Krieg der Worte: So unterschiedlich sind die Twitter-Strategien der beiden Kandidaten
Hillary Clintons Doppelgängerin
Nach ihrem Schwächeanfall während einer Veranstaltung zum 11. September trat Clinton nur zwei Stunden später wieder in die Öffentlichkeit. Für Verschwörungstheoretiker war das ganz klar eine Doppelgängerin. Sogenannte Beweise wurden in sozialen Medien gesammelt. Ob Nase oder Finger – es seien klare Unterschiede zu sehen. Weitere Spekulationen: Die Doppelgängerin soll Schauspielerin Teresa Lilly Barnwell sein, eine Clinton-Imitatorin.
Foto: APVon Hirntumor bis Zungenkrebs – Clintons Krankheiten im Überblick
Epilepsie, Parkinson oder Hirntumor – um Clintons Gesundheit ranken sich die wildesten Spekulationen. Bereits 2015 verkündete die Zeitung „National Enquirer“ das baldige Ableben der Demokratin. In einem Video der Seite „Infowars“ analysieren Experten Clintons Lachen als eine Persönlichkeitsstörung. Der Blog „The Conservative Tree House“ stelle einen Fleck auf Clintons Zunge fest. Diagnose: Zungenkrebs.
Foto: dpaDer Knopf in Clintons Ohr
„Ein Knopf im Ohr?“, mit dieser Frage löste Schauspieler James Woods eine heftige Diskussion aus. Der Grund: ein Foto, das Clinton bei einem Auftritt im Sender NBC mit einem kleinen Gegenstand im Ohr zeigt. Woods postete auch eine Wikileaks-E-Mail von 2009, in der Clinton-Vertraute Huma Abedin fragt: „Hast du Deinen Knopf im Ohr mitgenommen, oder soll ich ihn holen?“. Die Seite „True Pundit“ mutmaßt, dass Clinton schon früher Ansagen über den Knopf bekam.
Foto: APMysteriöser Begleiter
Er weicht ihr nicht von der Seite: Clintons Begleiter. Einige sehen in ihm keinen Bodyguard, sondern eine Gefahr. Der Autor Mike Cernovich: „Jeder Sicherheitsagent trägt einen Anzug. Hillarys Begleiter ist leger angezogen. Etwas Großes bahnt sich da an.“ Auf einem Foto soll der Begleiter eine Diazepamspritze halten, einen Arzneistoff gegen Panikattacken. Es wurde geraunt, der Mann sei ein Psychiater, der Clinton auch hypnotisiere. Das beweise angeblich ein Video, in dem der Begleiter ihr etwas ins Ohr flüstert.
Donald Trump – der Antichrist
Der Antichrist – eine Figur aus der Bibel, die Gegenmacht zu Jesus Christus. Laut Bibel soll sich der Mond vor der Ankunft des Antichristen in Blut verwandeln. Die Verbindung zu Trump: An seinem Geburtstag, dem 14. Juni 1946, gab es eine totale Mondfinsternis, auch als „Blutmond“ bekannt. Auch die Zahl des Antichristen (666) tauche in Trumps Leben auf. Eines seiner Gebäude hat er in der 666 Fifth Avenue in New York gekauft. Selbst lebt er im 66. Stock des Trump Towers. Für viele ist das sehr mysteriös.
Foto: dpaHillary Rodham Clinton Jimmy
„Es ist alles nur gespielt!“, schreibt der US-amerikanische Journalist Justin Raimondo auf seinem Blog. Donald Trump schauspielere, um seiner Freundin Hillary Clinton zur Präsidentschaft zu verhelfen. Die Gründe: seine gute Beziehung zu den Clintons, seine Unterstützung vergangener demokratische Kampagnen und seine kontroversen Aussagen, mit denen er die Republikaner zu spalten versuche. Rassismus, Hetzparolen und Populismus – Trump könne nur eine Karikatur des Konservatismus sein – erfunden von den Demokraten. Im Bild spielt Jimmy Fallon Donald Trump.
Foto: APDie Illuminati und Trump
Die Illuminati, eine Geheimgesellschaft, die im Jahr 1785 verboten wurde, besteht nach Meinung einiger Verschwörer weiter fort. Trump soll nun angeblich gezielt von dem Orden eingesetzt worden sein, um als nächster Präsident ihren Befehlen zu gehorchen. Befolgt er sie nicht, könnte er von den Illuminati umgebracht werden. Dies sei ja schon bei Präsident John F. Kennedy der Fall gewesen. „Beweisvideos“ sollen zeigen, dass Trump zu den Illuminati gehöre. Zu erkennen sei dies etwa an seinen Händen, die er zu einer Pyramide formt – eines der wichtigsten Symbole des Ordens.
Foto: REUTERSClinton und Trump sind Reptiloide
So absurd sie klingt, hat die Theorie der Reptiloide doch viele Anhänger. Erfinder David Icke beschreibt Reptiloide als intelligente Wesen, die von reptilienartigen Außerirdischen abstammen. Ihr Ziel: Kontrolle der Weltpolitik. Trump und Clinton sind die neuesten Verdächtigen. Videos sollen beweisen, dass Trump eine Maske trage. Clinton habe indessen Schuppen auf der Stirn. Dass die Videos stark bearbeitet sind, scheint die Anhänger der Theorie nicht im Geringsten zu stören.
Foto: dpaDonald Trump behauptet, nicht mehr als vier Stunden Schlaf zu brauchen. In der Nacht vom 30. September auf 1. Oktober bewies er das öffentlich. Um 3:20 Uhr griff er zu seinem Samsung-Smartphone und schicke einen Tweet nach dem anderen ab: Mal beleidigte er einen Fernsehmoderator, mal appellierte er, den Medien nicht zu glauben.
Am nächsten Tag war die nächtliche Twitter-Pöbelei Teil der Fernsehnachrichten, Thema in Zeitungen, Gesprächsstoff in Radioshows. Die Kommentare waren mal entsetzt, mal amüsiert, mal begeistert, doch das Wichtigste: Sie waren da. 2016 werden Tweets zu Nachrichten - nicht mehr umgekehrt.
Deshalb ist Twitter für Trump die ideale Plattform. Je lauter er poltert, desto stärker seine Präsenz in den Medien. Und je mehr die Medien über ihn berichteten, desto höher wurden seine Umfragewerte. Nicht zuletzt das digitale Provozieren hat ihn zu dem gemacht, was er nun ist: Anwärter auf eines wichtigsten Ämter der Welt.
In Amerika hat Twitterüber 55 Millionen Nutzer. Anders als in Deutschland vereint die Plattform nicht nur Medienleute und Promis, sondern auch breite Teile der Bevölkerung. Ein ideales Publikum also für die vielen kleinen Botschaften, die mit einem Klick auf Millionen Bildschirmen erscheinen.
Trump hat bereits 2009 entdeckt, welche Macht er mit seinem Twitteraccount in der Hand hält. Trump liebt das Ungefilterte, das Direkte, das Unzensierte dieser Kommunikation. Hier ist er auf keine Medien mehr angewiesen, er ist sein eigenes Medium.
Zunächst nutzt er die Plattform, um Werbung für seine TV-Shows zu machen. Doch bald darauf beginnt er, auch seine politische Meinung über seinen Twitteraccount kundzutun.
Er twittert mal nachts, mal tags, scheinbar intuitiv und häufig provokant. Sich selbst gibt er den Twitter-Namen: “The Real Donald Trump” - seine Fans lieben ihn für das Authentische, das er hier verbreitet.
Ganz anders sieht das bei Hillary Clinton aus. Die ungefilterte, scheinbar unkontrollierte Kommunikation des Netzwerkes scheint nicht ihre Art. Während Trump online schon ein Millionenpublikum erreicht, bleibt sie Twitter fern. Das finden die Nutzer so kurios, dass sie unter dem Hashtag #tweetsfromHillary scherzhafte Tweets unter ihrem Namen ins Netz schicken. Spätestens da merkt Clinton: Es geht nicht ohne.
Ihre eigene Geschichte auf Twitter beginnt deshalb 4 Jahre nach Trumps ersten Tweet - mit einem Konter auf all den Spott.
Trotzdem bleibt es lange Zeit ruhig auf ihrem Account. Erst kurz vor ihrer Präsidentschaftskandidatur im April 2014 fängt sie an, regelmäßig dort zu posten, oder besser gesagt: ihr Team. In Clintons Social Media Team bespielen über 100 Menschen verschiedene Kanäle.
Clintons Twitter-Account funktioniert wie eine Marketing-Maschine nach Lehrbuch.
Einige ihrer Tweets werden auf Spanisch übersetzt. Nach wenigen Monaten twittert ihr Team öfter als Trump, jeder Tweet inszeniert wie eine Werbeslogan.
Clintons Twitter-Botschaften werden genau orchestriert und mit anderen Auftritten verzahnt. Während der zweiten TV-Debatte nennt die Kandidatin Beispiele, wie ihr Kontrahent despektierlich über Frauen spricht. So habe er die ehemalige Miss Universe Alicia Machado als “Miss Piggy” bezeichnet. In dem Moment schickt Clintons Social Media Team den Hashtag #AliciaMachado ins Netz und tritt damit eine genau kalkulierte Entrüstung los. Millionen Nutzer schließen sich an: Eine Welle entrüsteter Tweets entfaltet die gewünschte Anti-Trump-Wirkung, gebündelt und emotional.
Auch Trump hat mittlerweile ein Social-Media-Team. Doch die radikaleren Tweets stammen von seinem eigenen Smartphone.
Die beiden Präsidentschaftskandidaten setzen nicht nur auf unterschiedliche Strategien, was ihre Teams und Tweet-Häufigkeit angeht. Auch die Inhalte in den beiden Kanälen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Clinton wendet sich immer wieder an Familien, sie spricht über Gesundheit, Klimawandel und thematisiert die Rechte von Frauen und von Homosexuellen. Während sie über Mindestlohn spricht, liegt Trumps Fokus auf illegaler Einwanderung, Außenpolitik und dem Kampf gegen den IS. Auch die Medien erwähnt er immer wieder, wirft ihnen vor parteiisch zu sein.
Die Provokationen kommen im Netz an: Trump bekommt im Durchschnitt knapp 10.000 Likes pro Tweet, doppelt so viele wie Clinton. In einem Wahlkampf, in dem vieles inszeniert und kalkuliert wird, scheint es für viele Wähler faszinierend, wenn Trump nachts zum Smartphone greift. Für ihn kommt es nun darauf an, seine digitale Fangemeinde zu Wählern zu machen. So ist Twitter längst zu einem machtvollen Instrument im Kampf um die Mehrheit geworden.
Der nächste Präsident bekommt übrigens nicht nur die Schlüssel fürs Weiße Haus. Er erhält auch die Passwörter für den Präsidenten-Account. Der nächste Präsident wird nämlich den alten Account von Barack Obama übernehmen. Die Tweets werden zwar gelöscht, doch die knapp 11 Millionen Follower darf der neue Präsident behalten. Inhalte, die Obama in seiner achtjährigen Amtszeit produziert hat, sollen auf einen neuen Account @POTUS44 verschoben und für immer archiviert werden.