Terror-Miliz: Mit diesem „professionellen Finanzapparat“ versorgt sich die Hisbollah mit Geld
Ein Angehöriger der Terror-Miliz Hisbollah
Foto: APDie Sorge vor einem umfassenden Nahost-Krieg wächst. Israels Armee greift den Libanon, Gazastreifen und Jemen aus der Luft an, um gegen Irans verbündete Milizen vorzugehen. Dabei steigt vor allem der Druck auf die Hisbollah („Partei Gottes“), damit diese mit ihren Angriffen aufhört und sich aus dem Grenzgebiet zurückzieht. Während der jüngsten Eskalation kamen in den vergangenen Wochen Medienberichten zufolge Hunderte Menschen durch die israelischen Angriffe im Libanon ums Leben. In Israel sei im gleichen Zeitraum niemand getötet worden.
Sollte die Hisbollah sich nicht wie gefordert von der südlichen Grenze zu Israel zurückziehen, wäre auch eine begrenzte Bodenoffensive der israelischen Armee nicht ausgeschlossen, um den Druck auf die Miliz hochzuhalten. Das hatte zuletzt Israels Armeechef Herzi Halevi angedeutet. Er habe Pläne für das Nordkommando der Streitkräfte gebilligt. „Herausfordernde Tage liegen vor uns“, sagte er. Solche Kämpfe könnten allerdings vorteilhaft für die Hisbollah verlaufen, die im Süden schon zuvor eine Art Guerilla-Krieg gegen Israel führte.
Hisbollah: Was der Tod Nasrallahs bedeutet
Die Hisbollah ist durch den Tod ihres Anführers Hassan Nasrallah – der als mächtigster Mann im Libanon galt – gewissermaßen kopflos. Ohne Chef und nach Tötung fast der gesamten oberen Führungsebene ist unklar, wer innerhalb der Hisbollah nun die Kommandos geben könnte, auch bei weiteren Angriffen auf Israel. Vermutlich wird sie Anweisungen des Irans abwarten. Der ist die eigentliche Schutzmacht und wichtigster Unterstützer der Hisbollah. Auch wie der Iran reagiert, ist offen. Fest steht: Die Hisbollah ist nach massiven Angriffswellen Israels so geschwächt und gedemütigt wie seit Jahren nicht.
Hassan Nasrallah: Dreitägige Trauerfeier im Libanon
Foto: REUTERSWie es nun mit der Hisbollah weitergeht, ist offen. Schon jetzt ist aber ein Name für die Nachfolge im Umlauf: Haschim Safi al-Din, Chef des Hisbollah-Exekutivrats, gilt als aussichtsreichster Kandidat. Er ist ein Cousin Nasrallahs und Vater vom Schwiegersohn des mächtigen iranischen Generals Ghassem Soleimani, der 2020 im Irak durch einen US-Drohnenangriff getötet wurde.
Es gibt verschiedene Szenarien, was das Führungsvakuum der Terror-Miliz für den Nahost-Konflikt bedeutet könnte. Die Hisbollah könnte beispielsweise trotz aller Rückschläge versuchen, besonders gewaltsam auf diesen Angriff zu antworten – auch um zu zeigen, dass sie überhaupt noch zu Attacken fähig ist. Das könnte etwa passieren in Form eines koordinierten Angriffs der Milizen im Irak und im Jemen oder erneut aus dem Iran selbst. Weil die Hisbollah und die Hamas im Gaza-Krieg deutlich geschwächt sind, könnten vor allem die Huthi im Jemen an Bedeutung gewinnen als Teherans Verbündeter.
Über die Rolle der Hisbollah nach dem Hamas-Angriff auf Israel
Hamas und Hisbollah folgen zwar unterschiedlichen Strömungen des Islam. Sie verbindet jedoch, dass beide Israel das Existenzrecht absprechen. Die Hisbollah befürwortete den Angriff der Hamas auf Israel, feierte das Massaker.
Die Hisbollah gilt als weitaus mächtiger als die Hamas. Ihr Einfluss reicht tief in den von Krisen gelähmten libanesischen Staat. Die Organisation kontrolliert vor allem den Süden an der Grenze zu Israel, die von Schiiten bewohnten Viertel der Hauptstadt Beirut sowie die Bekaa-Ebene im Norden des Landes. Unter Hassan Nasrallah hat sie in der Vergangenheit mit Unterstützung aus Teheran ihren Einfluss stetig ausgebaut.
Die Schiitenorganisation verfügt über ein großes Arsenal an Waffen, darunter Raketen und Kampfdrohnen. Außerdem sind ihre Kämpfer besser ausgebildet als die der Hamas. Die Hisbollah behauptet immer wieder, alle Teile Israels treffen zu können. Im Jahr 2021 sagte Nasrallah, die Gruppe habe 100.000 Kämpfer. Schätzungen von Experten jedoch gehen von mehreren tausend Kämpfern aus, die dem militärischen Arm der Hisbollah angehören.
Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien in Hamburg, erklärt, die Hisbollah habe viel mehr und viel bessere Raketen als die Hamas, Schätzungen gehen von 150.000 Raketen aus: „Eine Masse, die Israels Iron Dome überwältigen kann – wo Quantität in Qualität umschlägt.“
Die Hisbollah sei der am stärksten bewaffnete nichtstaatliche Akteur der Welt, schrieb wiederum das in Washington ansässige Center for Strategic and International Studies im Jahr 2021.
Die Finanzströme der Hisbollah
Woher kommt das Geld dafür? „Der Finanzapparat der Hisbollah ist sehr professionell“, erklärt Michael Bauer, Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Libanon. Die Hisbollah wüsste, dass sie nur dann nachhaltig Bestand haben kann, wenn sie in der Lage ist, sich dauerhafte Finanzierungsquellen zu erschließen. Denn die braucht sie sowohl für ihre Miliz, wie auch für die politische Arbeit und um sich Gefolgschaft insbesondere im Libanon zu kaufen, sagt Bauer: „Dort ist die Organisation auch selbst im Finanzsektor aktiv und erwirtschaftet mit ihrem eigenen Finanzinstitut Al Qard Al Hassan Einkünfte, etwa aus Überweisungen von Libanesen im Ausland, sogenannte Remittances, Geldwechsel und so weiter.“ Die Organisation sei sehr gut in der Lage, „mit der Cash-Economy im Libanon umzugehen.“
Eine entscheidende Unterstützerrolle spielt der Iran – gerade was die Militärhilfe betrifft. Das Land liefert der Hisbollah neben Geld auch Waffen. Die US-Regierung schätzt, dass der Iran etwa 700 Millionen Dollar pro Jahr zur Verfügung stellt. In den vergangenen Jahren, so die Schätzung, dürfte der Iran jährlich Hunderte Millionen Dollar gezahlt haben.
„Als die Möglichkeiten Teherans aufgrund der internationalen Sanktionen und der wirtschaftlichen Krise im Land zurückgingen, gab es auch Berichte über finanzielle Engpässe bei Hisbollah“, sagt Michael Bauer.
Hisbollah: Zölle, Drogen, Spenden
Zudem hat die Hisbollah einen erheblichen Einfluss auf die Infrastruktur im Libanon, erklärt Nahost-Experte Woertz, ob in Beirut am Flughafen oder am Hafen. „Da gibt es erhebliche Möglichkeiten, durch Zölle und Dienstleistungen – möglicherweise nicht nur der offiziellen Art – Geld zu verdienen.“ Zudem, erklärt er, gibt es Spenden, die sowohl lokal wie auch international fließen.
Außerdem sei die Hisbollah in den organisierten Drogenhandel mit Lateinamerika verwickelt, die Zusammenarbeit mit Drogenkartellen ist lukrativ für die Organisation. Im Libanon selbst würde auch Cannabis angebaut. Eine wichtige Einnahmequelle sei zudem der Handel mit dem Amphetamin Captagon. Captagon wurde ursprünglich als Medikament gegen ADHS entwickelt, mittlerweile gehören die aufputschenden Tabletten zu den meistgenutzten synthetischen Drogen im Nahen Osten.
Große Mengen davon werden in Syrien produziert, ein Hauptabnehmer ist Saudi-Arabien – und ein Teil des Handels wird über den Libanon und die Hisbollah abgewickelt. „Neben Syrien ist das Land mittlerweile zu einer richtigen Amphetamin-Drehscheibe geworden“, erklärt Nahost-Experte Woertz.
Und: Einem Bericht des „Wall Street Journals“ zufolge erhalten Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah und Islamischer Dschihad auch Kryptowährungen. Demnach erreichten die Gruppen so erhebliche Geldbeträge. Die Krypto-Analyseunternehmen Elliptic und BitOK haben digitale Wallets analysiert und gehen davon aus, dass der Islamische Dschihad bis zu 93 Millionen US-Dollar an Kryptowährung erhalten hat, die Hamas wiederum etwa 41 Millionen US-Dollar.
Hintergrund: Wer sind die Hisbollah?
Die Hisbollah entstand im Jahr 1982 als Antwort auf das Eingreifen Israels im Libanon. In Übereinstimmung mit der schiitisch-islamistischen Ideologie Teherans rekrutierte die Hisbollah libanesische schiitische Muslime. Die Gruppe hat sich von einer schattenhaften Fraktion zu einer stark bewaffneten Macht entwickelt, die großen Einfluss auf den libanesischen Staat ausübt. Die Gruppe ist im Iran auch im Parlament vertreten. Die Hisbollah engagiert sich auch karitativ.
Seitdem kämpft sie politisch, aber auch mit Gewalt gegen Israel. Der Bürgerkrieg, der den Libanon bis heute prägt, dauerte bis Anfang der Neunzigerjahre. Verheerende Anschläge und Entführungen während der Zeit gehen auf das Konto der Hisbollah. Im aktuellen Nahostkonflikt bekräftigte die Organisation ihre Kampfbereitschaft.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Oktober 2023 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben ihn aktualisiert.
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Mit Material der Agenturen