Zerstörtes Atomkraftwerk Ein Besuch in Fukushima

Der Kampf mit dem kontaminierten Wasser im japanischen Atomkraftwerk Fukushima kostet Milliarden - doch scheint sich langsam auszuzahlen. Ein Besuch in Fukushima.

In immer mehr Tanks wird das kontaminierte Wasser aus dem AKW Fukushima gelagert Quelle: AP

Das zerstörte Atomkraftwerk erinnert an diesem regnerischem Novembertag an ein Wimmelbild von Ali Mitgutsch: Die Laster und Kräne auf dem Gelände lassen sich kaum zählen, dazwischen überall Arbeiter mit Atemmasken und weißen Schutzanzügen zu sehen. Es wird planiert, betoniert und gebaut. Fast jede Fläche auf dem riesigen Areal wird nun bereits genutzt oder dafür vorbereitet.

Schon am Eingang zum AKW steht ein neues achtstöckiges Haus. Ab Januar sollen sich dort 1.200 Bauarbeiter ausruhen können. Die Zahl der Wassertanks ist unüberschaubar. Gerade zieht ein Kran ein Stahlstück für einen neuen Tank hoch. Auf dem Weg zum Kontrollzentrum reihen sich hinter hohen Zäunen mit NATO-Draht neue Betonblöcke an alte, verbrauchte Brennelementen.

Die enorme Geschäftigkeit trügt nicht. Die Zahl der Arbeiter ist auf täglich 7.000 gewachsen, mehr als doppelt so viel wie im Frühjahr. Doch nur wenige kümmern sich um die Stilllegung der kaputten Meiler, aus denen man den geschmolzenen Brennstoff herausholen will.

In Reaktor 4 wurde zwar letzte Woche die Bergung der abgebrannten Brennelemente beendet. Doch die hohe Strahlung verhindert jeden Zugang zu Reaktor 2. Die Arbeiten auf dem Dach von Reaktor 3 ruhen seit August, nachdem Material ins Abklingbecken fiel.

Die provisorische Schutzhülle von Reaktor 1 wurde gerade an zwei Stellen geöffnet. Aber mit seiner Stilllegung will Tepco offenbar erst 2025 beginnen, fünf Jahre später als bisher geplant. Stattdessen werden die meisten Arbeiter im Kampf gegen das kontaminierte Wasser eingesetzt.

Der Kampf gegen das radioaktive Wasser

Weiter dringen täglich 400 Tonnen Grundwasser in die Kraftwerke ein und vermischen sich mit der radioaktiven Brühe, die aus den vermutlich lecken Reaktoren tropft. Das abgepumpte Strahlenwasser wird in einer stetig wachsenden Zahl von Tanks gelagert. Unter dem Druck der Atomaufsicht hat Tepco nun ein Bündel von Gegenmaßnahmen ergriffen. Im Zentrum steht die neue "ALPS"-Reinigungsfabrik für 62 radioaktive Isotope, die Anfang Oktober in den Probebetrieb ging.

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"Der heiße Test verläuft bisher glatt", betonte Tepco-Ingenieur Shiichi Kawamura bei einem Besuch der Fabrik voller Metallzylinder mit Filtern und Absorbern. Hitachi hat sie mit Technologie von General Electric errichtet. Die Menge radioaktiver Abfälle ist um 90 Prozent kleiner als bei der ersten, zwei Jahre alte Anlage nebenan.

Diese reinigt auch chemisch und fiel daher immer wieder aus. Die neue Fabrik kann im Vollbetrieb täglich knapp 2000 Tonnen Wasser weit unter die Grenzwerte säubern. Das wären fünf Mal so viel wie die täglich neu anfallende Menge an kontaminiertem Wasser. Außerdem wird auf drei Wegen das für Menschen besonders gefährliche Strontium herausgefiltert. Anders als Cäsium lagert es sich dauerhaft in den Knochen ein.

Maßnahmen zeigen Wirkung

Daher zeigte sich AKW-Chef Akira Ono leicht entspannt. "Es sieht so aus, ob das Wasserproblem seinen Höhepunkt überschritten hat", meinte er. Ono verwies auf Tepcos sieben "Samurai"-Methoden: So wird das Grundwasser inzwischen teilweise um die Reaktoren herumgeleitet sowie direkt neben den Mauern hochgepumpt. Auch die drei Kilometer lange Eiswand im Boden, die bis April fertig sein soll, kommt voran.

In Arbeit
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Die Besucher konnten zwischen Gebäude und Turbinenhaus von Reaktor 4 eine lange Reihe von mit silberner Folie verkleideten Metallstutzen für die Kühlflüssigkeit sehen, die gerade vergraben wurden. Noch wird die Eismauer von langen Gräben unterbrochen, in denen seit dem Tsunami 11.000 Tonnen radioaktives Wasser schwappen. "Aber bis zum Jahresanfang sollten wir die Gräben mit Beton aufgefüllt haben", erklärte Ono.

Der enorme Aufwand mit Milliarden-Kosten scheint sich langsam auszuzahlen: Binnen der letzten Woche ist die Menge kontaminierten Wassers um knapp zwei Prozent auf 335.000 Tonnen erstmals gesunken. Das Volumen an gereinigtem Wasser stieg um fünf Prozent auf 193.000 Tonnen. Insgesamt sind das aber immer noch 211 große Schwimmbecken voll.

Tepco kann das selbstgesetzte Ziel, das gesamte Wasser bis Ende März zu reinigen, daher wohl nur erreichen, wenn technisch alles glatt läuft. Zudem fehlt noch eine tragfähige Lösung für das schwer zu entfernende Tritium. Vorher dürften die Fischer der Region die Einleitung des gesäuberten Wassers in den Pazifik weiter verweigern.

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