

    Gleich gar nicht mehr an ihr Geld kommen Anleger vorerst bei dem Cominvest Genussscheinfonds. In ihm ist seit März ein Volumen von 113 Millionen Euro eingefroren. Im Oktober wurde bereits der HSBC Trinkaus Genüsse International geschlossen. Da HSBC keine aktuellen Preise ermittelt, weil es keine verlässlichen Kurse für Genussscheine gebe, wissen Anleger nicht einmal, wie es um ihr Geld bestellt ist.

    Bei den derzeit kaum handelbaren oder im Kurs oft dramatisch abgestürzten Papieren handelt es sich um anleiheähnliche Konstrukte, deren Zinszahlungen oder Rückzahlungshöhe vom Gewinn einer Bank oder eines Unternehmens abhängt. Die Bedingungen dieser Genussscheine und Hybridanleihen sehen sogar zum Teil vor, dass die Investoren bei Verlusten einer Bank einen Abschlag auf ihren Einsatz hinnehmen müssen, wenn der Emittent das beschließt.

    Zinsverluste bei Hybridanleihen

    In der Finanzkrise machen manche von diesen Bedingungen Gebrauch. Zuvor haben sie Investoren mit schlechten Meldungen verschont, um sie nicht zu vergrätzen. Für die Emittenten haben die Papiere den Vorteil, dass ein Teil des Geldes als Eigenkapital angerechnet werden kann. Deswegen auch die Bezeichnung Hybrid: Ein Teil gilt wie herkömmliche Anleihen als Schulden, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zurückgezahlt werden müssen, ein anderer Teil zählt zum Eigenkapital, das bei Verlusten sinkt.

    Hybridanleihen wurden in den vergangenen fünf Jahren vor allem zur Finanzierung kostspieliger Unternehmensübernahmen populär. Der Pharmariese Bayer brachte im Jahr 2005 eine 1,3 Milliarden Dollar schwere Hybridanleihe auf den Markt, um den Schering-Kauf zu finanzieren. Sie liegt derzeit 17 Prozent unter ihrem Ausgabepreis. 2005 lag das von deutschen Unternehmen ausgegebene Hybridvolumen bei 6,4 Milliarden Euro, 2006 und 2007 kamen je rund vier Milliarden zusammen, 2008 brach es auf 550 Millionen ein. Höhere Volumina zeichneten Fondsmanager bei den Banken. Allein die Commerzbank hatte Ende 2008 rund 15 Milliarden Euro an hybriden Papieren ausgegeben, ihre Neu-Tochter Dresdner Bank sieben Milliarden.

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      Nachdem die Dresdner 2008 einen Verlust eingefahren hat, bekommen die Hybridanleger nun die Quittung: Zinsen fallen aus. Bei der Skandalbank Hypo Real Estate und deren Tochter Depfa stehen Investoren hohe Verluste auf ihren Einsatz bevor. Kein Wunder, dass es von den Banken kaum neue Hybridemissionen gibt. Ausnahme war die DZ Bank, die Mitte Mai 500 Millionen Euro einsammelte – bei ihr wohlgesonnenen Genossenschaftsbanken.

      Für die maue Stimmung auf dem Markt ist ausgerechnet Bankenretter Peer Steinbrück mitverantwortlich. Besonders dort, wo der Steuerzahler mit Milliarden einspringen musste, dringt der Bundesfinanzminister darauf, dass Banken Investoren stärker an Verlusten beteiligen und Zinszahlungen aussetzen. Die Anleihebedingungen machen dies ja möglich. Die Investoren sind jahrelang wegen der für sie nachteiligen Bedingungen bei Hybrids mit einem Aufschlag von rund zwei Prozentpunkten auf den Zinssatz herkömmlicher Anleihen belohnt worden. Jetzt, da die finanzielle Lage vieler Unternehmen und Banken bedrohlich wird, wiegt dieser Zinsaufschlag das Risiko kaum mehr auf. Die Hybridpapiere gehören zum sogenannten Nachrangkapital: Im Fall einer Pleite werden sie erst nach allen anderen Krediten bedient – dann ist meist nichts mehr übrig.

      Zu allem Übel findet in dem Segment der Hybridanleihen und Genussscheine auch nur noch wenig Börsenhandel statt. Die Folge sind große Kurssprünge nach oben und unten. In der Vergangenheit gab es immerhin eine Alternative: „Der Eigenhandel von Banken hatte den Markt mit den Hybrids in Schwung gehalten und für Liquidität gesorgt“, sagt Mark Pellemeier, Leiter Handel Credits bei der WGZ Bank, „aber die Banken haben sich nun fast komplett aus diesem Feld verabschiedet.“

      Staatsspritzen helfen nur begrenzt

      Durchgeschüttelt haben den Markt auch die Ratingagenturen. Standard & Poor’s und Moody’s haben die Noten für Bankhybrids in diesem Jahr vielfach so weit heruntergestuft, dass viele Profi-Investoren gar nicht mehr in die Papiere investieren dürfen – selbst wenn sie es wollten, weil sie steigende Kurse erwarteten. Papiere von Großbanken wie Dresdner Bank, Commerzbank, Fortis, RBS rangieren mittlerweile in den schwächsten Bonitätskategorien – trotz mannigfaltiger Staatsspritzen.

      Viele Fondsmanager mussten nach den Herunterstufungen zu Tiefstkursen verkaufen. Eine Hybridanleihe der Commerzbank verlor zwischenzeitlich 85 Prozent ihres Nennwerts. „Die Verluste in dem Markt wurden so hoch, weil Papiere aller Ratingklassen in den letzten Monaten über einen Kamm geschoren wurden und Ratingagenturen für Hybridkapital in Gänze den Daumen gesenkt haben“, sagt Cominvest-Fondsmanager Ulrich Teutsch.

      So entwickelte sich der Anleihemarkt mit Hybrids, aber auch mit ABS-Anleihen, mit denen Immobilienkredite oder Kreditkartenforderungen verbrieft wurden, zu einem Debakel für Rentenfondsmanager. Besonders hart traf es die, die in Phasen niedriger Zinsen mithalten wollten und dazu mit Spezialanleihen in die Vollen gegangen waren. „Es war schwierig, mit Rentenfonds den Markt zu schlagen, wenn man nur mit der Laufzeit von Staatsanleihen und deren Zinsunterschieden operieren konnte.

      Viele Fondsmanager haben dann neue Anleihetypen beigemischt. Aus den Beimischungen wurden jedoch häufig wesentliche Teile des Portfolios“, sagt Bernd Früh von der Schweizer Investmentboutique Tiberius. Früh hat nicht mitgemacht und mit seinem Staatsanleihenfonds in einem Jahr ein Plus von 14 Prozent erzielt. Auch Johannes Führ, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung und einer der führenden europäischen Anleiheexperten, erteilt den Papieren eine Absage: „Bis vor einigen Jahren hatten Genussscheine steuerliche Vorteile. Inzwischen sind sie unkalkulierbar. In schwierigen Zeiten werden die Kapitalgeber ausgebremst.“ Für ihn gibt es zwischen Zocken im Kasino und der Investition in spezielle Bankanleihen kaum einen Unterschied: „Eine Anleihe der Depfa notiert zwar bei einem Kurs von 60 Prozent, aber wer sie am Markt verkaufen will, erzielt vielleicht 20 Prozent. Es gibt keine Liquidität, und niemand weiß, welche Risiken noch in dem Institut schlummern.“

      Die Wette läuft

      Und dennoch: Seit Jahresanfang haben Anleger neuen Renten-Laufzeitfonds der DWS wie dem Renten Direkt 2013 mehr als eine Milliarde Euro anvertraut. Dafür bekommen sie all das in den Korb, was manchem anderen DWS-Rentenfonds Verluste beschert hatte. Mitunter kamen die neuen Fonds besonders günstig an die Papiere. Mit einem im Jahresbericht ihres ABS-Fonds als „Korrekturposten“ bezeichneten Wertabschlag von 6,7 Millionen Euro hat der DWS-Verwaltungsrat die Kurse der Papiere zum Stichtag Ende Dezember reduziert. Das sollte der niedrigen Liquidität am Markt Rechnung tragen, heißt es. Gleichzeitig schafft die kreative Buchung für die neuen Laufzeitfonds, die sich auch aus dem Bestand des ABS-Fonds bedienen durften, bessere Start-Voraussetzungen. Die Wette, dass sich die Kurse von Hybrids sowie strukturierten Anleihen in einigen Jahren erholen, läuft also.

      Ihre unrühmliche ABS-Vergangenheit beendet die DWS: Sie lässt den ABS-Fonds verschwinden, indem sie ihn mit dem Kurzläuferfonds DWS Euro Reserve fusioniert. Bei den verlustreichen SEB-Geldmarktfonds sollen jetzt unter anderem Tages- und Festgelder die „Grundlage für eine positive Wertentwicklung schaffen“.

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        Bleibt die Frage, ob Anleger dafür einen Fondsmanager brauchen. Knapp 30 Prozent Verlust dürfte auch der beste Fondsmanager der Welt mit mickrigen Festgeldzinsen kaum wieder aufholen.

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