Altersvorsorge im Check: Diese Lebensversicherungen bieten Kunden die besten Chancen
Das Jahr 1994 ist lange her. Doch manches von damals kommt zurück – etwa das Lied „Cotton Eye Joe“ der schwedischen Band Rednex. In den vergangenen Jahren wurden Klamauk-Versionen in sozialen Netzwerken milliardenfach aufgerufen – und der Song wurde wieder zum Hit.
Von solch einem Comeback kann die Kapitallebensversicherung nur träumen. Dabei knüpft auch sie gerade an alte Erfolge an: Zu Jahresbeginn ist der Garantiezins gestiegen, erstmals seit Juli 1994. Trotzdem erstrahlt die klassische Form der Altersvorsorge – mit immer noch knapp 36 Millionen Verträgen – nicht wieder im alten Glanz.
Das hat Gründe: 1994 bekamen Versicherte noch vier Prozent auf ihre Beiträge, nach Abzug von Kosten, garantiert. Jetzt ist es nur ein Prozent pro Jahr. Werden auch die Kosten berücksichtigt, sichert die jetzige Garantie bei einem musterhaften Vertragsverlauf laut Ratingagentur Assekurata eine Rendite auf die Beiträge von rund 0,4 Prozent pro Jahr. Inklusive der nicht garantierten Überschüsse kommen aus heutiger Sicht im Schnitt 2,3 Prozent zusammen – was ungefähr der aktuellen Inflationsrate entspricht.
Das ist nicht besonders verlockend. Die Kapitallebensversicherung sei „intransparent, hat eine schlechte Rendite und ist in der Ansparphase unflexibel“, warnt der Bund der Versicherten, eine Verbraucherschutzorganisation. Auch die Finanz- und Versicherungsaufsicht BaFin prüft zunehmend kritisch, ob die Verträge den Kunden angemessen nutzen, also nach Kosten wenigstens die Inflation ausgleichen. Dabei stört sie sich hauptsächlich daran, dass schon nach etwa 20 Jahren rund die Hälfte aller Versicherten ihren Vertrag vorzeitig beendet hat. Oft ist solch ein Ausstieg dann mit Verlusten verbunden.
Treffsichere Prognose
Wenigstens die Lage der Versicherer, beispielsweise mit Blick auf die Zinsentwicklung, sei derzeit „insgesamt robust – und in vielen Fällen sogar gut“, sagt Julia Wiens, Leiterin der Versicherungsaufsicht bei der BaFin. Allerdings schränkt sie ein, dass das nur eine Momentaufnahme sei. „Die Volatilität an den Kapitalmärkten kann jederzeit wieder steigen.“
Käme es etwa angesichts der Schuldenprobleme und einer Regierungskrise in Frankreich zu einer neuen Euro-Krise, würde das die Versicherer treffen. Sie haben aus klassischen Verträgen in Summe über eine Billion Euro angelegt, zu gut 77 Prozent zu festen Zinsen. Müssen Anleiheschuldner wegen größerer Risiken an den Kapitalmärkten mehr Zins zahlen, verlieren die früher gekauften, schlechter verzinsten Anleihen an Wert.
Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen seit dem zweiten Halbjahr 2024 sechs Mal gesenkt. Doch die Rendite von Anleihen beeinflusst sie nicht direkt. So ist beispielsweise die Rendite einer 30-jährigen französischen Staatsanleihe seit dem Jahreswechsel um mehr als einen halben Prozentpunkt gestiegen, auf etwa 4,4 Prozent. Ähnlich ist es bei Bundesanleihen, wenn auch auf deutlich niedrigerem Zinsniveau. Kapitalanlagen ohne fixe Verzinsung spielen in der Lebensversicherung eine untergeordnete Rolle: Anlagemanager haben zum Beispiel Aktien und Immobilien nur mit jeweils gut vier Prozent beigemischt.
Die Experten von Assekurata raten Interessenten: Wer sich heute noch für eine Lebensversicherung als Altersvorsorge entscheide, solle über einen langen Zeitraum vorsorgen, den Vertrag bis zum Ende durchhalten „und der Anbieterauswahl einen besonderen Stellenwert beimessen“.
Dabei kann das exklusive Rating der WirtschaftsWoche helfen. Seit 28 Jahren wird dort ermittelt, welche Anbieter die besten Chancen auf Überschüsse oberhalb des Garantieniveaus bieten. Dabei geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft.
Durchgeführt wird das Rating von der Hamburger Ascore Analyse. Gut schneiden Versicherer ab, die viel Spielraum in der Kapitalanlage haben. Je höher das freie Risikokapital – also Geld, das nicht durch Zinsversprechen an die Kunden gebunden ist –, desto eher können sie renditestark investieren. Wenn sie dann noch kostengünstig sind und Kunden an Überschüssen fair beteiligen, steht einer Top-Platzierung nichts im Weg.
Ganz vorn landet dieses Jahr die zur Continentale-Gruppe gehörende Europa Lebensversicherung. Insgesamt 16 Lebensversicherer erreichen die beste Bewertung – mit fünf Sternen. Ihre Leistungsfähigkeit weicht um mehr als ein Drittel von einem Branchenvergleichswert ab. Vier Lebensversicherern ist das in all den Jahren fast durchgehend gelungen: LVM, Europa, Huk-Coburg und Debeka.
Geldanlage im Kollektiv
Erst im Nachhinein steht fest, ob die Lebensversicherer ihr Potenzial wirklich ausgeschöpft haben. Eine Auswertung von Assekurata zeigt für ausgewählte Anbieter, wie viel Beitragsrendite sie Kunden über 30 Jahre gutgeschrieben haben. Europa und Debeka landen unter den Top Drei, mit 0,75 bis 1,0 Prozentpunkten mehr Rendite pro Jahr im Vergleich zum Branchenschnitt – ein gewaltiger Unterschied. Für die von der WirtschaftsWoche ebenfalls immer wieder top platzierten LVM und Huk-Coburg sind keine Daten über 30 Jahre verfügbar.
Allerdings zeigt sich auch hier ein rückläufiger Trend: Erreichten Versicherte nach 30 Jahren Laufzeit Ende 2014 noch 4,5 Prozent Jahresrendite, waren es zuletzt im Schnitt nur 3,0 Prozent. Versicherer, die ihr Neugeschäft eingestellt haben, sind nicht im Rating enthalten. Ihre Werte lassen sich nicht sinnvoll vergleichen.
Außerdem befasst sich das Rating nur mit klassischen Verträgen, also mit Garantiezins. Das dort eingezahlte Geld der Kunden wird gebündelt verwaltet, im sogenannten Deckungsstock. Anders ist es bei den fondsgebundenen Verträgen, die im Neugeschäft heute dominieren. In der Regel werden die Einzahlungen dort für jeden Kunden einzeln verwaltet, Garantien spielen – wenn überhaupt – eine kleinere Rolle. Allerdings können die Grenzen zwischen den fondsgebundenen und den klassischen Versicherungen teils verwischen. Der Vielfalt sind kaum Grenzen gesetzt, was einen Vergleich erschwert.
Nicht der Alters-, sondern der Risikovorsorge dienen Risikolebensversicherungen. Sie sichern Angehörige für den Todesfall des Versicherten ab. Auch in klassischen Lebensversicherungen können zwar Todesfallleistungen vorgesehen sein, meist jedoch in überschaubarer Höhe. In der Regel ist das Motiv beim Abschluss klassischer Verträge ein anderes: Die Versicherten wollen zum Schluss eine verlässliche Auszahlung erhalten, als lebenslange Rente oder Einmalzahlung. Das kann sich auch steuerlich lohnen. Einmalzahlungen aus vor 2005 abgeschlossenen Verträgen sind komplett steuerfrei, bei neueren Verträgen muss normalerweise nur die Hälfte des Gewinns versteuert werden. Fließt die Leistung als Rente, fällt auf einen kleineren Teil davon – den Ertragsanteil – der persönliche Steuersatz an.
Da Lebensversicherer für ihre Kunden stark zinsabhängig anlegen, ist der Renditespielraum in der Kapitalanlage begrenzt. Im Rating liegt der höchste realistische Zins auf Kapitalanlagen bei 2,7 Prozent (Europa, WGV, Direkte Leben), während der Anbieter mit der niedrigsten Prognose mit 1,5 Prozent eingestuft wird (Zurich Deutscher Herold).
Die Kostenunterschiede sind deutlich größer. So berechnen die günstigsten Versicherer im Rating fast 50 Prozent weniger Abschlusskosten (Inter) und 70 Prozent weniger Verwaltungskosten (Europa) als der Durchschnitt. Vor allem die oft hohen Abschlusskosten haben starken Einfluss darauf, wie leistungsfähig Versicherer für die Kunden sind. Hier werden mehrjährige Mittelwerte der Kostenquoten herangezogen.
Die Platzierung im Rating kann Kundinnen und Kunden wertvolle Orientierung geben. Allerdings ist für sie immer ihr individueller Vertrag wichtig: Vor allem die zwischen Mitte 1994 und Mitte 2000 abgeschlossenen Altverträge sind aus heutiger Sicht oft lohnend, weil damals noch vier Prozent Zins auf den Sparanteil garantiert wurden. Dieser Garantiezins gilt dann dauerhaft.
Auch der Steuervorteil bei den vor 2005 abgeschlossenen Verträgen ist selbst bei schlechter platzierten Versicherern ein möglicher Grund, sie fortzuführen. Entscheidend kann zudem sein, ob der Vertrag nicht nur der Altersvorsorge, sondern auch der Risikovorsorge dient, etwa weil er eine Todesfallzahlung oder auch eine Berufsunfähigkeitsrente vorsieht. In manchen Verträgen werden mehrere solche Bausteine kombiniert. Brauchen Versicherte diesen Schutz und können ihn heute, zum Beispiel wegen Vorerkrankungen, nicht mehr oder nicht mehr zu bezahlbaren Konditionen abschließen, sollten sie den alten Vertrag fortführen.
Erscheint der Vertrag aber weder aussichtsreich noch wichtig für die Risikovorsorge, dann können Versicherte frei entscheiden – mit verschiedenen Eskalationsstufen. Vielfach steigen die Beiträge jährlich automatisch: Das wird auch Dynamik genannt und soll die Inflation ausgleichen. Bei jeder Erhöhung müssen Versicherte aber neue Abschlusskosten zahlen. Sie können die Dynamik stoppen.
Wie lange ist ewig?
Ebenfalls möglich wäre es, nicht weiter einzuzahlen. Der Vertrag wird dann beitragsfrei gestellt. Das bisher eingezahlte Geld bleibt im Topf des Versicherers und vermehrt sich dort, es kommen aber keine weiteren Einzahlungen mehr hinzu. Am weitreichendsten wäre eine Kündigung. Dann zahlt der Versicherer auch das vorhandene Guthaben aus, das unter Umständen wegen der Kosten aber deutlich unter der Einzahlungssumme liegt.
Manchmal gibt es Alternativen zur Kündigung: Jahrelang boten professionelle Investoren auf dem sogenannten Zweitmarkt den Aufkauf von Lebensversicherungen an. Anbieter wie Policen Direkt, Cash Life oder Winninger zahlten Versicherten dabei oft deutlich mehr, als die Versicherer anboten. Doch dieser Markt ist weitgehend zum Erliegen gekommen.
Manche Verträge können widerrufen werden. Der Unterschied zur Kündigung: Der Vertrag wird dabei rückabgewickelt, der Versicherte so gestellt, als ob es nicht zum Vertragsschluss gekommen wäre. Meist ist dies viel attraktiver als eine Kündigung, da die Einzahlungen sogar verzinst erstattet werden. Zugleich darf der Versicherer für den temporär bestehenden Versicherungsschutz aber Kosten berechnen. Normalerweise ist der Widerruf je nach Abschlussjahr nur 14 oder 30 Tage lang möglich. Weil vor allem zwischen 1994 und 2007 abgeschlossene Verträge aber oft fehlerhafte oder unklare Widerrufsbelehrungen enthielten, können diese teils noch viele Jahre später widerrufen werden.
Mit einer Gesetzesänderung soll dieses „ewige Widerrufsrecht“ nun eingeschränkt werden. Nach 24 Monaten und 30 Tagen würde das Widerrufsrecht dann enden, sofern die Belehrung im Vertrag nicht grob fehlerhaft war. Die Rednex-CD von 1994 kann man heute schließlich auch nicht mehr zurückgeben.
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