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Glitzermetropole „Dubai steht nicht nur für Influencer, Luxus-Hotels und Wolkenkratzer“

Quelle: dpa

Die Zeit der großen Investitionen in die Infrastruktur der Emirate geht zu Ende, sagt Oliver Oehms. Der Chef der Außenhandelskammer in den Emiraten über das Ende des Wirtschaftsmärchens in Dubai und neue Chancen für deutsche Unternehmen.

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Von seinem Büro im 27. Stock eines Büroturms in Downtown Dubai hat Oliver Oehms einen guten Überblick darüber, wie es der Wirtschaft da unten so geht. Der Chef der Deutsch-Emiratischen Industrie- und Handelskammer blickt auf viele Baustellen, die in der Wüste aufgerissen wurden. Nicht weit entfernt sollte die Meydan Mall entstehen, noch ein Mega-Einkaufszentrum, mit Indoor-Skihalle. Seit einiger Zeit jedoch kämen keine Bauarbeiter mehr, Kräne seien wieder weggeschafft worden.

WirtschaftsWoche: Herr Oehms, die Vereinigten Arabischen Emirate waren in den vergangenen Jahrzehnten ein Wirtschaftsmärchen, auch für viele deutsche Unternehmen. Wie sieht es jetzt aus?
Oliver Oehms: Nach den vielen Boomjahren erleben wir seit einigen Jahren eine Phase der Konsolidierung im Kernmarkt VAE selbst, viele blicken deshalb aus Dubai und Abu Dhabi in die größere Region.

Woran liegt das?
Die Zeiten der großen Investitionen in die Infrastruktur der Emirate gehen langsam zu Ende. Die Bauzulieferer, Architekten und Planer berichten uns, dass wenig große Projekte lanciert werden. Aber dafür gibt es spannende Entwicklungen in anderen Ländern der Region – und davon profitieren die in Dubai und Co. ansässigen deutschen Firmen.

Oliver Oehms ist seit 2019 Chef der Außenhandelskammer in den Vereinigten Arabischen Emiraten.  Quelle: PR

Welche Länder sind das?
Staaten wie Ägypten, Katar und Ostafrika, sowie das derzeit dynamisch wachsende Pakistan. Und natürlich Saudi-Arabien,…

… wo Sie als Chef der Auslandshandelskammer tätig waren, bevor Sie 2019 nach Dubai gekommen sind. Wie wird der wachsende Wettbewerb aus Riad in den VAE wahrgenommen?
Grundsätzlich ist die wirtschaftliche Verflechtung der beiden wirtschaftlichen Schwergewichte am Golf sehr ausgeprägt. Deshalb profitiert auch die Unternehmerschaft in den VAE von erfolgreichen Entwicklungen im großen Nachbarland im Westen. Allerdings macht uns der steigende Standortwettbewerb durchaus Sorgen. Auch unsere lokalen emiratischen Partner haben eine Reihe an Initiativen und Aktivitäten entwickelt, die als Reaktion hierauf zu sehen sind.

Dubai muss sich also neu erfinden. Wie?
Dubai könnte einen Schwerpunkt auf die Hub-Funktion legen, also dass Unternehmen von hier aus ihre Aktivitäten in einer wachsenden Region steuern, die weit über die Golfregion hinausgeht. In vielen Fällen betreuen uns Mitglieder bspw. den afrikanischen Kontinent mit seinen vielen Potenzialen aus den Emiraten heraus. Darüber hinaus sehen wir spannende Überlegungen unserer emiratischen Partner, verstärkt verarbeitende Industrie anzuziehen, die bislang nur punktuell in den Emiraten vertreten ist. Bislang ist Dubai ja vor allem ein Dienstleistungsstandort. Die Regierung plant große, eigene Investitionen, um etwa Pharma- und Nahrungsmittelkonzerne in die Emirate zu bringen und Exportkapazitäten zu entwickeln. Daraus sollten sich auch Geschäfte für mittelständische Unternehmen ableiten lassen, für Maschinenbauer und Experten bspw. zum Thema Industrie 4.0.

Wie viele deutsche Firmen gibt es denn in den Emiraten?
Wir gehen davon aus, dass rund 1000 deutsche Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit eigenem, operativen Geschäft aktiv sind – quer über alle Sektoren. Die meisten davon in Dubai. Die Zahl nimmt immer noch zu, insbesondere mit Blick auf deutsche kleine und mittlere Unternehmen und Start-ups, die das einzigartige Ökosystem der Emirate für sich entdecken.

Wie sehen Sie die Kritik, die es an den niedrigen Lohnkosten und der prekären Situation der Wanderarbeiter in Dubai gibt?
Ja, Arbeits- und Aufenthaltsrecht sind aufeinander abgestimmt. Entsprechend haben hunderttausende Arbeiter aus dem Dienstleistungssektor die Emirate nach Ausbruch der Pandemie verlassen müssen. Aber das Bild von Arbeitssklaven, das häufig genannt wird, ist ein Zerrbild. Arbeitsverträge sind in den Emiraten streng reglementiert, Gehaltszahlungen werden kontrolliert, und die Rechtsprechung ist arbeitnehmerfreundlich. Kündigungen sind, ähnlich unserem deutschen System, nicht ohne weiteres durchsetzbar. Zudem gibt es gesetzlich geregelte Abfindungszahlungen beim Ausscheiden des Arbeitsnehmers aus dem Betrieb. Diese sind einer Rentenzahlung vergleichbar.

Der deutsche TV-Satiriker Jan Böhmermann hat in einer Sendung das Wirken vieler Influencer entlarvt, die sich in Dubai niedergelassen haben und vor allem Positives absondern und Themen wie Menschenrechte auslassen.
Uns macht das wenig Spaß, denn so entsteht ein sehr einseitiges Bild von Dubai, das mit dem unserer Mitgliedsunternehmen nichts zu tun hat. Dubai steht nicht nur für Influencer, Luxus-Hotels und Wolkenkratzer. In den vielen Freihandels- und Industriezonen wird ‚echt‘ gearbeitet. Es geht um die Vermarktung von deutschen Produkten und Dienstleistungen, von so genannten Aftersales Services und Projektentwicklung.

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Welche Möglichkeiten bietet die Weltausstellung Expo, die jetzt startet?
In den ersten Monaten wird der Zustrom – auch wegen Corona – möglicherweise noch verhalten sein. Dann wird es aber anziehen. Die Expo ist eine gute Chance, deutschen Unternehmen die Emirate und auch die Region vorzustellen und diese einzigartige, globale Plattform zu erleben.

Mehr zum Thema: Dubai lockt deutsche Unternehmer und Glücksritter mit niedrigen Steuern und Luxus. Doch ausgerechnet zum Expo-Start im Emirat wird klar: Dubais Wirtschaftstraum ist ausgeträumt. Unterwegs mit einem Mann, der den Ausweg kennt.

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