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Geldentwertung Urlaub aufgrund der Inflation gestrichen

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Richtig spannend wird es im Herbst. Dann beginnen die Tarifverhandlungen für die rund 3,5 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie, unserer wichtigsten Industriebranche. Das könnte für die Unternehmen teuer werden. Der neue IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber dürfte in seiner ersten Lohnrunde als Chef kaum hinter den Abschlüssen anderer Gewerkschaften zurückstehen wollen.

Im übrigen Euro-Raum sieht es nicht besser aus. So listet die EZB in ihrem jüngste Monatsbericht minutiös auf, in wie vielen Ländern noch immer ein Großteil der Löhne indexiert ist, also automatisch an die Inflationsraten angepasst wird. „Diese Systeme bergen das Risiko“, warnen die Währungshüter, „dass aufwärtsgerichtete Preisschocks von längerer Dauer sind und zu einer Lohn-Preis-Spirale führen.“

All das weckt Erinnerungen an die Siebzigerjahre. Auch damals explodierte der Ölpreis, weltweit wurde alles teurer. Auch damals setzten Gewerkschafter kräftige Lohnerhöhungen durch – wie der legendäre ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker, der 1974 elf Prozent für den öffentlichen Dienst durchboxte. Auch damals wurde die Inflationsspirale von Währungshütern leichtfertig mit Geld zum Drehen gebracht. Auch damals kam gleichzeitig das Wachstum zum Halten.

Politiker schlagen aus Inflation Kapital

Und damals wie heute überbieten sich die Politiker mit Vorschlägen, wie dem inflationsgepeinigten Bürger zu helfen sei. Wegen des explodierenden Benzinpreises plädierte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kürzlich für eine Rückkehr zur alten Pendlerpauschale ab dem ersten Kilometer, um Berufspendlern unter die Arme zu greifen; Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte eine eigene Pendlerpauschale für Geringverdiener. All das ist ziemlich heuchlerisch, ist doch der Staat mit seinen Verbrauchsteuern und Gebühren selbst einer der größten Preistreiber.

Auch in anderen Ländern versuchen Politiker aus der Situation Kapital zu schlagen: So will Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Mehrwertsteuer für Mineralölprodukte kappen, um den Preisanstieg zu dämpfen. Und Sarkozy ist es auch, der mit schöner Regelmäßigkeit die EZB auffordert, neben der Inflation auch das Wachstum stärker im Blick zu behalten.

Dabei ist die wichtigste Lehre aus den Siebzigerjahren, dass die EZB mit ihrem harten geldpolitischen Kurs richtig liegt. Gelingt es ihr, die Inflation einzudämmen, stützt das den Konsum – und hilft auch der Konjunktur. So gesehen, existiert ihr viel zitiertes Dilemma gar nicht, wonach höhere Zinsen das Wachstum belasten, Zinssenkungen aber die Inflation zusätzlich befeuern. Andreas Scheuerle, Ökonom bei der DekaBank, bringt es auf den Punkt: „Die Bekämpfung der Inflation ist zurzeit die beste Konjunkturpolitik.“

Viele Experten sind dennoch skeptisch, ob es gelingt, eine Stagflation wie in den Siebzigern zu vermeiden. So rechnet Morgan-Stanley-Ökonom Fels zwar nicht mit zweistelligen Inflationsraten, wie es sie damals in Amerika und in vielen europäischen Ländern gab. Aber er sagt den Industrieländern eine „lange Periode relativer Stagnation und hoher Inflation“ voraus.

„Die Geschichte wiederholt sich nicht“, zitiert er Mark Twain, „aber sie reimt sich“.

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