Syrien Putin schadet sich mit dem Luftkrieg selbst

Moskaus Intervention in den syrischen Bürgerkrieg kann schnell zum Fiasko werden. Präsident Putin macht sich die große Mehrheit der Muslime weltweit zu Feinden.

Russische Kampflugzeuge vom Typ Sukhoi Su-27 nehmen an einer Vorführung in Moskau teil. Quelle: dpa

Es ist so weit. Wladimir Putins Luftwaffe führt Krieg in Syrien und bombardiert die Feinde seines Verbündeten Baschar al-Assad – jetzt schon am zweiten Tag. Und der Westen, Amerikas zögerlicher Präsident Obama und die untereinander vielfach zerstrittenen Europäer, gucken ratlos zu. Moskau triumphiert.

Zu Unrecht. Putins Luftkrieg in Syrien könnte sich als ähnlich fataler Fehlschlag erweisen wie seine Attacke auf die Ukraine im vorigen Jahr oder die Invasion der auch deswegen untergegangenen Sowjetunion vor Jahrzehnten in Afghanistan. George W. Bush und sein Irakkrieg lassen grüßen.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Russland kann den Bürgerkrieg in Syrien nicht zugunsten seines mörderischen Freundes in Damaskus entscheiden, jedenfalls nicht ohne Bodentruppen. Und Putins Luftkrieg, das zeigen die Satellitenbilder der Woche deutlich, richtet sich viel weniger gegen die Mörderbanden des IS als gegen Assads übrige Feinde, auf die der Westen und Saudi-Arabien mangels besserer Alternativen ihre Hoffnungen in Syrien gesetzt haben.

Doch selbst wenn die russischen Kampfflugzeuge das Mörder-Kalifat im syrischen Nordosten entscheidend schwächen sollten, wird Assad nicht zum Sieger in Syrien, Putin aber zum Verlierer in der Region.

Die russischen Flugzeuge bombardieren eben nicht den internationalen Terror, sondern die Mehrheit der syrischen Bevölkerung, die sunnitischen Muslime aller Schattierungen vom dschihadistischen Kopf-Ab-Mörder bis zu den teils sehr säkularen Bürgern von Aleppo und Homs. Sunniten – das sind eben über 50 Prozent der Bürger Syriens, aber vor allem auch 90 Prozent der Muslime weltweit und fast alle der Millionen von Muslimen in Russland.

Was wird darum passieren, wenn der Westen still hält, Putin sein Bombardement fortsetzt und das Assad-Regime stärkt? „Wie lange“, fragt der amerikanische Publizist Thomas Friedman in der „New York Times“, „wie lange wird es dann dauern, bis jeder sunnitische Moslem im Nahen Osten, ganz zu schweigen von allen Dschihadisten, ein Bild von Putin in einem Fadenkreuz auf sein Handy-Bildschirm postet?“ Eine allenfalls rhetorische Frage.

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Moskau hat voriges Jahr für die Annexion der Krim und das kriegerische Chaos im Osten der Ukraine seine Beziehungen zu Osteuropa ruiniert und zu Westeuropa vereisen lassen. Dieses Jahr riskiert die russische Führung einen mindestens so gravierenden Dauerkonflikt mit einer Weltregion.

Mörderischer Unsinn, der auch ökonomische Konsequenzen hat: Putin kann wegen des Syrien-Abenteuers jetzt die Pläne für eine neue Gas-Pipeline durch die sunnitische Türkei Richtung Westen in die Schublade legen. Aber solche Überlegungen spielen in Moskau derzeit offenbar keine Rolle.

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