1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Vorsorge
  4. Lebensversicherungen im Vergleich: Hier bleibt genug für später

VorsorgeLebensversicherungen im Vergleich: Hier bleibt genug für später

Lebensversicherer stehen dank des höheren Zinsniveaus wieder besser da. Ein exklusives Rating zeigt, wo für Kunden auch nach Kosten noch etwas herausspringt.Niklas Hoyer 27.09.2024 - 13:03 Uhr

Vorräte aufbauen, dann davon zehren – das Prinzip Eichhörnchen steckt auch hinter Kapital-Lebensversicherungen.

Foto: Mauritius Images, Adobe Firefly

Normalerweise fahren Manager zu Branchenkonferenzen, um sich auszutauschen und interessante Anstöße zu bekommen. Manchmal holen sie sich stattdessen eine Standpauke ab. So watschte die oberste Versicherungsaufseherin Julia Wiens zuletzt beim Strategiemeeting Lebensversicherung des „Handelsblatts“ die Branchenvertreterinnen und -vertreter auf offener Bühne ab: Es klinge selbstverständlich, dass Lebensversicherungen Kunden nutzen müssten: „Ist es aber leider nicht.“

Einige Verträge seien viel zu teuer. Teils würden fragwürdige Rückvergütungen an Vermittler fließen. „Solche Praktiken, die einseitig zulasten der Kundinnen und Kunden gehen, sind nicht akzeptabel.“ Die Leiterin der Versicherungsaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) fragte rhetorisch: „Würden Sie solche Produkte guten Freunden empfehlen?“

Constantin Papaspyratos, Chefökonom der Verbraucherorganisation Bund der Versicherten, hält die Kritik nicht nur für gerechtfertigt, sondern: „überfällig“. Die vielen Kundinnen und Kunden dürften da aufhorchen. Die Deutschen haben knapp 70 Millionen Lebens- und Rentenversicherungen. Reine Zusatz- und Risikoversicherungen hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) dabei nicht mal mitgezählt.

Foto: WirtschaftsWoche

Eigentlich hat der Zinsanstieg der vergangenen Jahre die Lage etwas verbessert. So gewähren die Lebensversicherer in Verträgen mit Garantiezins in diesem Jahr im Schnitt 2,5 Prozent laufende Verzinsung, wie Zahlen der Ratingagentur Assekurata zeigen. Im Vorjahr waren es nur knapp 2,3 Prozent. Im kommenden Jahr soll auch das Zinsversprechen an Neukunden steigen, erstmals seit 30 Jahren. Künftig bekommen sie beim Vertragsschluss wenigstens ein Prozent Zins pro Jahr garantiert statt nur 0,25 Prozent.

Hohe Abschreibungen

Um derzeit gut zwei Prozent Inflation auszugleichen, würde aber auch die höhere Garantie nicht reichen. Zudem schreiben Versicherer den Zins nur auf den Sparanteil gut, also nach Abzug der Kosten. Und die laufende Verzinsung bildet keine außerordentlichen Effekte ab, etwa aus dem Verkauf von Kapitalanlagen oder durch außerplanmäßige Abschreibungen.

Solche Effekte gab es zuletzt häufiger. In den Niedrigzinsjahren stießen Lebensversicherer öfter ältere, höher verzinste Anleihen ab, um Kursgewinne zu realisieren. Zuletzt mussten sie vor allem bei Gewerbeimmobilien außerordentliche Abschreibungen vornehmen. Die Nettoverzinsung der LVM fiel 2023 von 2,2 auf 0,4 Prozent, wegen „deutlichen außerordentlichen Abschreibungen auf Immobilienanlagen“, heißt es im Geschäftsbericht.

Wie steht es also um den Altersvorsorgeklassiker Lebensversicherung? In einem exklusiven Rating ermittelt die WirtschaftsWoche seit 27 Jahren, welche Anbieter Versicherten Chancen auf Überschüsse oberhalb des Garantieniveaus bieten. Die Auswertung basiert auf einer eigens entwickelten Methodik und soll die künftige Leistungsfähigkeit für Kunden abbilden. Durchgeführt wird das Rating von der Hamburger Ascore Analyse:

Methodik
Seit 27 Jahren bewertet die WirtschaftsWoche die Renditechancen der Kunden von Lebensversicherern. Im Rating geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Die „Leistungsfähigkeit für den Kunden“ ist hoch, wenn Versicherer Kapital rentabel anlegen können, niedrige Kosten berechnen und Versicherte fair an Überschüssen beteiligen. Die Hamburger Ascore Analyse wertet dafür die Geschäftsberichte aus und prognostiziert die Überschüsse, die Versicherte in klassischen Verträgen mit Garantiezins erwarten können.
Zum Einsatz kommt ein ursprünglich vom Finanzwissenschaftler Jörg Finsinger entwickeltes Modell. In diesem Modell wird berechnet, welche Verzinsung der Kapitalanlagen der Versicherer künftig erzielen kann. Wie viel es in der Vergangenheit tatsächlich war, hat keinen Einfluss. Der „historische Zins auf Kapitalanlagen“ dient nur zum Vergleich. Die künftige Verzinsung („realistischer Zins auf Kapitalanlagen“) steigt mit dem freien Kapital eines Versicherers. Dieser Anteil ist nicht durch feste Kundenansprüche gebunden. Er kann damit riskanter und renditestärker angelegt werden. Im Modell werfen sichere Anlagen langfristig 1,9 Prozent im Jahr ab, riskantere 5,4 Prozent. Beide Werte sind zum Vorjahr um 0,05 Prozentpunkte gestiegen.So kommt die im Rating bestplatzierte Europa Lebensversicherung auf 9,5 Prozent freies Risikokapital an den Kapitalanlagen. Basierend auf statistischen Verlustrisiken, kann der Versicherer das 1,91-Fache dieses Anteils riskant anlegen, ohne damit mehr als sein freies Risikokapital zu gefährden. Damit könnte die Europa rund 18,1 Prozent des Kapitals mit höherem Risiko anlegen (1,91 mal 9,5 Prozent).Dieser Teil des Kapitals bringt annahmegemäß 5,4 Prozent Rendite, die übrigen 81,9 Prozent bringen 1,9 Prozent. Das ergibt insgesamt 2,5 Prozent realistischen Zins. In der Realität können Versicherer mehr oder auch weniger Ertrag erzielen als angenommen: Ein besonders fähiger Anlagemanager übertrifft die statistisch zu erwartende Rendite vielleicht. Ein anderer nutzt den Anlagespielraum nicht aus und bleibt unter den Möglichkeiten. Das steht erst im Nachhinein fest.Zudem entspricht die Rendite der Kunden nicht der vom Versicherer erzielten Verzinsung der Kapitalanlagen. Denn Kunden zahlen auch für Beratung („Abschlusskostenquote“) und Verwaltung („Verwaltungskostenquote“) und profitieren je nach Beteiligungshöhe nur anteilig von Überschüssen („Ausschüttungsquote“). All diese Werte – realistischer Zins auf Kapitalanlagen, Kostenquoten und Ausschüttungsquote – werden mit einem Branchenschnitt verglichen. Schneidet der Versicherer besser als dieser Schnitt ab, sollte er höhere Überschüsse erzielen. Bei über 100 Prozent negativer Abweichung sind Überschüsse laut theoretischem Modell unwahrscheinlich. In der Realität kann es sie aber natürlich trotzdem geben.

Pluspunkte sammeln Versicherer mit viel freiem Risikokapital – also Geld, das nicht bereits durch Zinsversprechen an die Kunden gebunden ist. Dieses Geld können sie riskanter und damit renditestärker anlegen. Eine weitere große Rolle in der Bewertung spielen die Kosten. Ein paar Anbieter sind seit Erstauflage des Ratings fast immer vorne gelandet. Neben der diesjährigen Erstplatzierten Europa schafften das die Versicherer LVM, Huk-Coburg und Debeka.

Erst rückblickend zeigt sich, ob sie die attestierte Leistungsfähigkeit auch für höhere Auszahlungen an die Kunden nutzen konnten. Die Bilanz ist gut: Bei den Verträgen, die 2023 nach zwölf Jahren Laufzeit endeten, stand die Europa ganz vorne, zeigt eine Assekurata-Auswertung. Nach 30 Jahren Laufzeit war die Debeka minimal besser, mit gut vier Prozent Rendite pro Jahr auf den eingezahlten Beitrag. Hohe Renditen zum Vertragsende sind selten geworden – vor allem unter Berücksichtigung der Inflation:

Versicherer, die ihr Neugeschäft eingestellt haben, sind nicht im Rating enthalten. Ihre Werte lassen sich nicht sinnvoll vergleichen. Zudem bezieht sich das Rating auf klassische Verträge mit Garantiezins, für die das Kundengeld in einem großen Anlagetopf (Deckungsstock) verwaltet wird.

Für Altkunden haben diese Verträge große Bedeutung. Im Neugeschäft bieten Versicherer hingegen vor allem fondsgebundene Varianten an. Dort wird das Geld der Kunden normalerweise einzeln verwaltet, Garantien gibt es kaum. Mischformen, bei denen Geld zum Teil kollektiv verwaltet wird, aber Garantien ebenfalls eingeschränkt gelten, kommen hinzu (Neue Klassik und Indexpolicen). Wieder anders aufgebaut sind Risikolebensversicherungen, aus denen im Todesfall Geld an Hinterbliebene fließt.

Lesen Sie auch: So sichern Sie Ihre Familie finanziell ab

Eine Zahlung an Hinterbliebene kann es auch bei den klassischen Verträgen geben, aber im kleineren Stil. Für Versicherte steht dort normalerweise die reguläre Auszahlung – als Einmalsumme oder lebenslange Rente – im Fokus. Sie zahlen im Erwerbsleben meist über viele Jahrzehnte ein, damit sie später genug haben. Angesichts der demografischen Herausforderungen in der gesetzlichen Rente ist eine solche private Altersvorsorge wichtig.

Der Einfluss der Zinsen

Bei Anbietern, die im Rating schlechter bewertet sind, könnte die spätere Auszahlung niedriger ausfallen. Dann lohnt sich eine genauere Prüfung: Wie hoch ist der vom Abschlussjahr abhängige Garantiezins? Je höher, desto besser. Lag der Abschluss vor 2005? Dann bliebe der Gewinn bei Einmalauszahlung meist steuerfrei. Das könnte für eine Fortführung sprechen.

Bei enttäuschenden Verträgen kann es sich sonst anbieten, diese beitragsfrei zu stellen – also nicht mehr einzuzahlen – oder zu kündigen. Beides kommt allerdings meist nur infrage, wenn keine wichtige Risikokomponente enthalten ist (wie Leistungen bei Berufsunfähigkeit). Eine Prüfung durch einen Honorar-Finanzberater kann hier helfen.

Eine genaue Prognose für die spätere Auszahlung kann das Rating nicht liefern. Deren Höhe hängt stark von der weiteren Zinsentwicklung ab. Nach Assekurata-Daten haben Lebensversicherer knapp 70 Prozent des Geldes aus klassischen Verträgen zu festen Zinsen investiert, vor allem in Anleihen. Mit rund zwölf Prozent Anteil folgen Immobilien. Beide Anlageklassen entwickeln sich spiegelbildlich zu den Zinsen: Steigen die Zinsen, sinken die Werte von Anleihen und Immobilien. Denn ältere, schlechter verzinste Anleihen sind dann weniger attraktiv. Steigen die Zinsen, lässt die Nachfrage nach Immobilien nach, weil sich Kredite verteuern – auch das drückt deren Preis.

Auf den ersten Blick war der jahrelange Zinsrückgang bis Ende 2021 für Versicherer daher gut. Ihre Anleihen wurden wertvoller, Immobilien stiegen im Preis. Zugleich konnten sie aber mit neu angelegtem Geld immer weniger Zins erwirtschaften. Im Schnitt müssen Lebensversicherer jedes Jahr etwa zehn Prozent ihrer Festzinsinvestments neu anlegen. Weil sie Altkunden teils bis zu vier Prozent Mindestzins garantiert hatten, wurde das zum Problem. Noch jetzt liegt der durchschnittliche Garantiezins im Bestand bei gut 2,3 Prozent. Mit einer milliardenschweren Zinszusatzreserve – einem Puffer für eine anhaltende Niedrigzinsphase – wurde dafür vorgesorgt.

Die 2022 gestartete Zinswende veränderte die Lage abrupt. Neue Investments werfen jetzt wieder mehr Zins ab. Dafür ist der Wert der früher gekauften Anleihen gesunken. Ende 2023 saßen Lebensversicherer auf rund 75 Milliarden Euro an stillen Lasten, was sieben Prozent des Buchwertes der Kapitalanlagen entspricht. Solange sie die Anleihen langfristig halten, müssen sie darauf nichts abschreiben. Sie können den Buchverlust aussitzen, nehmen damit allerdings hin, dass der erwirtschaftete Zins unter Marktniveau liegt.

Jüngst sind die Zinsen wieder etwas gefallen, nachdem sowohl die Europäische Zentralbank als auch die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen gesenkt haben. Das stabilisiert die Lage. Allerdings könnte es noch dauern, bis sich das auch auf Immobilieninvestments auswirkt. In einer Assekurata-Umfrage im Frühjahr rechneten rund 70 Prozent der Anlagemanager mit sinkenden oder stark sinkenden Preisen bei Einzelhandels- und Büroimmobilien. BaFin-Chefaufseherin Wiens sprach von einem „besonderen Augenmerk“ auf Anlagen in Gewerbeimmobilien.

Besonders gut stehen die Chancen für Kundinnen und Kunden, wenn ihr Anbieter nicht nur rentabel anlegen kann, sondern zugleich relativ geringe Kosten berechnet. Die Unterschiede im Rating sind hier größer als bei der Kapitalanlage: So liegt die Spanne beim realistischen Zins auf Kapitalanlagen zwischen 1,6 und 2,6 Prozent. Bei den Kosten stellt der günstigste Anbieter Inter im mehrjährigen Schnitt nur 2,7 Prozent Abschlusskosten in Rechnung, während es beim teuersten Anbieter 7,4 Prozent sind. Was die Verwaltungskosten betrifft, liegt die Europa mit 0,8 Prozent der Beiträge vorn; der teuerste Anbieter nimmt 5,5 Prozent.

Auch die BaFin hat die Kosten im Blick, vor allem bei Fondspolicen. Weil die Versicherer zu Beginn Abschlusskosten auf die Beiträge über die gesamte Vertragslaufzeit berechnen, aber viele Kunden nicht so lange durchhalten, ergeben sich hohe Belastungen. In einigen Fällen müsse wegen der Kosten die Mehrheit der Kundinnen und Kunden auf vier Prozentpunkte und mehr an Rendite pro Jahr verzichten, rechnete Wiens vor: „Was wir da bislang herausgefunden haben, gefällt uns überhaupt nicht.“

Produkte seien vom Markt genommen worden, es habe Kostensenkungen im Bestand gegeben und rückwirkende Kompensationen. Wer direkt einen rentablen Vertrag wählt, der muss nicht auf solche Unterstützung von außen hoffen.

Lesen Sie auch: Wie komme ich aus der überteuerten Lebensversicherung raus?

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick