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Wahlen in Russland Die Metamorphosen des Präsidenten Putin

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Die wirtschaftlichen Erfolge im Mittelpunkt

Quelle: REUTERS

Putins mächtiger PR-Apparat überlässt nichts dem Zufall: Jeden Tag legen Putins Strategen dessen Termine so, dass Abends im Staatsfernsehen reihum jene Eigenschaften betont werden, die Putin für die breite Masse der Russen wählbar macht: Ältere Damen mag Putins muskulöser Oberkörper ansprechen, den er beim Reiten ebenso gern zeigt wie beim Angeln. Die Naturverbundenheit wiederum ist etwas, was auch in der russischen Männerwelt gut ankommt, wo man dem Angel- und Jagdspot besonders verbunden ist.

Selbst Putins verbale Exzesse auf diplomatischem Parkett sind innenpolitisch motiviert: Wenn Putin bei internationalen Konferenzen die Säbel rasseln lässt, soll das jene Landsleute besänftigen, die den Verlust des Sowjet-Imperiums noch nicht verwunden haben und sich in einer multipolaren Welt mit einer neuen Weltmacht China nicht zurechtfinden wollen. Die absteigende USA als ebenbürtigen Feind hochzujazzen, der selbstverständlich auch die Opposition im Inland finanziert, zählt zu den profaneren Mitteln der Eigenwerbung im Putin-Lager.

Die Putin-Anhänger sind plötzlich empört

Wichtiger denn je ist es aber, die wirtschaftlichen Erfolge des Putin-Regimes aufzuzeigen. Darum sind die so genannten PUL-Journalisten (die Abkürzung steht für „ständig teilnehmende Personen“) mit OAO Kreml-Reisen mehrfach pro Woche auf Werksbesuchen: Es gilt, „WWP“ beim Gespräch mit Arbeitern, bei der Einweihung von Produktionsanlagen und Betriebskindergärten zu filmen. In den Abendnachrichten sollen die Bilder zeigen, dass Russland krisenresistent ist und die Wirtschaft unter Putin zuverlässig wächst.

Ausland



Die PR-Maschinerie funktionierte lange Zeit gut geölt und frisch geschmiert. Doch seit in der Finanzkrise Jahr 2008/09 offenbar wurde, dass es Entlassungen, Kurzarbeit und Inflation trotz aller Stabilitätsversprechen geben kann, ist Putins Nimbus als Retter Russlands angekratzt. Und als Putin im September mit Präsident Dmitri Medwedew vor laufenden Kameras einen Ämtertausch vereinbarte, schien der Bogen entspannt: Auch Putin-Anhänger stießen sich plötzlich an dem Maße, wie die politische Klasse ihre Entscheidungen untereinander abspricht – und anschließend fernsehgerecht präsentiert.

Russland verändert sich: Die heute 30-Jährigen plagt der imperiale Phantomschmerz nicht mehr so arg wie ihre zu Sowjetzeiten sozialisierten Großeltern. Die neuen Russen fühlen sich in der Welt zuhause und schließen Auswanderung nicht aus. Sie sprechen Englisch und suchen nach Bedingungen, um sich und ihre Träume umzusetzen. Als fragil nehmen sie die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Russland nicht mehr wahr, denn die Erinnerung an die chaotischen neunziger Jahre verblasst.

Diese Generation lässt sich denn auch nicht blenden von der Schauspielerei der Machthaber – sondern fordert messbare politische Ergebnisse, echte Reformen, eine Modernisierung der ölsüchtigen Wirtschaft. Diesen neuen Ansprüchen muss sich Wladimir Putin nach seiner Wiederwahl stellen, sonst wird er sich auch mit Hilfe eines noch so mächtiger PR-Apparats nicht im Amt halten können.

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