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Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman Der Kronprinz modernisiert mit Tempo

Der saudische Thronfolger Mohammed will für das Land einen „moderaten Islam“. Er setzt Zeichen durch Wirtschaftsreformen und gewährt Frauen mehr Rechte. Sie sollen bald Stadien besuchen dürfen – unter einer Bedingung.

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Er hat angekündigt, dass Saudi-Arabien zu einem „moderaten Islam“ zurückkehren wolle. Quelle: Reuters

Dubai Jahrzehntelang gab es in Saudi-Arabien weder Musikkonzerte noch Filmvorführungen, und Frauen am Steuer wurden festgenommen. Doch nun schlägt der Mann, der bald König des konservativen Landes sein könnte, einen neuen, moderneren Kurs ein: Kronprinz Mohammed bin Salman.

So dürfen Frauen in Saudi-Arabien künftig Sportereignisse im Stadion verfolgen – wenn sie mit ihrer Familie kommen. Die allgemeine Sportbehörde werde „die Hauptstadien in Riad, Dammam und Dschidda sanieren, um ab 2018 Familien empfangen zu können“, sagte Behördenchef Turki Al-Ascheich am Sonntag laut dem Internetmagazin „Arab News“ und anderer Medien.

Die Maßnahme folgt mehreren Entscheidungen der saudischen Führung, die in kleinen Schritten auf eine größere Gleichstellung von Frauen zulaufen. Prominentestes Beispiel ist die Änderung, dass Frauen ab kommendem Jahr Auto fahren dürfen. Einmalig durften Frauen am vergangenen Nationalfeiertag Ende September auch schon einmal in Sportstadien.

Seit bin Salman mit Unterstützung seines Vaters an die Macht katapultiert wurde, treibt er an vielen Fronten Reformen voran. Diese könnten für einen der wichtigsten Verbündeten der USA eine neue Ära einläuten und dem ultrakonservativen Dogma des Königreichs ein Ende bereiten. Der Prinz führte Konzerte und Kinofilme wieder ein und gilt als treibende Kraft hinter der Entscheidung seines Vaters, des Königs, das Frauen-Fahrverbot aufzuheben.

Der Widerstand gegen die Veränderungen hält sich bislang in Grenzen. Doch einige Kritiker des Prinzen wurden festgenommen. Als sich das Königreich vor vier Jahrzehnten für soziale Reformen geöffnet hatte, hatten radikal-sunnitische Gegner der Monarchie die heiligste Stätte des Islams in Mekka belagert.

Prinz Mohammeds Agenda stellt die langjährige Allianz der Dynastie der Sauds mit dem klerikalen Establishment des Landes auf den Kopf. Stattdessen strebt der 32-Jährige eine Annäherung an einen kosmopolitischeren, globalen Kapitalismus an, um internationale Investoren und womöglich sogar nicht-muslimische Touristen anzulocken.

In den vergangenen Tagen machte der Prinz Schlagzeilen mit seiner Ankündigung, zu einem „moderaten Islam“ zurückkehren zu wollen. Er deutete an, dass die Generation seines Vaters das Land auf einen problematischen Kurs gelenkt habe, der nun ein Ende haben müsse.

In seiner umfassenden „Vision 2030“ will der als MSB bekannte Kronprinz Saudi-Arabien von seiner fast vollständigen Abhängigkeit vom Öl befreien. Er wirbt zudem für „ein tolerantes Land mit dem Islam als Verfassung und Mäßigung als Methode“.

Um seine Botschaft in die Welt zu senden, nutzte Mohammed einen seiner seltenen öffentlichen Auftritte auf einer großen Investorenkonferenz vor wenigen Tagen in der Hauptstadt Riad. „Wir wollen dahin zurück, wo wir waren: Zu einem moderaten Islam, der offen ist gegenüber der Welt und allen Religionen“, sagte er in einem prunkvollen Saal im Ritz-Carlton-Hotel. „Wir werden keine 30 Jahre unseres Lebens verschwenden, um uns mit extremistischen Ideen zu beschäftigen. Wir werden sie heute zerstören.“


„Eine neue Marke des Islams“

Seine Ankündigungen wurden mit Begeisterung aufgenommen, der britische „Guardian“ widmete ihnen eine Titelgeschichte. Prinz Mohammed sagte der Tageszeitung, mehrere saudische Monarchen hintereinander hätten nicht gewusst, wie sie mit der iranischen Revolution von 1979 umgehen sollten, die eine klerikale, schiitische Führung an die Macht brachte, die noch heute die Fäden in der Hand hält.

Im gleichen Jahr überstanden die saudischen Herrscher einen schweren Schlag, als sunnitische Extremisten 15 Tage lang den Wallfahrtsort in Mekka besetzten. Der Angriff wurde von Extremisten aus Protest gegen die soziale Öffnung verübt, die sie als westlich und unislamisch kritisierten.

Die Herrscherdynastie der Sauds reagierte auf die Ereignisse von 1979 mit einer Stärkung der ultrakonservativen Kräfte im Land, die seit der Gründung Saudi-Arabiens vor 85 Jahren das Leben dort bestimmen. Kinos wurden geschlossen, Frauen aus dem Fernsehen verbannt, und die wahhabitischen Religionswächter wurden gestärkt.

US-Freizeitpark für das Land?

Vieles ändert sich nun unter dem Kronprinzen, der seine Machtbefugnisse ausbaut und sich auf das Thronerbe vorbereitet. Es gibt Pläne, einen Freizeitpark der US-Kette Six Flags in Saudi-Arabien zu bauen und eine halbautonome Touristenregion am Roten Meer einzurichten, wo die strengen Bekleidungsregeln für Frauen wahrscheinlich nicht gelten würden.

Die Macht der einst gefürchteten Religionspolizei wurde eingeschränkt und auch die Auflagen zur Geschlechtertrennung werden gelockert. Anders als frühere saudische Monarchen wie König Abdullah, die eine schrittweise und vorsichtige Öffnung unterstützten, greift Prinz Mohammed schnell durch.

Mehr als die Hälfte der 20 Millionen Einwohner Saudi-Arabiens ist jünger als 25, so dass Millionen junge Saudis in den kommenden zehn Jahren auf den Arbeitsmarkt drängen werden. Die Regierung versucht deshalb fieberhaft, neue Jobs zu schaffen.

Der Prinz muss also bereits heute Lösungen für die Probleme finden, die er als König erben wird. „Was MBS tut, ist eine notwendige Voraussetzung für jede Art von Wirtschaftsreform“, sagt Maamoun Fandy, Direktor der Londoner Denkfabrik Global Strategy Institute. „Wirtschaftsreformen erfordern eine neue protestantische Ethik, wenn man so will, eine neue Marke des Islams.“

Die neue saudische Version eines „moderaten Islams“ ist also offen für wirtschaftliche Reformen und sieht beispielsweise keine Ladenschließungen zur Gebetszeit mehr vor und keinen Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben, wie Fandy erklärt. Die ökonomischen Reformen brauchen also soziale Reformen, um erfolgreich zu sein.

Doch vom Kronprinzen verwendete Signalwörter wie „Reform“, „Transparenz“ und „Verantwortung“ bedeuten nicht, dass Saudi-Arabien sich in Richtung Liberalismus, Demokratie, Pluralismus oder Meinungsfreiheit bewegt. Nichtmuslimische Gotteshäuser sind weiterhin nicht erlaubt, und die Zahl von schiitischen Moscheen ist begrenzt.

Auch zum heiklen Thema Menschenrechte äußerte der Prinz sich nicht. Stattdessen ließ er Dutzende Kritiker festnehmen.

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