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Görlachs Gedanken
Zwei Flüchtlinge aus Afrika gehen durch einen Wald. Quelle: dpa

Aufbruch in eine Dekade des Wandels

Klimawandel, Überbevölkerung: In der Vergangenheit haben wir es immer wieder geschafft, durch Innovation den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das mag auch jetzt Hoffnungen machen. Allein: Die Zeit wird knapp.

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Was wird die neue Dekade bringen? Schwellen wie dieser Jahreswechsel verführen zu großen Ausblicken, Gemälden des Zukünftigen. Als die Turmuhren vor zwanzig Jahren analog in das neue Jahrtausend schlugen, war die Angst groß, dass ein Computerfehler die ganze Welt verdunkeln könnte. Der Schritt von der 19 hinüber zur 20 markiert keinen so großen Einschnitt. Der Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre dieses Jahrhunderts ermöglicht uns, nüchtern eine Prognose für das zu treffen, was vor uns liegt.

Da wäre zuerst der Klimaschutz: das wirklich Traurige daran, die „Fridays for Future“-Demonstrationen mitzuverfolgen, ist, dass wir in meiner Schulzeit in den Achtziger- und Neunzigerjahren für dasselbe Anliegen auf die Straße gegangen sind. Damals starben die Wälder an saurem Regen und in den Flüssen schwammen keine Fische mehr. Auch damals schon wurden täglich etliche Fußballfelder große Flächen Regenwalds abgeholzt und das Ozonloch wurde entdeckt. Wir waren nicht untätig, und so schließt sich das Ozonloch wieder, den Wäldern und Flüssen geht es besser.

Dem Klimawandel aber mit allem, was daran hängt, begegnen wir noch lange nicht mit der gebotenen Entschlossenheit. Um ihn zu stoppen bedarf es einer globalen Anstrengung, zu der sich vor allem der große Umweltsünder USA unter seiner gegenwärtigen Führung nicht bewegen lässt. Einzelne nationale Maßnahmen reichen nicht weit genug. Um den Klimawandel zu stoppen und mit ihm hunderte Millionen Flüchtlinge, die er hervorbringen wird, muss sich vor allem unser Wirtschaftssystem grundlegend verändern. 7,7 Milliarden Menschen, die im Jahr 2019 die Welt bevölkern, verbrauchen mehr als die drei Milliarden des Jahres 1960. Erwartet werden bis zum Jahr 2100 fast 11 Milliarden Menschen. Unser auf Wachstum und somit auf Verbrauch ausgelegtes Wirtschaftssystem kann unter diesen Gesichtspunkten nicht mehr funktionieren.

Es leben zu viele Menschen auf der Welt, mit weitreichenden Konsequenzen nicht nur für das Klima: Was sollen diese Menschen arbeiten, in was sollen sie ausgebildet werden? Wenn Nationen wie Indien und Mexiko für ihre Jugend auf Programmieren setzen, dann liegen sie damit womöglich falsch. Algorithmen sind schon heute in der Lage, sich selbst im Betrieb zu verbessern. Unter Umständen werden daher bald nicht mehr so viele Coder gebraucht wie erhofft. Die neue Stufe der Industrialisierung, genannt 4.0, wird die Lieferketten überall auf der Welt verändern: Wenn Autoteile vor Ort ausgedruckt werden können, brauchen sie nicht mehr auf Schiffen durch die Welt transportiert zu werden. Das wird erheblichen Einfluss auf die Produktion in Ländern haben, die heute als Niedriglohnländer gelten. Was werden diese Menschen tun, wenn ihnen diese Arbeit genommen sein wird?

Es ist richtig zu sagen, dass wir es in der Vergangenheit immer wieder geschafft haben, durch Innovation den Kopf rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen. Das mag auch in der gegenwärtigen Situation berechtigte Hoffnungen machen. Die Wette auf die Zukunft mit dem Blick auf die Vergangenheit unterliegt in diesem geschichtlichen Moment allerdings einer Einschränkung: Bei vorangegangenen Iterationen der Industrialisierung hatten wir eine Generation, rund 25 Jahre, Zeit, um Bildung und Ausbildung so anzupassen, dass Menschen den neuen Anforderungen begegnen konnten. So viel Zeit haben wir aller Voraussicht nach nicht mehr. Es wäre daher das Klügste, wir nähmen uns die richtigen Dinge für das neue Jahrzehnt vor, um es zu einer Dekade erfolgreich moderierten Wandels zu machen.

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