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Finanzdistrikt von Shanghai: Seit der Pandemie zeigt die Metropole Krisensymptome.

Foto: Bloomberg

ChinaIm Abwärtssog – wie Shanghai seine alte Kraft wiederfinden will

China hat schwierige Jahre hinter sich – in Shanghai ist das besonders zu sehen. Die Metropole will an altem Glanz anknüpfen und damit auch das ganze Land mitziehen. Ein Artikel aus dem Handelsblatt.Martin Benninghoff 05.03.2025 - 15:43 Uhr Quelle: Handelsblatt

Kris Wang öffnet die Tür im dunklen Flur, der Kontrast könnte kaum größer sein: Der Blick fällt in eine helle Designerwohnung mit weißem Sofa und orangefarbenem Designersessel. Der Franzose, der sie gemietet hat, wird in ein paar Tagen einziehen. Wang ist froh, einen solventen Mieter gefunden zu haben.

Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr in Shanghai, der großen Wirtschaftsmetropole Chinas, die Jahre der Krise hinter sich hat und nun versucht, an alte Glanztage anzuknüpfen.

Davon soll das ganze Land profitieren, das auf Shanghais Erfolge und Misserfolge blickt. Nicht zuletzt in dieser Woche, in der die wichtigste politische Sitzung des Jahres in China stattfindet: der Volkskongress in Peking.

Chinesischer Volkskongress

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von Sebastian Schug

„Das Geschäft hat sich verschlechtert“, sagt Wang. Beim Wohnungspreis musste der 36-jährige Designer Abstriche machen. Vor sieben Jahren habe das schicke Apartment im wohlhabenden Stadtbezirk Huangpu noch 24.500 Yuan im Monat eingebracht, rund 3240 Euro. Aber dann hatte die Coronapandemie das öffentliche Leben in Shanghai zeitweise lahmgelegt. Und der Schock wirkte nach.

Huangpu erinnert an den prosperierenden Kiez Prenzlauer Berg in Berlin. Lässige Cafés, Dessert- und Klamottenläden, eine Barmeile ist nicht weit, dazu viel Historie. Viel Flair kostet viel – oder hat viel gekostet. Heute muss der Franzose für Wangs Wohnung nur noch 18.000 Yuan bezahlen, gut 2300 Euro. 1000 Euro im Monat weniger aufs Konto, das schmerzt Wang.

Luxusgeschäfte schließen

Wie Wang, der in Shanghai ein Dutzend Wohnungen vermietet, geht es vielen Vermietern. Die Immobilienpreise fallen, wenn auch langsamer. Geschäfte schließen, vor allem im Luxussegment. Kürzlich machten mehrere Gucci-Filialen dicht, weil die Menschen ihr Geld zusammenhalten und weniger Ausländer in der Stadt sind.

Vor allem der Konsum ist ein Problem: Der Einzelhandelsumsatz lag 2024 sogar unter dem des ewigen Konkurrenten Peking, was an sich schon eine schlechte Nachricht für die stolzen Shanghaier ist. Auch Wang denkt über ein anderes Geschäft nach.

Shanghai, die internationalste Stadt Chinas, mit dem Finanzzentrum in Pudong, dem Pearl Tower und dem historischen Zentrum auf der anderen Seite des Huangpu-Flusses, kriselt noch immer nach dem strikten Lockdown 2022, der Millionen Menschen wochenlang in ihren Häusern gefangen hielt.

„Shanghai zählt wahrscheinlich zu den Städten, die am stärksten von Covid betroffen sind, und ich glaube, dass das auch psychologische Auswirkungen auf die Menschen dort hat“, sagt Carlo Gioja, Head of Asia Business Development bei Plenisfer Investments, das Generali Investments gehört. Gioja hat 20 Jahre in China gelebt und weiß, wie sehr sich die Stadt in diesem Zeitraum gewandelt hat.

Ausgerechnet das wirtschaftsstarke Shanghai hat es hart getroffen, sagen viele in China. Politik und Wirtschaft versuchen, die alte Dynamik wieder anzuschieben. Dabei hilft der regionale Wettbewerb, der oft gnadenlose Konkurrenzkampf zwischen den Metropolregionen und Provinzen Chinas. Er war in den vergangenen Jahrzehnten stets ein Wachstumsmotor für den Aufstieg Chinas.

Peking ist die politische Herzkammer und auch wirtschaftlich stark, hat viele Talente im Technologiesektor zu bieten. Doch das Umland gilt als weniger entwickelt, ganz im Gegensatz zum Jangtse-Delta mit Shanghai im Zentrum: Rund 240 Millionen Menschen leben hier, auch in Städten wie Hangzhou wird Zukunft gemacht: Das KI-Start-up Deepseek, das die Welt kürzlich mit seinem Chatbot überraschte und der Tech-Riese Alibaba haben dort ihre Zentralen.

240 Millionen Menschen leben in der Jangtse-Region rund um Shanghai. Zwei Drittel der deutschen Unternehmen sitzen in der Region, zahlen Steuern und pflegen ihre Kontakte zu den Funktionären der Kommunistischen Partei vor Ort, die am liebsten nur positive Nachrichten nach Peking schicken würden. Die staatlich gelenkten Medien sind angewiesen, Optimismus zu verbreiten und Probleme schönzufärben. Damit der Konsum wiederauflebt.

Der ökonomische Wettbewerb wird auch in dieser Woche wieder zu spüren sein, wenn die politischen Delegierten aus allen Provinzen und selbst verwalteten Metropolen in die Hauptstadt Peking reisen, zum Volkskongress, Chinas Scheinparlament, das als Legislative rituell die bereits getroffenen Entscheidungen der obersten Führung öffentlichkeitswirksam abnickt. Kein politisches Treffen ist wichtiger.

Shopping-Mall in Shanghai: erhebliche Kaufkraftverluste.

Foto: Bloomberg

Die Stimmung wird durchwachsen sein: Vor allem einige ländliche Provinzen nehmen weniger Geld ein – und müssen doch performen. Experten rechnen für ganz China mit einem Wachstumsziel um fünf Prozent. Zugleich wird ein höheres Haushaltsdefizit erwartet, weil Billionen Yuan in ein System gepumpt werden müssen, das mit Deflation und einer ungelösten Immobilienkrise zu kämpfen hat.

Die Zeiten sind auch international schwierig: Chinas Exportmodell ist unter Druck geraten, erst recht seit US-Präsident Donald Trump im Amt ist und mit Zöllen gegen den Rivalen in Asien vorgeht. Shanghais riesiger Hafen ist das Tor zur Welt, doch die Wachstumsraten der Im- und Exporte lagen zuletzt unter dem Landesdurchschnitt und dem der umliegenden Provinzen. Steigende Frachtpreise und die Krise im Roten Meer belasten den Warenverkehr zusätzlich.

Wenig Impulse beim Volkskongress erwartet

Experten erwarten vom Volkskongress darüber hinaus kaum Impulse. Jacob Gunter, leitender Analyst des China-Thinktanks Merics, sagte bei einem Briefing am Donnerstag: „Da Xi weiterhin verkündet, dass die Nation einen langen Kampf mit den USA und ihren Verbündeten aushalten muss, ist die Wahrscheinlichkeit größerer Sozial- und Wirtschaftsreformen gering.“ Auch der Shanghaier Wirtschaftsprofessor Zhu Tian gibt im Gespräch mit dem Handelsblatt an, „keine großen Überraschungen“ zu erwarten.

Chinas Machthaber erhoffen sich einen Schub für ihre Schlüsselindustrien in der Elektromobilität, der Künstlichen Intelligenz und der Robotik. Tatsächlich wird das KI-Modell Deepseek derzeit mit hohem Tempo in E-Autos, Smartphones und in die öffentliche Verwaltung integriert – internationale Großbanken wie Morgan Stanley sehen in Deepseek einen neuen Wachstumstreiber für China.

Das Geschäft ist schwierig. Aber ich hoffe, dass es wieder aufwärtsgeht.
Zheng Zhicheng, Restaurantmanager in Shanghai

Aber weder der Konsum noch der Dienstleistungssektor profitieren davon schnell und direkt, wie man in Shanghai sehen kann. Mehr als 80 Restaurants haben dort 2024 geschlossen, Shanghais Einkaufszentren kämpfen laut der chinesischen „Securities Times“ mit steigendem Leerstand, im zweiten Quartal 2024 lag die Quote bei 11,7 Prozent.

Der Niedergang dauert schon Jahre: In Gubei hängen noch die Schilder der französischen Edel-Supermarktkette Carrefour, die seit Jahren vom Markt verschwunden ist. Verantwortlich dafür sind auch die sich verändernden Businessmodelle, die Chinas Einzelhandel brutal auf die Probe stellen. Immer mehr Chinesen bestellen online, der Preiskampf im E-Commerce wird immer härter geführt.

Die Haushalte konzentrieren sich darauf, ihre Ausgaben zu reduzieren und zu sparen, die Sparquote stieg 2024 landesweit auf 55 Prozent, ein Plus von 11,2 Prozentpunkten gegenüber 2023 und laut dem chinesischen Wirtschaftsmagazin „Caixin“ der höchste Stand seit 1952.

Vor allem die Abwanderung vieler ausländischer Arbeitskräfte schwächt Shanghais Dienstleistungssektor. Laut der Beratungsfirma Direct HR lebten 2015 knapp 180.000 Ausländer in Shanghai, nach Corona sind es nur noch rund 84.000. Ein Aderlass. Immerhin: Seit Anfang 2024 kehren etliche zurück, wie in der Stadt zu sehen ist.

Das Geschäft ist schwierig. Aber ich hoffe, dass es wieder aufwärtsgeht.

Zheng Zhicheng: Restaurantmanager in Shanghai

Es sind trotzdem harte Zeiten für Geschäftsmodelle, die auf Expats gesetzt haben, erzählt auch Zheng Zhicheng, der Manager des Shanghaier Restaurants H2. Die Preise seien stabil, sagt der Chinese, der seit mehr als einem Jahrzehnt einen kleinen Laden mit Pasta und Pizza im noblen Französischen Viertel managt. „Das Geschäft ist schwierig. Aber ich hoffe, dass es wieder aufwärtsgeht“, sagt er.

Autor Martin Benninghoff mit dem Shanghaier Restaurantbesitzer Zheng Zhicheng: „Das Geschäft ist schwierig.“

Foto: Martin Benninghoff

Nicht weit von hier, sagt er, habe vor drei Jahren ein Supermarkt geschlossen, dessen Kunden zu 70 Prozent Ausländer waren. Ein anderer Laden, der früher bei Expats beliebt war, habe sein Sortiment teilweise auf die chinesische Kundschaft umgestellt. Aber auch die habe weniger Geld in der Tasche, erzählt der Restaurantmanager.

Ein paar Schritte weiter herrscht dichtes Gedränge. In der „Community Elderly kitchen“ gibt es ein Tellergericht für zehn bis 20 Yuan, umgerechnet rund ein bis drei Euro. In dem kommunal finanzierten Lokal ist jeder Platz besetzt. „Vorrang für Senioren“ steht auf der Speisekarte an der Tür, aber die Billigrestaurants sind auch bei Jüngeren beliebt, mit zunehmender Tendenz.

Der Einkommensdruck alarmiert Politik und Wirtschaft: So will der Branchenprimus unter den Lieferdiensten, Meituan, seiner Armada von prekär beschäftigten Fahrern künftig Sozialleistungen zahlen, um deren Situation zu verbessern.

Die Politik reagiert mit Unterstützungspaketen

Niemand weiß, wie zufrieden oder unzufrieden die Chinesen wirklich sind. Eine öffentliche Debatte gibt es angesichts der Zensur nicht. Dennoch sieht sich die Politik genötigt, mehr zu tun: Im Februar hat Shanghai ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Stützung der Wirtschaft auf den Weg gebracht: Senkung der Unternehmenskosten, Steuererleichterungen, für den Konsum hat die Stadt eine Abwrackprämie für Elektroautos aufgelegt, im Immobiliensektor wurden Verkaufshürden abgebaut.

Gutscheine sollen Touristen in die Stadt locken, dazu wirbt Shanghai mit einer Reihe von Superlativen: Auf 53.000 Quadratmetern entsteht eine neue Harry-Potter-Themenwelt, die ab 2027 Touristen anlocken soll. Die Behörden erwägen die Einführung einer Geburtenprämie, damit junge Paare mehr Kinder bekommen. Kindererziehung ist teuer, die Geburtenrate verharrt auf einem historischen Tiefstand.

Shanghai, da sind sich alle einig, bleibt trotzdem ein Symbol für Chinas ökonomische Zukunft, auch wenn andere Städte aufholen. Ein Grund dafür ist die wirtschaftliche Substanz, der Pool an Talenten mit internationaler Erfahrung und Englischkenntnissen. Ein anderer ist, dass es Unternehmen schwerfällt, ihre Expats und auch chinesische Mitarbeiter in andere Städte oder gar die Provinz zu locken, wo das Angebot an Restaurants, Lifestyle, Schulen und Universitäten ungleich geringer ist.

Den Optimismus lasse man sich nicht nehmen, sagt Vermieter Kris Wang zum Abschluss des Gesprächs in der Designerwohnung, „egal, wie die äußeren Umstände sind“. Da ist er wieder, der Unternehmerstolz der Shanghaier. Es ist ein Stolz, den auch Wirtschaftskrisen nicht brechen können.

Lesen Sie auch: China hält trotz US-Zöllen an Wachstumsziel von fünf Prozent fest


Dieser Artikel ist ursprünglich beim Handelsblatt erschienen, das wie die WirtschaftsWoche zur Handelsblatt Media Group gehört.

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