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Tauchsieder

Die verlorene Moral der Wirtschaft

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Tricks zu Lasten Dritter

Und damit sind wir bei der Blindstelle von Carrs provozierendem Aufsatz: Es mag weder Pokerspieler noch Manager stören, dass das Tricksen, Täuschen und Lügen zu den ungeschriebenen Gesetzen ihres Spiels gehört - wohl aber stört es notwendig Dritte, zu deren Lasten das Tricksen, Täuschen und Lügen geht. Anders als Pokerspieler agieren Manager nicht in einer geschlossenen Arena, in der sie möglichst blind der betriebswirtschaftlichen Funktionslogik folgen müssen, um ihre Exzellenz zu beweisen. Statt dessen ist alle Ökonomie bloß ein Teilbereich der „Gesellschaft“, der sie ihre Bedingungen zu diktieren meint, das heißt: ihre ökonomische Moral ist nicht exportfähig. Anders gesagt: Es kommt nicht auf ein gemeinsames „Spielverständnis“ der Wirtschaftsakteure an, denn das schließt womöglich Korruption und Kinderarbeit, das Ausnutzen von Gesetzeslücken und die Übervorteilung von Kunden ein - sondern auf ein gemeinsames Spielverständnis von Investoren, Managern, Mitarbeitern, Zulieferern, Kunden und Konsumenten.

Für den Leipziger Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek gehören im Anschluss an seinen Lehrer Karl Homann daher „Investitionen in ein gemeinsames Spielverständnis“ zur Kernaufgabe einer Wirtschaftsmoral, die unter der Bedingung marktkonformer Demokratien nicht mit „besseren Menschen“, sondern mit den ökonomischen Nutzenkalkülen ihrer Akteure rechnet: (Nur) wenn es gelingt, ein gemeinsames Spielverständnis zwischen allen Beteiligten zu entwickeln, kann dieses Spielverständnis auch eine normative, bindende Kraft entfalten. Wirtschaftsmoral, so verstanden, ist eine renditeträchtige Investition in Vertrauen: Es wird „soziales Kapital“ akkumuliert - in der Hoffnung auf reiche Dividende.

Das Problem: Die Affenversuche der Autoindustrie, die Milliarden-Boni der Deutschen Bank, die Unterwerfungsgesten deutscher Dax-Manager gegenüber US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos - mit alledem arbeitet nicht nur die Wirtschaft mal wieder massiv am Abbau des gemeinsamen Spielverständnisses, sondern auch eine Öffentlichkeit, die zu keiner schlüssigen, an Kriterien gebundenen Beurteilung des Geschehens mehr fähig ist. Tatsächlich deuten sowohl die Intensität als auch die Kürze des Aufschreis in allen drei Fällen vor allem auf eine Krise der Wirtschaftsethik hin: Die Skandalisierung von fragwürdigen wirtschaftlichen Praktiken einerseits und ihre Folgenlosigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille.

Denn tatsächlich gibt es in Deutschland keine Diskussion darüber, ob und warum Tierversuche zu welchen Zwecken ethisch vertretbar sind, und wir streiten auch nicht darüber, ob sich Konzerne mit ihrem Geld die Wissenschaft gefügig machen können. Wir messen das Gut der Vertragsfreiheit von Privatunternehmen nicht ernsthaft an den Kosten der Ungleichheit (Boni). Und wir stellen schon gar nicht in Frage, dass Kapital im Kapitalismus nur eine Richtung kennt - dass es immer dahin fließt, wo es mehr Kapital abwirft als anderswo, also derzeit in die Trump-USA (Dax-Manager). Statt dessen echauffieren wir uns schnell und schimpfen: über die Taktlosigkeit, die Unmoral, die Gier - moralisieren, wo komplexe moralische und ökonomische Fragen aufzuwerfen wären.

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