Gaza-Konflikt: Beirut wartet auf den Krieg
Die libanesische Hauptstadt Beirut im Sonnenuntergang.
Foto: REUTERS„Es hört sich jedes Mal an wie ein echter Raketenangriff und mein erster Gedanke ist: Jetzt geht es los“, erzählt Dania Haddad. Seit zwei Wochen fliegen immer wieder israelische Kampfflugzeuge im Tiefflug über Beirut und durchbrechen dabei die Schallmauer. Dann wackeln die Wände in Haddas Wohnung im Beiruter Vorort Aramoun. Die Manöver der israelischen Luftwaffe simulieren Angriffe.
Während sich im Südlibanon bereits seit Beginn des Gaza-Kriegs im Oktober die Schiitenmiliz und Israel heftige Gefechte liefern, wird nach dem Tod von Hisbollah-Kommandeur Fuad Shukr in dessen Wohnhaus nahe Beirut eine Ausweitung der Kämpfe auf den gesamten Zedernstaat von Tag zu Tag wahrscheinlicher.
„Eine Vergeltung der Hisbollah für die Tötung ihres hochrangigen Kommandeurs wird zwangsläufig kommen. Die Frage ist, wie sie ausfallen wird, welche Ziele angegriffen und welche Waffensysteme zum Einsatz kommen werden“, sagt Michael Bauer, Leiter des Beiruter Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung. Aktuell gehe er davon aus, dass die Hisbollah alleine angreifen werde. Eine Beteiligung des Iran und anderer Verbündeter der Hisbollah will Bauer aber nicht ausschließen.
Ein Krieg, den keiner will
Seit Oktober 2022, dem Ende der Amtszeit von Michel Aoun als Staatspräsident, ist das Land ohne Staatsoberhaupt. Die Versuche von Ministerpräsident und Milliardär Nadschib Mikati, eine neue tragfähige Regierung zu bilden, blieben bisher erfolglos. In dieser Gemengelage hat die Hisbollah, die zugleich Partei und Miliz ist, leichtes Spiel. Sie trifft ihre eigenen Entscheidungen – auch gegen den Willen der geschwächten Übergangsregierung.
„Es wäre ein Krieg, den der Libanon nicht will und den er sich auch nicht leisten kann“, erklärt Bauer. Die Hisbollah sei ein Staat im Staat und entziehe sich jeglicher Kontrolle. Letztlich habe die libanesische Regierung keinerlei Einfluss darauf, ob es zu einem offenen Krieg kommt oder nicht.
Der Libanon steckt seit Jahren in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Das libanesische Pfund hat gegenüber dem Dollar seit Anfang 2023 um etwa 95 Prozent abgewertet, die Inflationsrate liegt bei über 40 Prozent, der Staat ist de facto bankrott. Das Land, das so groß ist wie Hessen, ächzt zudem unter gut 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen. Einen Krieg können die Menschen nicht gebrauchen.
Die lauten Überschallknalle über ihrem Wohnhaus wecken bei Haddad böse Erinnerungen an den zweiten Libanon-Krieg im Sommer 2006. Damals wurde der Airport von Beirut durch einen Bombenangriff zerstört. Ihre Sorge ist groß, dass bei einem Kriegsausbruch erneut die Infrastruktur angegriffen wird. Zerstörte Straßen, Flug- und Seehäfen bedeuteten Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten.
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Sie wolle gar nicht daran denken, dass sie womöglich nicht mehr an die für sie lebensnotwendigen Herzmedikamente käme. Der 62-Jährigen machen die exorbitant gestiegenen Preise ohnehin schon zu schaffen. Ohne die finanzielle Unterstützung aus Deutschland könnte die alleinerziehende Mutter Miete, Strom und Lebensmittel nicht bezahlen, sagt sie. Wie viele gut ausgebildete Libanesen arbeitet ihr Bruder, ein Arzt, im Ausland.
Während Haddad ihre Wohnung kaum noch verlässt, versucht Etienne Damien, einen normalen Alltag zu führen, allein schon wegen seiner Kinder. Der 44-jährige Familienvater wohnt in der Küstenstadt Byblos, eine Autostunde von Beirut entfernt. Damien ist froh, gerade nicht in Beirut zu leben, wo die Angst allgegenwärtig und beklemmend sei. Das ohnmächtige Warten auf den Krieg zerrt auch an Damien. Die Ungewissheit sei manchmal fast schlimmer als ein echter Kriegsausbruch.
Nicht nur von Israel gehe eine Bedrohung aus, sagt er. Das gelte auch für die Hisbollah im eigenen Land. Wie viele Libanesen empfindet Damien die Miliz als eine vom Iran gesteuerte Besatzungsmacht, die das gesamte Land als Geisel nehme. Damien ist aufgewachsen während des Bürgerkriegs und hat in Straßburg studiert. Vor 15 Jahren kehrte er in seine Heimatstadt zurück, wo er als Lehrbeauftragter an der katholischen Universität Antonine arbeitet. Er will bleiben. Trotz permanenter Krisen und Instabilität.
Viele Botschaften rufen ihre im Libanon lebenden Staatsbürger auf, das Land zu verlassen. Am Flughafen von Beirut herrscht Hochbetrieb. Das Auswärtige Amt hat seine Reisewarnung vergangene Woche erneut verschärft. Auch Nahost-Experte Bauer hat seinen Beiruter Wohnsitz Ende Juli aus Sicherheitsgründen vorübergehend in die jordanische Hauptstadt Amman verlegt. Internationale Fluggesellschaften fliegen kaum noch Ziele im Nahen Osten an, die Lufthansa hat ihre Passagier- und Frachtlinien nach Beirut und Tel Aviv längst auf Eis gelegt.
Feiern, als wäre es der letzte Tag
Im Beiruter Szeneviertel Mar Mikhael wird die Angst vor dem Krieg weggetanzt. Die Bars und Clubs in dem christlich geprägten Stadtteil sind voll. Selbst die größten Krisen können die feierwütigen Libanesen davon nicht abhalten. Zumindest diejenigen, die es sich noch leisten können. Zu altem Glanz ist Beirut nie wieder zurückgekehrt. Trotzdem gilt die Stadt am Mittelmeer noch immer als eine der legendärsten Party-Metropolen.
Es gäbe wieder etwas zu feiern, wenn die Fortsetzung der Verhandlungen nächste Woche unter Vermittlung der USA, Ägypten und Katar zu einer Waffenruhe im Gaza-Krieg führte. Der Friedensplan von Joe Biden sieht zudem die Freilassung der Geiseln aus der Hand der Hamas sowie den Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen vor.
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