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Rishi SunakDer Finanzlobbyist in der Downing Street

Im Wettbewerb um die Nachfolge von Liz Truss auf dem Posten des britischen Premiers setzt sich Rishi Sunak durch. Er war lange der beliebteste Politiker des Landes – bis umstrittenere Seiten sichtbar wurden.Sascha Zastiral 25.10.2022 - 13:45 Uhr aktualisiert

Angekommen: Rishi Sunak zieht als Großbritanniens neuer Premier in die 10 Downing Street ein.

Foto: dpa

Beim zweiten Anlauf hat es geklappt: Rishi Sunak wird neuer Parteichef der Konservativen Partei (Tories) und britischer Premierminister. Im parteiinternen Rennen um die Nachfolge der glücklosen Regierungschefin Liz Truss setzte sich der ehemalige Schatzkanzler am Montagmittag durch und bereits am Dienstag, genau sieben Wochen nach dem Amtsantritt seiner Vorgängerin, wurde er von König Charles III. mit der Regierungsbildung beauftragt. Jetzt kann er in den Regierungssitz in der 10 Downing Street einziehen.

Bewerber hatten bis Montagnachmittag Zeit, 100 konservative Abgeordnete zu finden, die ihre Kandidatur unterstützen. Penny Mordaunt, Sunaks einzige verbliebene Herausforderin, gab kurz vor dem Ende der Frist bekannt, dass sie aus dem Wettbewerb aussteige. Und so erklärte Graham Brady, der das einflussreiche 1922 Committee leitet, das die Wahl des Parteichefs ausrichtet, in einer knappen Rede: „Rishi Sunak wird daher zum Vorsitzenden der Konservativen Partei gewählt.“

Nach der Bekanntgabe seines Sieges wandte sich Sunak hinter verschlossenen Türen an seine Parteikollegen. Britische Medien berichteten, dass Sunak dabei allen seinen Vorgängern gedankt habe. Er wolle die zerstrittene Partei einen und sich dabei auf Inhalte konzentrieren, nicht auf einzelne Persönlichkeiten, habe er hinzugefügt. Die Partei habe nur eine Chance, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Seine kurze Ansprache sei gut aufgenommen worden.

Sunak hatte sich bereits über den Sommer erfolglos um den Posten des Parteichefs und Premiers beworben. Dabei wurde das Feld der Bewerber so lange ausgedünnt, bis nur zwei übrig blieben: Rishi Sunak und Liz Truss. Unter den Abgeordneten war Sunak der klare Favorit. Die geschätzt 170.000 Parteimitglieder hatten eine andere Vorstellung davon, wen sie gerne als Regierungschef sehen würden – und wählten Liz Truss.

Nach deren katastrophal gescheiterter sechswöchiger Amtszeit verkürzte die Partei vergangene Woche das Auswahlverfahren. Diesmal mussten Bewerber vorweisen, dass 100 Abgeordnete ihre Kandidatur unterstützen. An dieser Hürde scheiterte nicht nur Penny Mordaunt.

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Auch Skandalpremier Boris Johnson glaubte offenbar, er habe eine weitere Amtszeit als Premierminister verdient. Als der am Sonntagabend erklärte, dass er sich aus dem Rennen zurückzieht, konnte man in Großbritannien ein kollektives Aufatmen hören. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ihm nicht gelungen, 100 Unterstützer unter den Tory-Abgeordneten zu finden. Nur etwa 60 von ihnen hatten öffentlich ihre Unterstützung für den Ex-Premier erklärt.

Rishi Sunak hat sich während der Covid-Pandemie einen Namen gemacht, als er unter Boris Johnson Schatzkanzler war. Während der Rest der Regierung im Chaos versank, warf der bekennende Thatcher-Anhänger Sunak seine konservativen Instinkte über Bord und griff den britischen Haushalten und der Wirtschaft finanziell unter die Arme. Das war nötig, schließlich verfügt Großbritannien heute nur noch über unzureichende soziale Sicherungssysteme.

Als der Schatzkanzler im Sommer 2020 auch noch begann, Restaurantbesuche zu bezuschussen, fanden die Medien schnell einen Spitznamen für den stets adrett gekleideten Politiker: „Dishy Rishi“. „Dishy“, das bedeutet „attraktiv“ und spielt zugleich auf „dish“ an – Englisch für ein Essen. Nicht ohne Grund galt Sunak in der Folgezeit lange als der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes. Er wurde als Spitzenkandidat für eine eventuelle Nachfolge Johnsons gerechnet. Vorwürfe, dass Sunak mit seinen Restaurant-Zuschüssen wohl auch die verheerende zweite Covid-Welle des Jahres befeuert hat, wischte die Regierung damals schnell beiseite.

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von Sascha Zastiral

Sunak hat in Oxford „Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften“ studiert, einen kompakten Studiengang, der so etwas ist wie das Standardrepertoire aufstrebender Politiker und Journalisten. Politisch aktiv war Sunak während seiner Studententage nicht. Während seine Studienkollegen feierten, organisierte er als Präsident des Oxford Investment Clubs Vorträge von Bankern.

Nach seinem Abschluss arbeitete Sunak für die Investmentbank Goldman Sachs, später stieg er ins Hedgefondsgeschäft ein, dazwischen schob er einen MBA-Abschluss in Stanford. Dort traf Sunak seine spätere Frau Akshata Murthy, die Tochter eines IT-Milliardärs. Das gemeinsame Vermögen des Paars soll sich im Bereich von 700 Millionen Pfund bewegen. Sunak ist einer der reichsten Abgeordneten aller Zeiten.

Sein Vater arbeitete in der Küstenstadt Southampton als Hausarzt, seine Mutter führte dort eine Apotheke, in der Rishi aushalf. Beide Eltern sind in den Sechzigerjahren aus Ostafrika nach Großbritannien eingewandert. Sie schickten Rishi auf die Eliteprivatschule Winchester und legten Überstunden ein, um die Schulgebühren aufzubringen. Die Erfahrungen seiner „hart arbeitenden“ Eltern hätten ihn ermutigt, den Konservatismus thatcherscher Prägung anzunehmen, sagte Sunak einmal.



Rishi Sunak hat südasiatische Wurzeln und ist praktizierender Hindu. Das macht ihn zum ersten britischen Premier, der keinen christlichen Hintergrund hat. Sein Aufstieg an die Spitze der Regierung wird im multikulturellen Großbritannien positiv bewertet. Kritiker weisen jedoch auf das weiterhin rigide Klassensystem hin, das Leute wie ihn fördert – und Sunak bildet da keine Ausnahme.

So tauchte in diesem Jahr ein Ausschnitt aus einer BBC-Doku aus dem Jahr 2007 auf. Darin zu sehen ist ein junger Rishi Sunak. Er sagt: „Ich habe Freunde, die Aristokraten sind, ich habe Freunde aus der Oberschicht, ich habe Freunde aus der Arbeiterklasse. Oder nein, nicht aus der Arbeiterklasse.“

Im August machte ein weiteres Video des Politikers die Runde. Darin zu sehen ist Sunak, wie er in der wohlhabenden Tory-Hochburg Tunbridge Wells vor Parteimitgliedern spricht. Was er sagt, hat es in sich: Sunak erklärt, er habe als Schatzkanzler Gelder aus benachteiligten Regionen umgeleitet und in wohlhabende Stadtteile gelenkt. „Wir haben eine Reihe von Formeln von Labour geerbt, die die gesamte Finanzierung in benachteiligte Stadtgebiete geschoben haben und die rückgängig gemacht werden mussten. Ich begann mit der Arbeit, das rückgängig zu machen.“

Im April war zudem bekannt geworden, dass Sunaks Frau einen umstrittenen Steuerstatus besaß, der es ihr erlaubte, in Großbritannien keine Steuern auf Einkommen aus dem Ausland zu zahlen. Der Guardian schätzte, dass sie damit bis zu 20 Millionen Pfund an Steuern in Großbritannien gespart haben könnte. Der Vorfall sorgte für einen Aufschrei. Murthy erklärte, sie werde in Zukunft auch ihr Einkommen im Ausland in Großbritannien versteuern. Ein wütender Sunak leitete eine Untersuchung ein, die klären sollte, wie Informationen über den Steuerstatus seiner Frau an die Öffentlichkeit gelangen konnten.

Etwa zur selben Zeit wurde bekannt, dass Sunak selbst als Mitglied der Regierung noch eine amerikanische Green Card besaß, die ihn als in den USA ansässig auswies. Ein gravierender Fauxpas.

Die Enthüllungen dürften dazu beigetragen haben, dass Sunak mit seinem ersten Versuch im Sommer, Tory-Parteichef und Premier zu werden, gescheitert ist. Am Ende machte Truss mit 57 Prozent der Stimmen das Rennen. Truss hatte den Mitgliedern der Tory-Basis, die überwiegend weiß, vermögend und im vorgerückten Alter sind, die umfassenden Steuersenkungen für Vermögende versprochen, mit denen sie später die Wirtschaft ins Chaos gestürzt hat. Sunak hatte während des parteiinternen Wahlkampfs genau davor gewarnt und Einsparungen angemahnt – und kam damit offenbar weniger gut an.

Vermutlich deswegen gab sich Sunak hinsichtlich seiner Pläne als Premier in den vergangenen Tagen bedeckt. Die wirtschaftlichen Wirren, die Truss während ihrer kurzen Zeit im Amt verursacht hat, dürften ihn dazu veranlassen, Einsparungen vorzunehmen. Und die gehen in Großbritannien traditionell zulasten der ärmeren Teile der Bevölkerung.

Dabei könnte die derzeit wohl größte Gefahr für die Wirtschaft des Landes in Sunaks totem Winkel landen: der Finanzsektor. Denn aus der Sicht zahlreicher Experten ist Großbritannien in den vergangenen Wochen nur haarscharf an einer ausgewachsenen Finanzkrise vorbeigeschrammt.

Kritiker warnen schon lange davor, dass mit dem Ex-Banker und ehemaligen Hedgefonds-Manager Sunak ein Finanzlobbyist ins höchste Regierungsamt gelangen könnte. Während Vertreter anderer Wirtschaftszweige oft um Termine im Schatzamt ringen mussten, als Sunak das Sagen hatte, gaben sich dort Berichten zufolge die Chefs von Großbanken und Finanzlobbyisten die Klinke in die Hand.

Zudem trieb Sunak umstrittene Steuererleichterungen für Banken voran, während er für Unternehmen und Arbeitnehmer höhere Abgaben plante. Und Sunak arbeitete als Schatzkanzler an den Lockerungen vieler Finanzmarktregeln. Dabei sind die dazu gedacht, Finanzkrisen zu verhindern – wie jene, die derzeit wieder droht.

Sollte Sunak den derzeitigen Schatzkanzler Jeremy Hunt im Amt belassen, würde er von ihm keinen Widerspruch gegen den bankenfreundlichen Kurs befürchten müssen. Hunt hat erst kürzlich einen Beraterkreis einberufen. Die ersten vier Mitglieder dieses Gremiums sind: Hedgefonds-Manager und Private-Equity-Experten.

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