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Porträt Im Haus von Marc Faber: Zwischen Mao und John Stuart Mill

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Marc Faber in seinem Büro

Fabers Frau hat sich daran gewöhnt, dass ihr Mann ständig auf Reisen ist und an den wenigen Tagen, die er zu Hause in Chiang Mai verbringt, bis tief in die Nacht arbeitet. Sein Tagesrhythmus ist auf die New Yorker Uhrzeit eingestellt, er lebt mit ständigem Jetlag, selten geht er vor fünf Uhr morgens ins Bett. 

„Wenn Leute für einen Bericht wie den meinen gutes Geld zahlen, dann muss er exzellent sein, sonst kaufen sie ihn nicht. Einst habe ich meinen ‚Gloom Boom & Doom Report’ am Wochenende geschrieben, jetzt brauche ich fast eine Woche dafür.“ Den amerikanischen Börsenschluss erlebt er meist am Computer, morgens um vier, Chiang-Mai-Zeit. Früher war dies der Startschuss für ausgiebige Streifzüge durch das Nachtleben. Jetzt bleibt er zu Hause. „Ich habe ein Abkommen mit meiner Frau“, erzählt er munter, „in Chiang Mai gehe ich nicht ohne sie aus, und wenn ich unterwegs bin, mache ich, was ich will.“ 

Fabers Arbeitstisch ist eine Eigenkreation aus einer massiven Holzplatte und zwei chinarot lackierten Schubladengestellen. Die Bücherwände ringsum sind fünf Meter hoch und voller wertvoller Erstausgaben, unter anderen von Ökonomen wie Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill und dem Enzyklopädisten Denis Diderot. Dazwischen auch Edward Gibbons mehrbändiger historischer Klassiker „Decline and Fall of the Roman Empire“, eine 1786 gedruckte Ausgabe von Johann Caspar Lavater über die Physiognomik oder ein antikes Traktat über die Geschichte der Prostitution. 

"Ein Haus das zu Mao und mir passt"

Im hinteren Teil des Hauses schwebt die Decke in luftigen 25 Meter Höhe. Steile Stiegen führen auf Halbetagen, und der Besucher ist dem Architekten dankbar, dass er auf Geländern bestanden hat. Der Hausherr wollte sie nicht. Schwindelgefühle sind ihm offenbar fremd. Er steht auf der Treppe vor einer dreieinhalb Meter hohen steinernen Buddha-Statue aus einem Tempel in Burma und beobachtet die warme Luft, die, angereichert vom Qualm unzähliger Marlboros, aus den Tiefen des Arbeitsbereichs empor steigt und durch eigens unter dem Dach angebrachte Schächte entschwindet. „Ein geniales Lüftungssystem“, freut sich der Hausherr. Die vorhandene Klimaanlage wird kaum benutzt. „Sie schadet den alten Büchern“, sagt Faber. 

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    Das Haus, dass er selbst entwarf und mit Unterstützung eines Architekten bauen ließ, ist in vieler Hinsicht unkonventionell. Faber wollte kein typisches Thai-Haus, sondern „eines, das sowohl zu Mao als auch zu mir passt“ – daher die Dominanz der Farbe Rot, die chinesischen Stilelemente, die vielen Buddhastatuen und die Antiquitäten. „Ich neige zur historischen Schule“, lautet die Erklärung. Auch seine kuriose Affinität zum Kommunismus – „es geht ja hier nicht nur um Mao, sondern um alle Idealisten, die die Welt verbessern wollten“ – hat geschichtliche Gründe: „Immerhin waren Lenin, Engels, Ho Chi Minh, Trotzki und Mao historisch wichtige Persönlichkeiten. Mao Tse-tung hat sein Land geeinigt. Er war zwar ein Schlächter wie Stalin, aber in der chinesischen Geschichte wird er einen wichtigen Platz einnehmen. „Man muss solche Figuren stets im historischen Kontext sehen. Im Hause Faber hängen sie jedenfalls Seite an Seite, auch Fidel Castro, Che Guevara und Karl Marx sind mit von der Partie. 

    Noch unkonventioneller als die merkwürdige „Ahnengalerie“ der Weltverbesserer ist die Architektur selbst. Ein abendländischer Architekt hätte sich bei dem Auftrag, ein Haus um bereits vorhandene, überdimensionale Türen und Fenster, noch dazu nach den Entwürfen eines Doktors der Ökonomie, bauen zu müssen, wahrscheinlich die Haare gerauft. Nicht so die Thailänder. „Sie kamen mit zwei koffergroßen Werkzeugkasten und machten sich ohne viel Aufwand an die Arbeit“, erinnert sich der Bauherr. Ein Kran wurde bei dem Vorhaben nur ein einziges Mal gebraucht, um die massigen, 20 Meter hohen Teakbaumstämme, die dem Holzgebälk als Stütze dienen, über die Außenwände ins Haus zu hieven. 

    Das ist es, was der glückliche Hausherr an Asien am meisten schätzt: Die Freiheit, tun und lassen zu können, was er möchte, wie er möchte, wann er möchte – ohne dass gleich jemand auf der Bildfläche erscheint, um auf bestimmte Regelwerke hinzuweisen. „Ich werde sicher nicht mehr nach Europa zurückziehen“, prophezeit der Wahl-Thailänder, „ich fahre gerne besuchsweise hin, aber ich möchte nicht in einem Schweizer Altersheim sterben – dann doch lieber in einem thailändischen Massagesalon.“ 

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