Neuwahlen: Superreiche bereiten den Rückzug aus Großbritannien vor
Der britische Premierminister Rishi Sunak hat die Superreichen des Landes in Alarmbereitschaft versetzt. Seit der Ankündigung von Neuwahlen im Sommer überlegen Banker in der City of London und ausländische Milliardäre, wie sie ihr Vermögen in Sicherheit bringen können, berichtet die Finanznachrichtenagentur Bloomberg.
Einige lösen demnach Investitionen auf – andere verlassen gleich das Land. Sowohl die regierenden Konservativen als auch die oppositionelle Labour-Partei wollen die bevorzugte steuerliche Behandlung von „Non-Domiciled Residents“ – also reichen Ausländer, die im Vereinigten Königreich leben – abschaffen.
Darüber hinaus hat Labour-Chef Keir Starmer bereits angekündigt, im Falle einer erfolgreichen Wahl zusätzliche Steuern für die Reichen einzuführen. In Umfragen liegt seine Partei mehr als 20 Prozentpunkte in Führung. „Kunden, die vorher noch gezögert haben, geraten nun in Panik“, sagt David Lesperance, ein in Polen ansässiger Steuer- und Einwanderungsberater für Ultrareiche.
Allein im vergangenen Jahr sollen 3200 Superreiche das Land verlassen haben, schätzt die Beratungsfirma Henley & Partners – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr und mehr als in jedem anderen Land in Europa. Der Ruf Großbritanniens sei erschüttert, sagen die Experten. Nicht nur der Brexit, sondern auch die häufigen Wechsel der Premierminister nähren Zweifel an der politischen Stabilität.
Viele Wohlhabende zieht es darum nach Monaco, Dubai oder in die Schweiz. Aber auch EU-Länder wie Italien und Griechenland hatten zuletzt Initiativen gestartet, um reiche Ausländer anzulocken. Das Vereinigte Königreich hatte sein Goldes-Visa-Programm dagegen im Jahr 2022 abgeschafft. Werden die Ankündigungen der Parteien umgesetzt, wäre das ein „völlig vermeidbarer Fehltritt“, sagt Dominic Lawrance, Partner der Anwaltskanzlei Charles Russell Speechlys.
Höhere Steuern auf Erbe und auf Schulgebühren
Labour will zusätzliche Steuern für Private-Equity-Firmen erheben und eine höhere Mehrwertsteuer auf Schulgebühren von Privatschulen einführen. Erbschaftssteuerbefreiungen für Vermögenswerte im Ausland sollen abgeschafft werden.
Dabei die bevorzugte Behandlung reicher Ausländer eine lange Tradition in Großbritannien. Schon im Jahre 1799 wurde der so genannte „Non-Dom-Status“ eingeführt, damals noch um das britische Kolonialreich voranzutreiben. Auch die Frau des britischen Premierministers, Akshata Murty, gehört zu den Nutznießers dieser Regelung. 2022 hatte sie erklärt, dass sie ihre weltweiten Einkünfte, die teilweise vom indischen Software-Giganten Infosys stammen, in Großbritannien versteuert.
Labour hofft dagegen auf zusätzliche Steuereinnahmen von rund drei Milliarden Pfund (3,53 Milliarden Euro), wenn das System abgeschafft wird. Dabei sinkt die Zahl der „Non-Doms“ seit Jahren: Von 2012 bis 2022 hat sich ihre Zahl auf 68.800 Personen halbiert. Die verbliebenen Non-Doms zahlen jährlich nach offiziellen Angaben immer noch Steuern in Höhe von mehr als acht Milliarden Pfund (9,4 Milliarden Euro).
Alleine in den vergangenen Monaten habe man mehr als drei Dutzend Anfragen ausländischer Superreicher erhalten, die das Land verlassen wollen, berichtet eine Londoner Anwaltskanzlei gegenüber Bloomberg – darunter auch einige Multimilliardäre. Eine Person habe ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegt, andere ziehe es nach Italien. Ein Immobilieninvestor wolle seinen Aufenthalt in England auf drei Monate im Jahr beschränken und den Rest des Jahres in Steuerparadiesen wie Dubai und Monaco verbringen.
Vermögensberater: „Sie haben die Nase voll“
Auch Simon Goldring, Steuer- und Treuhandberater für Ultrareiche bei der globalen Anwaltskanzlei Ogier, sagt, dass eine Handvoll aktiver Fälle von britischen Bewohnern habe, die ins Ausland umziehen wollen. „Sie haben die Nase voll“, sagt der Berater, der selbst von Großbritannien nach Dubai umgezogen ist.
Schon vor der Wahl 2019 hatten einige Superreiche das Land verlassen, weil sie eine Wahl des linken Labour-Politiker Jeremy Corbyn befürchteten. Jim Ratcliffe, Milliardär und Gründer des Chemiegiganten Ineos, hatte damals betont, dass die britische Politik ein Grund für seinen Umzug nach Monaco im Jahr 2018 gewesen sei.
Es gibt aber auch Rückdeckung für die Labour-Vorhaben: Malcolm Walker, Gründer von Iceland Foods, und Charles Harman, ehemaliger Geschäftsführer von JPMorgan Chase, hatten letzte Woche einen offenen Brief von 120 Wirtschaftsführern, die den Labour-Kandidaten Starmer unterstützen.
Bislang hat noch keine britische Partei ihr Wahlprogramm veröffentlich. Doch Starmer verkündete bereits, dass er eine Mehrwertsteuer von 20 Prozent auf privat Schulgebühren einführen will. Die erwarteten Mehreinnahmen von 1,7 Milliarden Pfund sollen in das staatliche Schulsystem investiert werden. Einige wohlhabende Eltern zahlen darum bereits die Schulgebühren, die bis zu 65.000 Pfund kosten können, für einige Jahre im Voraus.
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