Tsunami-Warnungen aufgehoben: Schweres Erdbeben vor Russlands Küste hat weltweit Auswirkungen
Ein schweres Erdbeben vor der russischen Halbinsel Kamtschatka am Pazifik hat am Mittwoch zahlreiche Länder weltweit in Alarmzustand versetzt. Es wurde mit starken Nachbeben und Überflutungen gerechnet.
Das Beben hatte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS eine Stärke von 8,8 und war damit das weltweit heftigste seit dem Erdbeben vom März 2011, in dessen Folge sich die Reaktorkatastrophe in Fukushima ereignete. USGS zufolge ereignete sich das Beben in einer geringen Tiefe von 19,3 Kilometern. Das Epizentrum liege 119 Kilometer ost-südöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski, einer Stadt mit 165.000 Einwohnern. Das Beben ereignete sich laut der US-Warte um kurz vor 1:30 Uhr in der Nacht deutscher Zeit.
Es wurde vor teils meterhohen Tsunami-Wellen gewarnt. Für die Region um Kamtschatka sowie für weite Teile der japanischen Ostküste und für die US-Bundesstaaten Alaska und Hawaii wurden Evakuierungswarnungen ausgegeben. Inzwischen geben die ersten Länder vorsichtig Entwarnung. Ein Überblick:
Bis fünf Meter hohe Wellen im Osten Russlands
Nach dem schweren Erdbeben hatten mehr als drei Meter hohe Tsunami-Wellen in der Nähe der Stadt Sewero-Kurilsk Russlands Pazifikküste erreicht. Die stärkste Welle sei sogar fünf Meter hoch gewesen, berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti am Mittwochmorgen (MESZ) unter Berufung auf Rettungsdienste.
„Das heutige Erdbeben war schwer und das stärkste seit Jahrzehnten“, sagte der Gouverneur von Kamtschatka, Wladimir Solodow, in einem Video auf der Messaging-App Telegram. Russische Wissenschaftler erklärten, es sei das stärkste Beben in der Region seit 1952.
Infolge des Erdbebens kam es im Norden der russischen Inselgruppe Kurilen zu Überschwemmungen. Es habe bislang vier Tsunami-Wellen gegeben, sagte Alexander Owsjannikow, Verwaltungschef im Kreis Sewero-Kurilsk auf der Insel Paramuschir am Vormittag.
Nach Angaben des Zivilschutzes wurden der Hafen der Stadt Sewero-Kurilsk und ein Fischereiunternehmen dort teilweise überflutet. Die Bevölkerung sei evakuiert worden, darunter auch 60 Urlauber. Die Niederlassung der Russischen Akademie der Wissenschaften von Kamtschatka veröffentlichte ein mit einer Drohne aufgenommenes Video von der Insel Paramuschir. Darauf sind die Überflutungen zu sehen.
Nach Angaben von Behörden sind mehrere Menschen in der Region Kamtschatka verletzt worden. Die Patienten würden in Krankenhäusern die erforderliche Hilfe erhalten, sagte der regionale Gesundheitsminister Oleg Melnikow auf seinem Telegram-Kanal. Eine Zahl der Verletzten nannte er nicht.
Das Zivilschutzministerium hat die Tsunami-Warnung am Mittwochnachmittag wieder aufgehoben.
Arbeiter an Atomruine Fukushima evakuiert
Mehr als zwei Millionen Menschen waren in Japan aufgefordert worden, sich wegen der Gefahr durch einen bis zu drei Meter hohen Tsunami in Sicherheit zu begeben. Jetzt wurde die Warnung aufgehoben. Die Bewohner entlang der Pazifikküste sollen jedoch bis auf weiteres vorsichtig bleiben.
Der Betreiber der japanischen Atomruine Fukushima Daiichi hatte wegen der Tsunami-Warnung alle Arbeiter zur Evakuierung aufgefordert. Der Konzern Tokyo Electric Power (Tepco) bestätigte der „Japan Times“, dass sie sich alle auf höher gelegenen Gebieten in Sicherheit gebracht haben. In dem Atomkraftwerk im Nordosten des Inselreichs war es am 11. März 2011 infolge eines schweren Erdbebens und gewaltigen Tsunamis zu mehreren Kernschmelzen gekommen, nachdem die Kühlsysteme ausgefallen waren.
Die zerstörten Reaktoren müssen weiter mit Wasser gekühlt werden. Da der Platz für Tanks, in denen das strahlende Kühlwasser gelagert wird, zur Neige ging, hatte Japan vor zwei Jahren mit der Einleitung des zuvor gefilterten und verdünnten Wassers ins Meer begonnen. Tepco erklärte nun, dass das Verfahren zur Aufbereitung des Wassers nicht beeinträchtigt sei. Wegen der neuen Tsunami-Warnung sei der Betrieb vorsorglich manuell gestoppt worden.
In den Reaktoren 1, 2 und 3 befinden sich schätzungsweise 880 Tonnen zerstörter Brennelemente. Das Gremium, das die Stilllegung der Atomruine überwacht, erklärte jüngst, dass sich die vollständige Bergung der geschmolzenen Brennelemente bis 2037/38 oder später verzögern dürfte. Ursprünglich war dies bis zu den frühen 2030er-Jahren geplant gewesen.
Japan registriert über einen Meter hohe Flutwelle
An Japans Pazifikküste war eine mehr als einen Meter hohe Flutwelle eingetroffen. In einem Hafen der nordöstlichen Präfektur Iwate sei eine 1,30 Meter hohe Welle registriert worden, berichteten lokale Medien. An der Küste anderer Präfekturen wurden Flutwellen von bis zu 80 Zentimetern beobachtet. Bei einem Tsunami bauen sich Wellen mitunter in Stufen auf.
Nach Aussagen eines Regierungssprechers gab es bislang weder Berichte über Opfer noch über Schäden. Die Regierung hatte zuvor einen Krisenstab eingerichtet.
Urlaubsverkehr in Japan betroffen
Das schwere Erdbeben vor Kamtschatka hat auch wirtschaftliche Auswirkungen: In Japan ist der Verkehr wegen der Tsunami-Warnung beeinträchtigt. Dort ist gerade Hochsaison für ausländische Touristen. Der Straßen-, Bahn- und Flugverkehr sei teils unterbrochen, Fabriken mussten ihren Betrieb einstellen, meldete die japanische Wirtschaftszeitung „Nikkei“. So sei der Zugverkehr auf der Tokaido-Linie und der Yokosuka-Linie, die die Hauptstadt Tokio mit nahe gelegenen Städten verbinden, eingestellt worden, hieß es.
Japans nationale meteorologische Behörde rief die Menschen auf, sich in höher gelegene Gebiete oder Evakuierungsgebäude zu begeben. Sie sollten trotz der enormen Sommerhitze dort auch vorerst bleiben. Die Tsunami-Warnung könne noch einen Tag oder sogar länger in Kraft bleiben, hieß es. Als Folge waren Urlaubsstrände verwaist. Hunderte von 24-Stunden-Supermärkten schlossen ebenfalls vorübergehend.
Auf der nördlichen Hauptinsel Hokkaido seien mehrere Bahnhöfe, darunter in der auch unter ausländischen Touristen beliebten Stadt Hakodate, geschlossen worden. Fahrgäste und Personal aus Bahnhöfen an der Küste seien evakuiert worden.
USA melden 1,80 Meter hohe Tsunamiwelle
Auf den Midway-Inseln im Pazifik sind Tsunami-Wellen von bis zu 1,80 Metern Höhe gemessen worden. Wie hoch die Wellen auf dem etwa 2400 Kilometer entfernten Hawaii sein werden, lasse sich bis jetzt nicht sagen, erklärte der dortige Gouverneur Josh Green am Dienstag (Ortszeit).
Ein Tsunami dieser Größe entspreche etwa einer Brandungswelle von 90 Zentimetern. Die Midway-Inseln liegen etwa in der Mitte zwischen Kalifornien und Japan und sind ein US-Außengebiet. Entscheidend seien nun die nächsten zwei bis drei Stunden, sagte Green bei einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen (MESZ).
Hawaii: Häfen geschlossen, keine Flüge
Die Häfen der US-Pazifikinsel Hawaii wurden geschlossen. Die Küstenwache wies Handelsschiffe, die Häfen ansteuern wollten, an, vor der Küste zu bleiben. Auch gebe es aktuell keine Flüge von und nach Maui. Alle Flüge seien für heute Abend gestrichen worden, sagte Gouverneur Green. Etwa 200 Menschen hätten in einem Terminal Zuflucht gefunden. Die Flughäfen seien bislang nicht von Schäden betroffen.
Green ergänzte, eine Tsunamiwelle könne Bäume umstürzen, Autos wegdrücken und Zäune umreißen. Die Menschen sollten deshalb besser nicht an die Küste gehen, sondern zu Hause bleiben. „Der Aufprall erfolgt mit großer Geschwindigkeit“, warnte Green. „Menschen können bei der Wucht einer solchen Welle leicht ertrinken“. Hubschrauber und Hochwasserfahrzeuge seien einsatzbereit, falls Menschen gerettet werden müssen. „Aber bitte bringen Sie sich nicht in Gefahr“, mahnte er.
Bislang habe es keine nennenswerten Auswirkungen gegeben. „Es ist ein Segen, dass wir keine Schäden zu verzeichnen haben“, betonte der Gouverneur. Am Mittwochmittag (MESZ) stufte der US-Staat Hawaii seine Gefahrenmeldung herab, die Behörden sprachen nun nur noch von einem Tsunamihinweis.
Die US-Behörden warnen auch vor Auswirkungen an der US-Westküste. Die Wellen könnten in den Staaten Alaska, Oregon, Washington und Kalifornien bis zu 1,50 Meter hoch schlagen, teilten die Behörden am Dienstag (Ortszeit) mit. Der Wetterdienst warnte die Menschen davor, an der Pazifikküste Ausschau nach den Wellen zu halten. „Dies wird KEINE einzelne Welle sein. Versuchen Sie NICHT, an die Küste zu gehen, um Fotos zu machen“, schrieb das Wetterdienstbüro in San Francisco auf X.
Menschen in Indonesien in Sicherheit gebracht
Mehrere östliche Provinzen in Indonesien haben Tsunami-Warnungen ausgegeben. In besonders gefährdeten Küstenregionen wurden vorsorglich Schulen geschlossen und Evakuierungen eingeleitet. Betroffen war unter anderem die Provinz Nordsulawesi. „Wir sind vorbereitet, und wir sind zuversichtlich, dass wir Todesopfer verhindern können“, sagte Adolf Tamengkel, Chef der Katastrophenschutzbehörde der Provinz, bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz.
Auf den abgelegenen Talaud-Inseln wurden Schulen vorübergehend geschlossen. „Wir haben bereits Vorsorgemaßnahmen getroffen, die Schülerinnen und Schüler wurden nach Hause geschickt“, erklärte der Leiter der örtlichen Zivilschutzbehörde, Odrik Rompah.
Auch in den Provinzen Gorontalo und Nordmolukken wurden Vorsorgemaßnahmen getroffen. Indonesien sieht bisher zwar nur eine geringe Bedrohung – jedoch warnten die Behörden vor möglichen Verstärkungseffekten, besonders in schmalen Buchten oder Meeresarmen.
Tsunami-Warnung für Galápagos und Lateinamerika
Auch mehrere Länder Lateinamerikas warnen vor möglichen Tsunami-Wellen. In Mexiko rief das Tsunami-Warnzentrum der Marine die Bevölkerung dazu auf, den Stränden an der Pazifikküste fernzubleiben. Boote und Schiffe sollten nicht auslaufen. Es seien Flutwellen von 30 Zentimetern bis einem Meter Höhe möglich.
Einen ähnlichen Hinweis gaben die Behörden im benachbarten Guatemala heraus. Die Gefahr sei jedoch als niedrig einzuschätzen, teilte das Seismologische Institut des mittelamerikanischen Landes (INSIVUMEH) auf der Plattform X mit.
In Ecuador warnten die Behörden, dass Flutwellen die berühmte Galápagos-Inselgruppe erreichen könnten. Der Archipel, der wegen seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt zum Unesco-Welterbe zählt, liegt rund 1000 Kilometer vor der Küste des südamerikanischen Landes. Die Menschen sollten Strände und Häfen meiden, der Schiffsverkehr solle eingestellt werden, teilte die Regierung mit.
Für weite Teile der Küsten Perus und des benachbarten Chiles galten ebenfalls Tsunami-Warnungen. Der chilenische Katastrophenschutz teilte mit, es seien Flutwellen von einem bis drei Metern Höhe möglich. In mehreren Küstengebieten würden Evakuierungen vorbereitet, hieß es in Medienberichten. Schulen sollen vielerorts sicherheitshalber geschlossen bleiben.
Lesen Sie auch: Ein Blick aus dem All auf die Expo in Japan