Entwicklungspolitik Hilfe für Afrika – Merkels Herzensprojekt sucht Unterstützer

Der „Marshallplan mit Afrika“ soll konkreter werden. Deutsche Firmen starten etwa Projekte in Ruanda. Und pochen auf mehr politische Hilfe.

Zahlreiche Hochhäuser wachsen hinter der neugebauten Uferpromenade, der Bahia de Luanda in die Höhe. Die deutsche Wirtschaft sieht in Afrika einen Wachstumsmarkt. Quelle: dpa

BerlinMehr Investitionen in Afrika – so lautet das Ziel von Angela Merkel (CDU). Es ist schon lange ein Herzensprojekt der Kanzlerin. So unterzeichneten G7-Staaten in Hamburg feierlich Entwicklungspartnerschaften („Compacts with Africa“), Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) verkündete einen „Marshallplan mit Afrika“, der unter anderem deutschen Firmen verspricht, sie in die neuen Märkte südlich des Mittelmeers zu begleiten.

Merkel betonte auf dem G20-Gipfel im vergangenen Jahr noch einmal die Wichtigkeit eines prosperierenden afrikanischen Kontinents, auch für Europa: „Wenn es in Afrika zu viel Hoffnungslosigkeit gibt, ist es nicht erstaunlich, wenn junge Menschen anderswo ihre Zukunft suchen.“ Große Ankündigungen, denen erst einmal keine Taten folgten. Bis heute.

An diesem Mittwoch soll sich das nun ändern: Müller hat Vertreter von VW, Siemens und SAP in sein Ministerium zur Unterzeichnung eines Carsharing-Vertrages in Kigali eingeladen: Ab Mai sollen man in Ruandas Hauptstadt, über eine dort entwickelte App, kurzzeitig Polos von VW gemietet werden können.

Gleichzeitig veranstalten die deutschen Wirtschaftsverbände BDI, DIHK, BGA gemeinsam mit dem Finanz- und dem Wirtschaftsministerium ein Deutsch-Ghanaisches Wirtschaftsforum. Es wird eröffnet von Ghanas Staatspräsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo und Noch-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Ghanas Präsident wird anschließend auch von Merkel empfangen.

„Afrika braucht bessere Transportmöglichkeiten“, begründet Entwicklungsminister Müller die Wahl des Schwerpunkts „Mobilität“ innerhalb seines „Marshallplans mit Afrika“. Die Städte wachsen rasant, Staus sind allgegenwärtig, gleichzeitig können sich viele Menschen Transportkosten kaum leisten, geschweige denn ein eigenes Auto kaufen.

Busse für Windhuk

In Tunis bekommt die Regierung beim Aufbau einer S-Bahn Unterstützung von der deutschen Entwicklungshilfe, in Namibias Hauptstadt Windhuk ein besseres Bussystem. Ruandas Hauptstadt Kigali soll gleich den Schritt in die Moderne digitaler Verkehrskonzepte schaffen: Die autoritäre Regierung von Präsident Paul Kagame setzt alles daran, Ruanda als aufgeräumtes, gut organisiertes Land zu Wohlstand zu führen. In entlegene Krankenhäuser etwa will Kagame Blutkonserven per Drohne liefern lassen. Und neben den herkömmlichen Dritte-Welt-Sammeltaxis und Bussen soll über die neue App Carsharing wie in Deutschland, aber auch Uber-artige Taxidienste möglich werden.

Müllers Ministerium fördert dabei vor allem die Ausbildung, etwa der Leute, die künftig die zunächst 500 VW-Polo für das Projekt reparieren oder die Software weiterentwickeln sollen. Volkswagen wiederum investiert in eine neue Fabrik für die Endmontage in Kigali. „Wir wollen bis zu 1000 Jobs allein im ersten Jahr schaffen“, sagte Müller dem Handelsblatt. 20 Millionen Dollar will VW in Ruanda investieren.

Wichtiger noch als das mit elf Millionen Einwohnern kleine Ruanda ist der Bundesregierung eine Hoffnung schaffende Wirtschaftsentwicklung in Ghana, der Elfenbeinküste und Tunesien: Mit den auch nach europäischen Standards demokratischen Regierungen schloss Deutschland in Hamburg die „Compact“ genannten Entwicklungspartnerschaften. „Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt“, hieß es beim BDI. Der Industrieverband will sich besonders für Ghana einsetzen, der DIHK für Tunesien und der BGA für die Elfenbeinküste.

Auf dem Wirtschaftsforum in Berlin werden sich interessierte Industrieunternehmen mit möglichen ghanaischen Partnerfirmen treffen. Und sie werden die Vertreter der geschäftsführenden Bundesregierung an die Versprechen Deutschlands erinnern: Vor allem die Hermes-Bürgschaften müssten so verbessert werden, wie es auf dem G20-Gipfel versprochen wurde, mahnen Wirtschaftsvertreter.

„Insbesondere eine bessere Risikoabsicherung sowie innovative Finanzierungsinstrumente wären im beiderseitigen Interesse“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Auch eine geschäftsführende Bundesregierung sollte den Mut haben, Zusagen einzuhalten, meint man beim BDI.

Schokolade statt Kakao, Röstkaffee statt Kaffeebohnen

Auf dem Wirtschaftsforum wollen die Verbände zudem anmahnen, dass Deutschland nicht nur auf Investitionen in Produktionsanlagen setzt, sondern auch den Handel fördern solle. „Investitionen entstehen zumeist als Folge langjähriger Handelsbeziehungen“, so Treier. Das Handelsvolumen zwischen Ghana und Deutschland beträgt bisher jährlich ausbaufähige 500 Millionen Euro. Die deutsche Wirtschaft setzt nun auf das wieder anziehende Wirtschaftswachstum in Ghana nach drei Jahren Rezession.

Die Ende 2016 gewählte ghanaische Regierung gilt zudem als wirtschaftsfreundlich. Lob erhält sie auch für die Berufung eines Anti-Korruptionsbeauftragten. Geschäftsmöglichkeiten erwarten etwa Hersteller von Landwirtschaftstechnik, die auf eine Professionalisierung der Landwirtschaft setzen. „Nicht nur Kakao, sondern Schokolade, nicht nur Kaffeebohnen, sondern gerösteter Kaffee müssen Afrikas Exportprodukte der Zukunft sein“, sagte Entwicklungsminister Müller. Bisher ist Afrika, und auch das Kakao-Land Ghana, abhängig von Rohstoff-Exporten.

Müller will nun auch die deutsche Autoindustrie motivieren, in Städten wie dem ghanaischen Accra nicht nur hochpreisige Autos an die Elite zu verkaufen, sondern den Massentransportmarkt anzugreifen, anstatt diesen allein Toyota oder Nissan zu überlassen. „Die Motorisierung zum Beispiel in Äthiopien ist höher als im China der 80er Jahre, als dort Volkswagen und andere Unternehmen auf den Markt getreten sind“, sagte Müller. „Notwendig ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Volkswagen für Afrika“, meinte er.

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